LONDON (IT BOLTWISE) – Amenity-Flächen für den informellen Austausch sind seit 2021 um 120% gestiegen, während Einzelarbeitsplätze von 56 auf 35% zurückgehen. Unternehmen setzen deutlich stärker auf Desk Sharing und tagesbasierte Raumkonzepte. Zur Steuerung der Nutzung greifen 78% auf Auslastungsdaten zurück. Gleichzeitig wächst der KI-Einsatz laut Studie voraussichtlich stark, und Mitarbeitende mit intensiver KI-Nutzung arbeiten im Schnitt 2,75 Stunden pro Woche mehr.

Der klassische Schreibtisch verschwindet in vielen Büros nicht über Nacht, aber die Richtung ist klar: Büroflächen werden zunehmend als sozialer Knotenpunkt verstanden, nicht als stabile „Arbeitsinsel“. Die CBRE-Studie „2026 Global Workplace & Occupancy Insights“, veröffentlicht am 28. Juli 2026, beschreibt genau dieses Umschalten. Seit 2021 sind die sogenannten Amenity-Flächen für Begegnung und informellen Austausch um 120% gewachsen. Parallel sinkt der Anteil von Einzelarbeitsplätzen von 56 auf 35 Prozent, während die Nutzung fester Plätze insgesamt weiter abnimmt.
Damit verschiebt sich auch die Logik der Arbeitsplatzplanung. Fest zugewiesene Plätze machten laut Studie 2021 noch 83 Prozent aus, 2026 sind es nur noch 55 Prozent. Hybride Modelle und Desk Sharing legen dagegen von 12 auf 36 Prozent zu. Praktisch heißt das: Planungsteams müssen weniger „Stückzahl pro Person“ optimieren und stärker „Bewegung pro Aktivität“ organisieren – also wann und wo Teams zusammenkommen, sich austauschen oder konzentriert arbeiten. Genau an der Schnittstelle zwischen informeller Interaktion und definierter Produktivzeit entscheidet sich, ob neue Flächen leer laufen oder tatsächlich Mehrwert liefern.
Ein wesentlicher Punkt in der Studie ist die Steuerbarkeit. Um die Nutzung der veränderten Flächen zu begleiten, greifen 78 Prozent der Firmen auf Auslastungsdaten zurück. Das ist mehr als ein Reporting-Trend: Ohne verlässliche Nutzungsindikatoren bleibt tagesbasierte Raumgestaltung ein konzeptionelles Versprechen. Zudem nennt die Studie Erwartungen für die Büroauslastung bis 2027 – der Blick richtet sich damit stärker auf Betriebsdaten und weniger auf reine Design-Entscheidungen bei Projektstart. Gerade Desk-Sharing-Modelle funktionieren in der Praxis nur dann gut, wenn sie mit Raumlogik, Zeitfenstern und Kapazitätssteuerung zusammenpassen.
Technisch und organisatorisch verstärkt KI den Wandel. Laut CBRE soll die KI-Nutzung um 327 Prozent wachsen. Schon jetzt setzen 79 Prozent der Unternehmen KI-Technologien ein, und 88 Prozent der Führungskräfte wollen ihre Investitionen weiter erhöhen. Auffällig ist dabei nicht nur die Zahl, sondern auch die Wirkung auf die Arbeitsrealität: Beschäftigte, die KI intensiv nutzen, arbeiten im Schnitt 2,75 Stunden pro Woche mehr als Kolleginnen und Kollegen ohne KI-Einsatz. Das passt zur Hypothese, dass KI im Büroalltag vor allem dort Produktivität freisetzt, wo Informationen schnell fließen müssen – bei Abstimmungen, Suche nach Kontext, Vorbereitung von Gesprächen und der Erstellung von Arbeitsmaterial.
Die Gestaltung der Bürofläche wirkt aber nicht nur als Infrastruktur, sondern auch als „Abstimmungsmechanismus“ für die gewünschte Präsenz. Ergänzend liefert eine Konstanzer Homeoffice-Studie aus dem März 2026 Hinweise darauf, wie stark Begegnungsflächen den Wunsch nach Distanzarbeit beeinflussen: Bei 1.017 Befragten geben 35 Prozent an, dass ihnen im Büro Begegnungsflächen fehlen. Nutzer von Desk-Sharing-Modellen möchten demnach durchschnittlich 3,40 Tage pro Woche von zu Hause arbeiten, bei Beschäftigten mit festem Arbeitsplatz sind es 2,59 Tage. In großen Großraumbüros mit mehr als 24 Plätzen liegt der Wunsch sogar bei 3,56 Tagen, in Einzelbüros dagegen bei 2,34 Tagen.
Umgekehrt deutet der Datensatz auch auf Vorteile flexibler Büros hin: Dort vermissen nur 14 Prozent Begegnungsflächen. Nutzer solcher Konzepte berichten außerdem von mehr kollegialer Unterstützung sowie geringeren Werten bei Erschöpfung und Einsamkeit. Das ist für Betreiber und HR-Funktionen relevant, weil es die Diskussion über „Kosten sparen durch weniger Fläche“ erweitert. Wird ein Büro als System aus Interaktion, Rückzug und planbaren Arbeitsmodi gedacht, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass Mitarbeitende dauerhaft Distanzarbeit bevorzugen. Dann kann die Auslastung steigen – und zwar nicht nur rechnerisch, sondern in der gelebten Nutzung.
Doch die Realität am Immobilienmarkt bleibt unter Druck. Der DIP-Büromarktbericht für das erste Halbjahr 2026 verzeichnet einen Umsatzrückgang von 6,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Frankfurt am Main trifft es besonders hart: Der Flächenumsatz bricht laut Aengevelt-Analysen um 49 Prozent auf 177.000 Quadratmeter ein, die Leerstandsquote steigt auf 11,6 Prozent. Als Ursachen werden unter anderem geopolitische Spannungen, steigende Rohstoffpreise und die Etablierung von Homeoffice-Modellen genannt. Gerade in diesem Umfeld werden neue Konzepte zur Überlebensfrage, weil sie nicht nur Flächen füllen sollen, sondern auch Nachfrage differenzieren.
Gleichzeitig gibt es konkrete Projekte, die den Trend in Richtung Service, Interaktion und Öffentlichkeit übersetzen. In Berlin-Mitte eröffnete Homaris im Juni 2026 „K48 Studios“: ein ehemaliges Bürogebäude mit 90 Serviced Apartments und integrierten Coworking-Flächen. In Potsdam steht am 4. September 2026 die Eröffnung eines Kreativ Quartiers an, das der Investor IDEAL Lebensversicherung mit 25.000 Quadratmetern umsetzt und einen großen Teil vergünstigt an die Kreativwirtschaft vergibt. In Zürich plant ON bis 2027 eine Umgestaltung des Hauptsitzes, bei der Erdgeschoss, Archiv, Bar und Showrooms für die Öffentlichkeit zugänglich werden sollen, um die Interaktion zwischen über 1.300 Mitarbeitenden und Besuchern zu fördern. Für Unternehmen entsteht daraus eine klare Schlussfolgerung: Wer Büroflächen strategisch als „produktive Bühne“ für Zusammenarbeit plant, kann sowohl Auslastung als auch Arbeitgeberattraktivität besser gestalten – und muss dafür weniger auf starre Kapazitäten setzen als auf messbare Nutzung und passgenaue Nutzungsszenarien.
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