DEN HAAG / LONDON (IT BOLTWISE) – Die niederländische Regierung treibt ein nahezu vollständiges Werbeverbot für Online-Glücksspiel voran und will Anreize wie Gratiswetten konsequent abschaffen. Experten warnen, dass die Reichweite legaler Angebote sinkt, während illegale Anbieter auf Plattformen weiter profitieren. Zu den Maßnahmen zählen zudem eine Einzahlungsobergrenze über alle Anbieter sowie eine Verschärfung des Selbstausschlussregisters CRUKS. Gleichzeitig gilt ein harter Kurs auch beim Sponsoring im Sport.

In Den Haag nimmt der Konflikt um Online-Glücksspiel eine neue Schärfe an: Die Regierung plant ein fast vollständiges Werbeverbot für Glücksspiele im Netz und begründet den Schritt vor allem mit der Schadensprävention. Staatssekretärin Claudia van Bruggen treibt dazu ein Paket voran, das nicht nur klassische Werbeformen trifft, sondern auch Kapitalspritzen für Einsteiger wie Anmeldeboni und Gratiswetten. Damit geht das Land in der Regulierung über viele europäische Nachbarn hinaus und verschiebt den politischen Schwerpunkt spürbar von der Kanalisierung hin zur Eindämmung problematischen Spielverhaltens.
Technisch und prozessual ist das Paket deshalb mehr als ein reines Medienverbot: Vorgesehen sind zusätzlich eine übergreifende Einzahlungsgrenze für alle Anbieter sowie eine Verschärfung des Selbstausschlussregisters CRUKS. Die Idee dahinter ist, dass weniger Sichtbarkeit nicht nur die Werbung verringert, sondern auch die Eintrittspforte für riskante Nutzerprofile enger macht. Parallel soll das Sponsoring im Sport ab Juli 2025 vollständig verschwinden, wodurch die Regelung auch die indirekten Kontaktpunkte zwischen Sportkonsum und Glücksspielangeboten kappt. Für Unternehmen bedeutet das: Marketing- und Nutzerakquise-Strategien müssten künftig stark umgebaut werden, weil Pay-per-Click, Influencer-Kampagnen und Social-Media-Push nicht mehr wie bisher als Traffic-Hebel funktionieren.
Das Problem: Die aktuellen Zahlen deuten auf eine bereits wachsende Lücke zwischen legalem Markt und tatsächlicher Nutzeransprache hin. Laut den Daten der niederländischen Aufsichtsbehörde KSA und begleitenden Branchenstatistiken ist der Anteil des legalen Marktes am Bruttospielertrag (GGR) Anfang 2025 auf rund 49 Prozent gefallen; mehr als die Hälfte des Marktes bewegt sich demnach bereits im grauen oder schwarzen Bereich. Verschärfend kommt hinzu, dass die KSA selbst Bedenken gegen ein Totalverbot geäußert haben soll. Eine von einem Juristen beschriebenen Größenordnung unterstreicht das Dilemma: Geschätzte 95 Prozent der Glücksspielwerbung in sozialen Medien sollen bereits von illegalen Anbietern stammen, und in einer von einem Branchenverband genannten Auswertung wurden im letzten Quartal 2025 mehr als 70.000 Anzeigen auf Meta-Plattformen gezählt, wobei über 95 Prozent nicht von lizenzierten Betreibern kamen; entfernt worden seien weniger als 5 Prozent.
