LONDON (IT BOLTWISE) – Die Kritik an den FIFA-Plänen nimmt Fahrt auf: Ein Teil der kommerziellen Rechte an künftigen Turnieren soll an Investoren verkauft werden, anschließend würden WM-Turniere über eine neue Gesellschaft organisiert. Der britische Premierminister Andy Burnham stellt dabei den Sport als Sache der Fans in den Mittelpunkt und spricht von einer Grenze, die nicht überschritten werden dürfe. Auch Joseph Blatter und die UEFA melden sich deutlich zu Wort. Während die FIFA Kontrolle über Spielkalender und Regelwerk behalten will, bleibt die Frage, wie transparent die Finanzierung und Einflussnahme künftig organisiert sein sollen.

Im Zentrum der aktuellen Auseinandersetzung steht eine sehr konkrete Strukturidee: Die FIFA plant, kommerzielle Rechte an künftigen Weltmeisterschaften teilweise an private Investoren zu veräußern. Diese Rechte sollen dann unter dem Dach eines neu zu gründenden Tochterunternehmens gebündelt werden, dessen Mehrheits-Eigentümerschaft nach Angaben des Verbandes weiterhin bei der FIFA liegen soll. Für die Debatte in Europa ist weniger die Existenz von Vermarktung an sich der Auslöser, sondern die Frage, wie weit eine Sportorganisation Rechte „verpacken“ und finanziell auslagern darf, ohne die Kontrolle über den Kern des Wettbewerbs aus der Hand zu geben.
Der britische Regierungschef Andy Burnham hat den Plan öffentlich als Angriff auf das Selbstverständnis des Fußballs eingeordnet. In einem Video bei Instagram formulierte er den Kern, dass der Fußball „nicht den Investoren“ gehöre, sondern den Menschen, die die Tribünen füllen und die Spiele Woche für Woche verfolgen. Burnhams Argumentation zielt damit auf Identität und Zuständigkeit: Wenn eine Weltmeisterschaft als „Produkt“ behandelt werde, verlagere sich die Verantwortung von Fans und Sportgemeinschaft in Richtung Finanzlogik. Diese Position wirkt auch politisch, weil sie die Vermarktung von Großereignissen nicht als Betriebsmodell akzeptiert, sondern als Grenze, die durch Intransparenz oder fehlende Fan-Nähe überschritten würde.
Auch Joseph Blatter, zuletzt in der öffentlichen Debatte häufig als Kritiker interner FIFA-Entwicklungen wahrgenommen, stützt die europäische Stoßrichtung. In einem Post bei X äußerte er wiederum Kritik am Umfeld von FIFA-Präsident Gianni Infantino und dessen Beziehung zu US-Präsident Donald Trump und bezeichnete die Nähe als Entwicklung mit finanzieller Dimension, die dem Fußball schade. Zudem schrieb Blatter, niemand habe das Recht, den Sport zu verkaufen. Auffällig ist, dass Blatters Kritik zwar nicht explizit eine konkrete Vertragskonstruktion beschreibt, aber die politische Komponente betont: Sobald Investoren- und Staatsnähe stärker zusammenwirken, verschiebt sich in der Wahrnehmung vieler Beobachter die Machtfrage, also wer am Ende den Takt vorgibt.
Die europäische Ablehnung wurde zudem institutionell untermauert. Die UEFA erklärte in einer Stellungnahme, die „Seele und Führung“ des Fußballs seien keine Handelsware – und erst recht nicht bei völliger Intransparenz darüber, wer finanziell profitiert. Der UEFA-Vizepräsident Gabriele Gravina legte diese Linie im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Ansa nach: Das Gleichgewicht zwischen Fußball als Spektakel und Fußball als großer Volksleidenschaft laufe Gefahr, durch eine gewinnorientierte Vision hinweggefegt zu werden. Gravina verbindet damit wirtschaftliche Interessen direkt mit dem Risiko für den Charakter des Sports; in der Logik der UEFA ist die Frage also nicht nur „wer hält Anteile“, sondern ob sich dadurch ein neues Zielsystem durchsetzt.
Hinzu kommt die Transparenz- und Informationslage. Der englische Fußballverband (FA) teilte dem britischen Sender BBC mit, er habe vor Veröffentlichung nichts von den Plänen der FIFA gewusst. Selbst wenn einzelne Verbände am Ende kleinere Anteile erhalten sollen, ist das Timing des Bekanntwerdens für viele Beteiligte offenbar Teil des Problems. Die FIFA selbst beschreibt die Struktur als kontrolliert: Nach Angaben des Verbandes können private Geldgeber rund 20 Prozent der Anteile an dem neu zu gründenden Unternehmen FFE erwerben; der Wert des Tochterunternehmens sei zunächst insgesamt auf 20 Milliarden US-Dollar festgelegt. In der FFE sollen die kommerziellen Rechte an Wettbewerben wie der Männer- und Frauen-WM sowie der Club-WM gebündelt werden.
Technisch und governance-seitig ist damit entscheidend, welche Rechte genau ausgelagert werden und welche Kontrollmechanismen verbleiben. Die FIFA betont, sie bleibe Mehrheitsgesellschafter des Unternehmens und behalte nach eigenen Angaben auch weiterhin die Kontrolle über den Spielkalender und alle Fragen des Regelwerks. Parallel sollen alle 211 FIFA-Mitgliedsverbände kleinere Anteile an dem Unternehmen erhalten, die sie entweder behalten oder verkaufen könnten. Für den Markt bedeutet das: Ein klassisches Rechtebündel soll investierbar werden, ohne dass der sportliche Betrieb vollständig „entkoppelt“ wird. In der Praxis könnte gerade diese Schnittstelle zwischen kommerzieller Verwertung und sportlicher Steuerung den weiteren Konflikt bestimmen – denn Kritiker fürchten weniger den Buchwert als den Einfluss, den Geldgeber über Erwartungshaltungen, Verwertungsprioritäten oder Verhandlungsmacht indirekt gewinnen könnten.
Für europäische Verbände und nationale Ligen liegt die strategische Herausforderung darin, wie sie mit einer möglichen finanziellen Differenzierung umgehen: Wenn Mitgliedsverbände Anteile erhalten, entsteht zwar formal Mitbestimmung am Kapital, aber nicht zwingend Mitgestaltung bei Vermarktungsentscheidungen. Gleichzeitig werden sich die professionellen Einheiten der Ligen fragen müssen, wie sich künftige Rechtevergabe, Medienpakete und Investitionszyklen im Kalenderplan spiegeln. Die Debatte um FIFA/FFE zeigt damit beispielhaft, wie sich der internationale Fußball in den Bereich moderner Rechteökonomien bewegt: nicht durch ein einzelnes Ereignis, sondern durch die Verlagerung von Eigentums- und Steuerungslogiken. Ob die FIFA mit der zugesicherten Kontrolle über Regelwerk und Spielkalender die europäische Sorge tatsächlich entkräftet, dürfte sich weniger an der Unternehmensstruktur entscheiden, sondern an der Transparenz, die Investorenbeteiligung, Einflusskanäle und Profitflüsse künftig nachvollziehbar macht.
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