FARNBOROUGH, ENGLAND / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Farnborough Airshow verschiebt den Schwerpunkt spürbar von Kampfflugzeugen hin zu Waffen, Drohnen und KI-gestützten Systemen. Verantwortliche der Royal Air Force warnen vor einer volatileren Sicherheitslage und sich schnell wandelnden Bedrohungen. Gleichzeitig bleibt die Zivilfahrt ein Belastungsfeld: Engpässe bei Zulieferteilen und verzögerte Lieferketten treffen den Ausbau der Single-Aisle-Produktion. Für Airbus und Boeing steht damit weniger die Schlagzeile im Vordergrund als die Frage, wann und wie sich Kapazitäten wieder stabil hochfahren lassen.

Farnborough Airshow: Europas Verteidigung zieht Aufträge an, KI verändert Militärsysteme
Farnborough Airshow: Europas Verteidigung zieht Aufträge an, KI verändert Militärsysteme (Foto: IT BOLTWISE)
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Auf der Farnborough Airshow wird ein Strukturwandel sichtbar: Während die Hallen traditionell das Duell der großen Flugzeugbauer dominieren, rücken jetzt Waffen, Drohnen und KI-gestützte Systeme stärker in den Mittelpunkt. Der Grund ist nicht nur politischer Alarm, sondern ein praktischer Zeitdruck. Mit dem Ukraine-Krieg im fünften Jahr und dem faktisch zerfallenen Waffenstillstand im Nahen Osten steigt für viele Staaten die Notwendigkeit, schneller zu entwickeln und vor allem in Stückzahlen zu produzieren. Das wirkt sich direkt auf die Messe aus: Organisatoren erwarten, dass Verteidigung etwa die Hälfte der rund 1.600 Aussteller stellt, ein deutlicher Anstieg gegenüber historischen Anteilen.

In dieser Gemengelage erhält ein Satz aus dem Umfeld der Royal Air Force besondere Schlagkraft: Air Chief Marshal Harv Smyth machte vor der Show deutlich, dass die globale Sicherheitslage heute komplexer und volatiler sei als in vielen Jahrzehnten und dass sich Bedrohungen in hoher Geschwindigkeit weiterentwickelten. Damit verschiebt sich das Bewertungsschema für Technologien. Nicht die Frage, welche Plattform „klassisch“ passt, entscheidet zuerst, sondern welche Systeme sich unter Zeitdruck nachrüsten lassen und wie schnell eine wirksame Wirkung auch in der Masse erreicht werden kann. Genau hier setzen auch Stimmen aus der Industrie an, etwa der Ex-Airbus-CEO Tom Enders, der betont, dass sich die „zwei Welten“ traditioneller Verteidigung und schneller KI-getriebener Entwicklung längst voneinander entfernen und dadurch neue Beschleunigungswege entstehen.

Technisch und organisatorisch knüpft der Wandel an zwei Trends an: KI-gestützte Systeme und unbemannte Verbünde. Enders, der unter anderem die deutsche Verteidigungs-Startup-Welt mitprägt, argumentiert dabei nicht abstrakt, sondern mit einem Umsetzungsprinzip: Jüngere Unternehmen seien aggressiver im Einsatz eigener Mittel, während Beschaffer und Streitkräfte zunehmend verstanden hätten, dass das für eine dynamische, schnell bewegte Industrie ein funktionierender Weg sein kann. Auf der Messe zeigt sich außerdem, dass selbst wenn heute bereits existierende Kampfflugzeuge wie F-35 und Eurofighter prominent auftritt, die Budgetlogik nach hinten kippt: Neue Mittel fließen zwar weiterhin in „heutige“ Plattformen, doch die technologischen Erwartungen richten sich zugleich auf unbemannte Fighter-Kohorten, die sich in der Praxis über Software- und Automationsschichten skalieren sollen. Für Unternehmen bedeutet das: Es reicht nicht mehr, Hardware-Lieferfähigkeit allein zu versprechen; entscheidend werden Datenfluss, Trainingszyklen, Entscheidungslogik und die Fähigkeit, Sensor- und Effektorketten schnell an neue Szenarien anzupassen.

