LONDON (IT BOLTWISE) – Die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) hat die Auszeichnung „Social Positive“ ins Leben gerufen. Sie bewertet die soziale Qualität von Gebäuden und Quartieren systematisch und verknüpft Kriterien aus der Planungsphase mit einer Prüfung im laufenden Betrieb. Entscheidend ist eine Vor-Ort-Begehung, bei der auch Umsetzung und Akzeptanz messbar werden. Eigentümer erhalten damit ein zusätzliches, gemeinwohlorientiertes Qualitätslabel mit potenziell strategischer Bedeutung für die langfristige Wertstabilität.

Die Frage, wie gut sich ein Gebäude oder ein Quartier im Alltag anfühlt, wird in der Immobilienbranche häufig erst spürbar, wenn der Betrieb läuft. Genau an dieser Stelle setzt die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) mit der Auszeichnung „Social Positive“ an: Die Initiative zielt darauf ab, die soziale Qualität von Immobilienprojekten nicht nur konzeptionell zu beschreiben, sondern vor Ort zu erfassen und zu bewerten. Damit rückt ein Bewertungsansatz in den Vordergrund, der soziale Parameter aus der Planungsphase überprüfbar macht – und Akzeptanz sowie gelebte Wirkung in den Mittelpunkt stellt. Für die Branche ist das vor allem deshalb relevant, weil soziale Qualität immer stärker als Teil eines ganzheitlichen Qualitäts- und Nachhaltigkeitsverständnisses diskutiert wird, statt als weiches „Nice-to-have“ zu gelten.
Die Auszeichnung folgt dabei einem klaren Prüfmodus: Eine Expertenkommission beurteilt zunächst die eingereichten Unterlagen und entscheidet bei positivem Ergebnis über eine Vor-Ort-Begehung. Bei dieser Begehung wird nicht nur dokumentiert, was geplant war, sondern was tatsächlich umgesetzt ist. Grundlage bildet ein Fragebogen, der acht Themenfelder abdeckt. Dass die Bewertung explizit auf die tatsächliche Umsetzung und Akzeptanz zielt, adressiert einen typischen Gap in der Projektentwicklung: Konzepte für Inklusion, Partizipation oder Gemeinschaftsflächen können auf dem Papier gut aussehen, wirken im Betrieb aber nur dann, wenn sie organisatorisch und räumlich funktionieren. Die DGNB positioniert „Social Positive“ entsprechend als Rahmen, der den gemeinwohlorientierten Mehrwert sichtbar und bewertbar macht.
Laut Dr. Christine Lemaitre, geschäftsführender Vorstand der DGNB, schafft die Auszeichnung einen validen Rahmen, um den Mehrwert von Immobilien für Eigentümer und Gesellschaft gleichermaßen greifbar zu machen. Ihre Argumentation verbindet zwei Ebenen: gesellschaftliche Relevanz und strategische Bedeutung. Im Kern steht die Aussage, dass die soziale Qualität zur langfristigen Wertstabilität einer Immobilie beitragen kann – ein Punkt, der im Markt zunehmend auf Resonanz stößt, weil Nutzerzufriedenheit, Umgebungsbezug und die Qualität des Zusammenlebens zunehmend als wirtschaftlich relevante Faktoren betrachtet werden. Im Fokus stehen Projekte, die über ihre primäre Funktion hinausgehen: Sie sollen Gemeinschaftsstrukturen stärken, Partizipation ermöglichen und die Lebensqualität steigern. Auch die Einbindung in das umgebende Quartier sowie Mehrwerte für die Nachbarschaft gelten als wesentlich, nicht nur ein isoliertes Nutzungskonzept.
Der Kriterienkatalog entstand nicht im luftleeren Raum, sondern in Zusammenarbeit mit mehreren Partnerorganisationen. Dazu gehören die Green Building Councils aus Österreich, der Schweiz, Spanien und Kroatien sowie weitere Akteure wie der Deutsche Werkbund, die Hamburger Kreativ Gesellschaft, das BIS Institut für Sozialforschung Berlin, die Montag Stiftung Urbane Räume und die gif Gesellschaft für Immobilienwirtschaftliche Forschung. Als Impulsgeber und Mitinitiator wird zudem das Institut für Corporate Governance in der deutschen Immobilienwirtschaft (ICG) genannt. Solche Mehr-Akteurs-Setups sind in der Praxis wichtig, weil soziale Kriterien je nach Perspektive unterschiedlich operationalisiert werden: Was aus Sicht der Nutzer als „barrierefrei“ zählt, kann aus Eigentümer- oder Quartierssicht weitere Bedingungen erfordern, etwa für Betrieb, Steuerung oder Sicherheitskonzepte. Die DGNB versucht offenbar genau diese Brücke zu schlagen – weg von abstrakten Absichten, hin zu Kriterien, die im Projektalltag geprüft werden können.
