OBER بالأPFaffenhofen / LONDON (IT BOLTWISE) – Ende 2024 stand das Flugtaxi-Startup Lilium kurz vor dem Aus. Laut Berichten sollte ein Investor 150 Millionen Euro bereitstellen, doch das Geld kam nie an. Kurz danach wurde der Unternehmensstart in die Insolvenz in Eigenverwaltung verschoben – und ein Teil der Hardware landete offenbar zum Verschrotten. Der Fall zeigt, wie eng bei eVTOL-Projekten Kapitalfluss, Zulassungsrisiken und Produktionsrealität miteinander verknüpft sind.

Wie Lilium in die Insolvenz rutschte: 150 Millionen Euro blieben aus
Wie Lilium in die Insolvenz rutschte: 150 Millionen Euro blieben aus (Foto: IT BOLTWISE)
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Ende 2024 war bei Lilium offenbar nicht mehr die technische Entwicklung der Engpass, sondern der Kapitalabfluss. Das Unternehmen, das mit elektrischen Senkrechtstartern (eVTOL) die Idee verfolgte, regionale Städte und Dörfer per Flugtaxi miteinander zu verbinden, stand nach eigenen Angaben und laut Berichten schon kurz vor dem Aus. In dieser Phase spielte ein Rettungsversuch eine zentrale Rolle: Ein Investor sollte dem Startup 150 Millionen Euro zuführen. Entscheidend ist jedoch, dass die Zahlung nach den vorliegenden Informationen nicht erfolgte – und damit ein Zeitfenster schloss, das gerade bei Branchen mit langer Entwicklungs- und Zulassungskette normalerweise nur eingeschränkt existiert.

Der Bruch mit der ursprünglichen Mission wirkt im Rückblick besonders drastisch, weil Lilium zwischenzeitlich nicht nur auf Präsentationen setzte, sondern Hardware sichtbar machte. Anfang April landeten laut Beschreibung zwei Fotos in einem Postfach und auf einer Plattform für berufliche Netzwerke. Sie zeigten den Lilium-Jet nicht in einer Halle und nicht im Flug, sondern auf dem Boden vor verlassenen Lilium-Hallen in Oberpfaffenhofen. Auf dem ersten Bild greift ein kleiner orangefarbener Bagger in das Dach des Jets; das Cockpit ist aufgerissen, Kabel führen ins Leere. Ein zweites Foto zeigte den bereits beschädigten Jet, der anschließend verschrottet wurde – ein Bild, das eher nach Abschreibung als nach Skalierung aussieht.

Technisch betrachtet ist das ein Warnsignal für den gesamten eVTOL-Markt: Sobald ein Projekt in eine finanzielle Schieflage gerät, geraten nicht nur Buchhaltung und Cashflow unter Druck, sondern auch die Frage, wie sich Prototypen, Testzellen und Systemkomponenten weiter betreiben oder in neue Finanzierungsrunden integrieren lassen. Lilium hatte zuvor Investitionen in erheblicher Höhe erhalten, darunter Gelder eines chinesischen Tech-Konzerns, der mehr als 1,5 Milliarden US-Dollar in das Unternehmen gesteckt haben soll. Genau diese Größenordnung erklärt, warum die Insolvenzfolgen nicht wie ein „kleiner Rückschlag“ wirken: Die Hardware ist nicht frei skalierbar, sondern bindet Kapital in Fertigung, Prüfstände, Instandhaltung und Zertifizierungsarbeit. Wenn dann zusätzlich eine Rettungszahlung ausbleibt, verschiebt sich die Priorität von Entwicklung auf Schadensbegrenzung.

Im Oktober 2024 meldete Klaus Roewe, Ex-CEO von Lilium, Insolvenz in Eigenverwaltung an. Davor war offenbar ein staatlich abgesicherter Kredit in Höhe von 100 Millionen Euro nicht zustande gekommen. Laut Darstellung waren daran weitere Investorengelder in dreistelliger Millionenhöhe geknüpft – das heißt: Es ging nicht um einen einzelnen Betrag, sondern um ein abgestimmtes Finanzierungs-Konstrukt, das insgesamt scheiterte. Die Eigenverwaltung gab dem Unternehmen drei Monate Zeit, neue Investoren zu finden. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass der Betrieb in dieser Phase laut Bericht zunächst weiterlief und die Teams an den Jets arbeiteten. Eine einzelne Stimmungslinie aus der Belegschaft macht das greifbar: „Ich glaube, hättest du gesagt, wir stellen euch hier die Kisten hin, baut das unentgeltlich zusammen, hättest du mindestens 20 Leute gefunden, die das gemacht hätten.“ Diese Erinnerung von Christian Pfitzner, Führungskraft bei Lilium, beschreibt weniger die Bilanz, aber sehr deutlich, wie viel Durchhaltevermögen in solchen Programmen steckt – selbst dann, wenn externe Finanzierungsbausteine wackeln.

Für Entscheider in Unternehmen mit Nähe zur Luftfahrt- und Mobilitätsindustrie ist der Fall vor allem als Betriebsschnittstelle relevant. eVTOL-Startups bewegen sich in einer Zone, in der technische Meilensteine häufig nur scheinbar unabhängig von Finanzierung sind: Flugtests, Integrationsaufwand, Batteriemanagement, Lärmdiskussionen und Sicherheitsnachweise hängen an Ressourcen, die wiederum an Investorenentscheidungen, Due-Diligence-Prozessen und vertraglichen Bedingungen gekoppelt sind. Wenn ein Investor zwar „Rettungskapital“ ankündigt, aber die Zahlung ausbleibt, kann sich aus einer positiven Roadmap innerhalb kurzer Zeit eine unüberschaubare Projektlage entwickeln. Dass in Oberpfaffenhofen offenbar Jets demontiert und verschrottet wurden, unterstreicht zudem, dass selbst vorhandene Assets bei fehlender Anschlussfinanzierung nicht automatisch als Wert erhalten bleiben.

Aus Marktsicht zeigt Lilium damit auch, wie stark der Wettbewerb um Kapital bei der Elektrifizierung des Luftverkehrs ist. Investoren prüfen in dieser Phase weniger nur technologische Fortschritte, sondern vor allem die Wahrscheinlichkeit, dass sich Finanzierung, regulatorischer Weg und Serienfähigkeit in einem konsistenten Zeitplan zusammenführen lassen. Das gilt besonders für Unternehmen, die auf eVTOL setzen, weil die technische Hürde nicht bei einem einzelnen Prototyp endet, sondern in mehreren Systemebenen sichtbar wird: Antriebskette, Aerodynamik, Redundanzen, Wartbarkeit und die Fähigkeit, wiederholbare Tests durchzuführen. Gleichzeitig entsteht für Lieferanten, Entwicklungspartner und potenzielle M&A-Kandidaten eine neue Realität: Hardware, die ursprünglich als Fortschritt galt, kann plötzlich zum Transferobjekt werden – oder zur Kostenposition, wenn sie nicht in eine konsolidierte Nachfolgelösung überführt wird.


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