Dass ausgerechnet auf einer Flugzeugmesse so stark über Verteidigung gesprochen wird, liegt auch an der Kapital- und Marktdynamik. Berichte aus dem Umfeld der Show ordnen die Entwicklung so ein, dass Verteidigungs-Ausgründungen derzeit bei Bewertungen gegenüber etablierten Akteuren zulegen, während viele Streitkräfte weiterhin den größten Teil ihrer Ressourcen in bemannte Systeme stecken. Ein Analystenblick der Forschungsbranche, wiedergegeben über einen Managing Partner, liefert dafür den nüchternen Hebel: Die Verteidigungs-Einsteiger gewinnen zwar an Marktstatur, aber solange die Budgets primär auf manned platforms ausgerichtet bleiben, ist der Übergang Richtung unbemannter Systeme zeitlich und administrativ begrenzt. Gleichzeitig nennen Branchenvertreter Beispiele für den Innovationsdruck: Kriege in der Ukraine und Aktivitäten im Nahen Osten hätten gezeigt, dass Entwicklungszyklen und Massenfertigung härter unter Beobachtung stehen. Damit entsteht ein Spannungsfeld, in dem sich KI- und Drohnenanbieter gegen etablierte Beschaffungslogiken behaupten müssen.

Parallel bleibt die Zivil-Luftfahrt der wirtschaftliche Taktgeber, nur wird die Schlagzahl der Ankündigungen kleiner. Boeing und Airbus werden zwar neue Bestellungen und Details zu zuvor gebuchten Deals kommunizieren, doch bei weitgehend ausverkauften Lieferfenstern bis weit in das nächste Jahrzehnt dürfte die Medienwirkung abnehmen. Stattdessen rückt die operative Frage nach vorn: Wo stehen die Werke, sobald Investoren vor allem auf tatsächliche Auslieferungen schauen? Branchenquellen verweisen darauf, dass die Gesamtzahl der Deals möglicherweise deutlich unter frühen Erwartungen ausfallen könnte; selbst Überraschungen auf Airshows ändern daran selten die harte Realität von Kapazitätsgrenzen. Zudem nennt die Meldung ein konkretes Beispiel: Air China will 55 Flugzeuge von Airbus ordern. Solche Zahlen werden jedoch vor allem dann strategisch, wenn sich die Lieferkette stabilisiert.

Hier treffen zwei Baustellen aufeinander: Zulieferprobleme und der Ausbau der Produktion. Seit COVID-19 ringen viele Hersteller mit Engpässen bei Bauteilen, insbesondere bei Guss- und Schmiedestücken, die als kritische Komponenten in exakten Toleranzen gefertigt werden müssen. Für Airbus gilt ein langfristiges Produktionsziel, die Single-Aisle-Ausgabe bis 2027 um etwa 25% bis hin zu 75 Maschinen pro Monat zu steigern. Laut einem Fertigungsexperten habe sich die Lieferkette zwar gegenüber „vor einem bis zwei Jahren“ verbessert, aber noch nicht in dem Maß, das Airbus erlauben würde, genau diese Zielmarke von 75 anzusteuern. Boeing wiederum beobachtet man im selben Kontext: Wenn das Unternehmen die Produktionsraten erhöht, entstehen zwangsläufig neue Probleme auch in der eigenen Lieferkette, was die Planbarkeit zusätzlich belastet.

Auch bei Triebwerken und Innenausstattungen sind Verzögerungen ein wiederkehrendes Muster. Umso bemerkenswerter ist, dass die Messe auf der „positiveren“ Seite zugleich Impulse vom größten Triebwerkshersteller bekommt: GE Aerospace-CEO Larry Culp sagte laut Berichterstattung, die Lieferkette habe sich inzwischen spürbar gedreht („turned the corner“), auch wenn noch Arbeit bleibe. Für Leser aus der Tech- und Innovationswelt steckt in dieser Gemengelage eine klare Konsequenz: Die Verteidigungsseite lernt Geschwindigkeit als Betriebssystem, die Luftfahrtseite hingegen muss Geschwindigkeit erst wieder über Lieferketten, Qualifizierung und Fertigungsstabilität erzwingen. Genau hier wird die nächste Phase der Airshow spannend, weil sich zeigt, ob KI-gestützte Ansätze auch in industriellen Prozessen außerhalb des Schlachtfeldes die Engpässe abfedern können – oder ob die Engpasslage weiterhin darüber entscheidet, welche Ankündigungen am Ende tatsächlich als ausgelieferte Stückzahlen im Markt ankommen.


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