WASHINGTON, DC / LONDON (IT BOLTWISE) – US-Abgeordnete bringen erneut einen Gesetzentwurf ein, der eine bestehende Steuerlücke für Krypto-Investoren schließen soll. Der Kern: Gewinne und Verluste aus Krypto sollen künftig ähnlichen Wash-Sale-Beschränkungen unterliegen wie bei Aktien und anderen klassischen Wertpapieren. Aktuell können Anleger Steuerabschläge aus realisierten Verlusten geltend machen, ohne ihre Krypto-Positionen dafür wirklich aufzugeben. Das soll sich ändern, während parallel im Senat an einer umfassenderen Krypto-Regulierung diskutiert wird.

In Washington rückt damit ein Punkt in den Fokus, der bei Krypto in den vergangenen Jahren oft nur am Rand diskutiert wurde: Steuerregeln für „Tax-Loss-Harvesting“. Konkret geht es um die Frage, warum Anleger bei digitalen Assets wie Bitcoin oder Ether Verluste steuerlich nutzen können, obwohl sie die ursprüngliche Position anschließend nicht im gleichen Umfang „entweder ganz raus oder ganz rein“ umschichten müssen. Das liegt an der Systematik des geltenden Steuerrechts, die Wash-Sale-Regeln an Wertpapierbegriffen ausrichtet, Krypto aber in der Praxis häufig anders einordnet. Genau diese Lücke soll ein neuer Vorstoß schließen.
Technisch betrachtet hängt die Debatte an der Unterscheidung zwischen „Security“ und „Property“ im Steuerkontext. Die US-Wash-Sale-Regeln, die seit 1921 existieren, sollen verhindern, dass Anleger Verluste realisieren, um damit steuerpflichtige Gewinne zu mindern, und danach die gleiche oder eine „substantially“ ähnliche Position sehr schnell wieder aufbauen. Laut Troy Lewis, CPA und Professor für Accounting und Tax an der Brigham Young University, fehlen diese Bremsen derzeit bei Krypto, weil der Staat digitale Währungen typischerweise eher als Eigentum behandelt als als Wertpapier. Dadurch kann die steuerliche Gutschrift des Verlusts entstehen, ohne dass sich am Portfolio-Charakter tatsächlich etwas Grundsätzliches ändert.
Der eigentliche Gesetzesimpuls kommt aus dem US-Repräsentantenhaus: Rep. Jodey Arrington (R-Texas) stellte im Juni den „Applying Existing Tax Anti-Abuse Rules to Digital Assets Act“ vor, der Krypto-Transaktionen ausdrücklich so behandeln will, dass sie in den Anwendungsbereich von Wash-Sale-Regeln rutschen. Auch wenn es politisch selten vorkommt, dass sich bei Steuer- und Krypto-Themen parteiübergreifend klare Mehrheiten abzeichnen, deutet der Vorstoß auf eine ungewöhnliche Konvergenz hin. Colin Wilhelm, verantwortlich für tax legislative affairs bei Grant Thornton, ordnet das als „signifikant“ ein, weil der Entwurf jetzt aus der republikanischen Seite kommt. Rep. Ron Estes (R-Kansas) verwies zudem darauf, dass die Ausdehnung der Regeln digitale Assets nicht besser oder schlechter stellen und vor allem Konsistenz sowie Klarheit für Investoren und Trader schaffen soll.
Damit rückt auch das Timing ins Bild: Der steuerpolitische Effekt würde sich besonders dann entfalten, wenn viele Anleger realisierte Buchverluste haben. Die Quelle nennt als einen Grund, dass viele Investoren in den vergangenen ein bis zwei Jahren gekauft haben und daher potenziell mit Verlustpositionen in das aktuelle Jahr gehen. Zusätzlich verweist der Text darauf, dass die Bewegung um Krypto-Steuergesetzgebung gerade in einer Phase stattfindet, in der der Kursverlauf rückläufig war; als Beispiel wird genannt, dass Bitcoin seit Oktober 2025 etwa die Hälfte seines Werts verloren habe. In dieser Gemengelage wird Tax-Loss-Harvesting für manche Portfolios plausibler, was den fiskalischen wie auch den politischen Anreiz erhöht, die Mechanik zu „entkoppeln“.
Für die fiskalische Dimension enthält der Artikel eine konkrete Schätzung aus dem Jahr 2024: Das US-Finanzministerium bezifferte die potenziellen Mehreinnahmen durch die Anwendung von Wash-Sale-Regeln auf digitale Assets auf knapp 24 Milliarden US-Dollar über zehn Jahre. Zwar bleibt abzuwarten, ob und wie schnell sich das Gesetzespaket durchsetzen lässt, weil der Kongress in Richtung Midterm Elections schaut und in den kommenden Monaten häufig Prioritäten verschiebt. Der Text hält aber fest, dass das Paket – inklusive der Wash-Sale-Komponente – in absehbarer Zeit eher unwahrscheinlich ist, dennoch als Signal für stärkeren zukünftigen Handlungsdruck verstanden werden kann.
Parallel läuft ein zweiter Strang: Im Senat wird laut Artikel ein separates, breites Krypto-Regulierungsprojekt namens „Clarity Act“ diskutiert. Dort geht es unter anderem um ein Verbot für Bundesbedienstete, digitale Assets auszugeben. Die Verbindung beider Stränge ist weniger technisch als politisch: Während der Tax-Vorstoß an der Ausgestaltung steuerlicher Verlustverrechnung ansetzt, zielt die Regulierung auf breitere Leitplanken für den Umgang mit Krypto im öffentlichen Sektor. Für Unternehmen, die Krypto-Services in den USA anbieten oder Krypto-Infrastrukturen betreiben, bedeutet diese Doppelspur vor allem mehr Planungsbedarf bei Reporting, Treuhand- und Abwicklungsprozessen sowie bei der Kommunikation gegenüber Kunden.
Wichtig ist außerdem: Die aktuelle Lücke ist nicht für alle Investoren identisch nutzbar. Wenn Krypto nicht direkt gehalten wird, sondern in Vehikeln wie Bitcoin-Exchange-Traded-Funds (ETFs), können die bestehenden Regeln greifen, weil ETF-Strukturen steuerlich eher dem Wertpapierregime zugeordnet werden. Laut Lewis gilt daher: Direkt gehaltene Krypto fällt typischerweise unter „Property“, ETF-Strukturen hingegen eher unter „Securities“. Selbst wenn Wash-Sale-Regeln künftig greifen, bleiben zudem Interpretationsspielräume denkbar, etwa durch die mögliche Argumentation, dass der Verkauf einer Position in Bitcoin und der schnelle Aufbau einer Position in Ether wegen unterschiedlicher Eigenschaften nicht „substantially similar“ sei – ähnlich wie es im Aktienkontext als Vergleich angeführt wird. Genau solche Grenzfälle sind meist der Grund, warum Steuerrechtsanpassungen nicht nur „abschalten“, sondern neue Compliance- und Auslegungsfragen erzeugen.
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