Susanne Eickermann-Riepe FRICS, Vorstandsvorsitzende des ICG und Vorsitzende des DGNB Immobilienbeirats, ordnet „Social Positive“ explizit als Instrument ein, das ökologische und ökonomische Faktoren um die gesellschaftliche Dimension ergänzt. Sie betont die Notwendigkeit, den gesellschaftlichen Beitrag von Projekten systematisch zu messen und zu visualisieren, um die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Praktisch heißt das: Unternehmen brauchen Kennzahlen und Bewertungslogik, um sich im Markt nicht nur über Energieeffizienz oder Wirtschaftlichkeit zu differenzieren, sondern auch über die Qualität des sozialen Miteinanders. In der Logik des Verfahrens wirken die acht Themenfelder wie ein Raster, das sehr unterschiedliche Teilaspekte zusammenführt: von der Einbindung der Öffentlichkeit und der Nutzenden über Begehbarkeit und Inklusion, Gesundheit und Wohlbefinden sowie Sicherheit und Schutz bis hin zu sozialem Zusammenhalt und gemeinschaftlicher Nutzung. Ergänzt werden die Felder durch eine ökonomische und soziale Eignung, „Nachhaltigkeit mit gesellschaftlichem Mehrwert“ sowie Nutzerfeedback und Nutzerzufriedenheit. Damit wird sozialer Mehrwert als Gesamtpaket verstanden – einschließlich Feedbackschleifen, statt ausschließlich auf einmalige Maßnahmen zu setzen.
Organisatorisch ist das Verfahren zweistufig angelegt und startet aktuell in einer Pilotphase. Projekte können auch ohne bestehende DGNB-Zertifizierung angemeldet werden; zugelassen sind Gebäude und Quartiere in Deutschland sowie in den Partnerländern Österreich, Schweiz, Spanien und Kroatien. Voraussetzung ist, dass das Projekt fertiggestellt und vollständig in Betrieb ist. Diese Ausrichtung auf den laufenden Betrieb ist ein entscheidender Unterschied zu vielen reinen Planungs- oder Designbewertungen, denn sie verlagert den Fokus vom „geplant so“ zu „funktioniert so“. Genau dadurch entsteht im Verfahren eine höhere Aussagekraft für Käufer, Betreiber und im Idealfall auch für die öffentliche Wahrnehmung. Die Bewertungsunterlagen sind zudem öffentlich zugänglich, was Transparenz schafft und die Überprüfbarkeit der Kriterien im Diskurs stärkt.
Für die Unternehmenspraxis ergibt sich daraus ein klarer Impuls: Wer „Social Positive“ ernsthaft nutzen will, muss soziale Ziele früh in Planung, Abstimmung und Betriebsorganisation übersetzen. Ein Beispiel ist die Frage, wie Partizipation im Betrieb tatsächlich organisiert wird – etwa über wiederkehrende Beteiligungsformate oder über Zuständigkeiten, die Nutzerfeedback aus dem Alltag in konkrete Verbesserungen überführen. Ebenso wird die Einbindung in das Quartier nicht allein durch Layout-Entscheidungen entschieden, sondern durch Schnittstellen im Umfeld: Anbindung, Nutzbarkeit öffentlicher Bereiche und die Bereitschaft, Gemeinschaftsflächen über reine Vermarktung hinaus mit Leben zu füllen. Auch wenn das Verfahren zunächst als Pilot läuft, zeigt das Format bereits, in welche Richtung sich die Bewertung sozialer Nachhaltigkeit bewegt: weg von Einzelmaßnahmen, hin zu einem überprüfbaren Zusammenspiel aus Raum, Betrieb und Nutzererleben. Damit kann die Auszeichnung für Eigentümer und Projektentwickler zugleich ein Qualitätsnachweis und ein Steuerungsinstrument werden – und für die Branche ein gemeinsamer Standard, an dem sich Projekte künftig vergleichen lassen.
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