Regulatorisch wirkt das Gesamtpaket wie ein eskalierender Therapieversuch: Wenn frühere Instrumente nur begrenzt greifen, wird die Dosis erhöht, anstatt das Gesamtdesign zu überprüfen. In der politischen Logik wird das besonders daran sichtbar, dass die Zielsetzung sich verändert hat: Anfangs galt die Kanalisierung als Leitlinie, also das Lenken von Spielerinnen und Spielern zu lizenzierten Angeboten. Nun steht fast ausschließlich die Schadensprävention im Vordergrund, und genau dort entsteht die Konfliktlinie mit der Frage, wie illegale Anbieter in Social-Media-Umgebungen überhaupt eingedämmt werden. Als Vergleich dient Italien, wo seit 2018 das sogenannte Wurdedekret (Dignity Decree) Werbung fast vollständig untersagt. Dort wird das Ergebnis in der Branche als wenig erfolgreich beschrieben: Der illegale Markt soll florieren, und die Kanalisierung in den legalen Markt sei nur gering beeinflusst worden. Zusätzlich wird in diesem Kontext auf Umgehungsstrategien verwiesen, etwa auf Werbung, die nicht direkt den Glücksspielmarkennamen nutzt, aber inhaltlich auf Wetten zielt.
Interessant ist jedoch, dass das Nachbarland auch Belege für zielgerichtete Wirksamkeit liefert. Gezielte Maßnahmen wie ein 2024 eingeführtes Einzahlungssystem von Weerwind hätten messbar die Zahl jener Spieler reduziert, die ihre monatlichen Limits überschreiten: von 9,7 Prozent auf 2,2 Prozent (für die dort genannten Alterskohorten 18 bis 23 Jahre). Die durchschnittlichen monatlichen Verluste sanken demnach von 116 Euro auf 80 Euro. Solche evidenzbasierten Stellschrauben stehen im Raum, werden aber gegenüber dem politischen Wunsch nach einem Totalverbot offenbar nicht als priorisierte Alternative gesehen. Hinzu kommt eine weitere Belastung: Die Glücksspielsteuer soll auf 37,8 Prozent des GGR steigen, was insbesondere legale Unternehmen trifft, während der illegale Markt in den Niederlanden mittlerweile auf über 1 Milliarde Euro pro Jahr geschätzt wird.
Für Deutschland ergibt sich daraus ein doppelter Prüfstein: Zum einen zeigen die Parallelen zum Glücksspielstaatsvertrag 2021 (GlüStV 2021) und den bestehenden Werbebeschränkungen, dass der Jugendschutz und der Verbraucherfokus bereits heute im Zentrum stehen. Zum anderen ist die Architektur in Deutschland anders zugeschnitten, weil Spielerinnen und Spieler in GGL-lizenzierten Angeboten unter anderem durch Systeme wie LUGAS sowie durch Limits wie die 1.000-Euro-Einzahlungsgrenze und den Einsatzrahmen von 1 Euro pro Spin an virtuellen Automaten geschützt werden. Genau diese Schutzlogik entspricht in Teilen dem niederländischen Ansatz, nur eben mit stärkerer technischer Begrenzung statt mit konsequent reduzierter Sichtbarkeit. Ein niederländisches Totalverbot könnte jedoch als Blaupause für radikalere Jugendschutz-Forderungen wirken, falls die Kanalisierung auch ohne Werbewirkung stabil bleibt. Betreiber müssen deshalb das Risiko im Blick behalten, dass eine zu starke Beschränkung der Sichtbarkeit die wirtschaftliche Basis legaler Anbieter untergräbt und damit den indirekten Wettbewerb durch illegale Angebote verstärkt.
Für die Praxis heißt das: Wenn legale Werbung zurückgeht, verlieren lizenzierte Anbieter den direkten Draht zu ihren Zielgruppen. Illegale Anbieter wiederum können sich über soziale Medien und Suchmaschinen aggressiv positionieren, insbesondere dann, wenn ihnen keine gleichwertige öffentliche Gegeninformation zur Seite gestellt wird. Deutsche Anbieter müssen daher zugleich ihre Sicherheits- und Compliance-Vorgaben konsequent erfüllen und das Vertrauen über Seriosität und verlässliche Schutzmechanismen sichtbar machen. Der Fall zeigt zudem eine strukturelle Gefahr regulatorischen Überhanges: Der Staat kann die Kontrolle über den Markt aus dem Blick verlieren, wenn die Durchsetzung gegen illegale Werbung nicht in gleichem Tempo mitzieht. Letztlich entscheidet nicht nur die formale Regel, sondern auch die tatsächliche Nutzerspur im digitalen Raum.
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