INDIA / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein ehemaliger Perplexity-Mitarbeiter bringt mit Polar einen KI-firsten Browser für Wissensarbeit auf den Markt. Das Startup richtet sich nicht an Massennutzer, sondern an Anwender, die wiederkehrende Aufgaben im Browser automatisieren wollen. Polar verknüpft offene Tabs mit Agenten, speichert Prompts und hilft dabei, Workflows zu planen und Aufgaben zuzuweisen. Dafür bietet das Unternehmen ein Gratis-Modell mit täglichen KI-Credits sowie Abo-Pläne ab 20 US-Dollar pro Monat.

Der Browser als Oberfläche für Künstliche Intelligenz hat 2025 vor allem eines gezeigt: Der Wettbewerb dreht sich nicht mehr um die Frage, ob KI im Adressfeld „mitdenkt“, sondern darum, wie weit sich ein Browser als Ausführungsumgebung für Agenten nutzen lässt. Aus den ersten Wellen, die vor allem auf eine neue Standard-Suche und Chat-Workflows setzten, ist inzwischen eher Ernüchterung geworden. OpenAIs Atlas wird als „Geschichte“ beschrieben, während die frühere Browser-Agenda eines anderen Unternehmens auf Produktivitätsfälle fokussiert wurde. Gleichzeitig hat sich der Fokus der Branche auf Agenten und Automatisierung verlagert – und genau dort setzt Polar an.
Polar ist dabei nicht der klassische Versuch, einen weiteren KI-Dialog in eine Browseroberfläche zu kleben. Laut dem Unternehmen können Nutzer Workflows planen, Prompts speichern und Aufgaben an Agenten übergeben – basierend auf den bereits geöffneten Tabs. Das adressiert einen praktischen Engpass: Viele Wissensarbeitsaufgaben beginnen nicht mit einer Suche nach Informationen, sondern mit einer bereits laufenden Session aus Formularen, Webseiten, CRM- oder Recruiting-Seiten und Dokumenten. Ein Agent, der diese Kontextlage im Browser nutzen kann, wirkt deshalb weniger wie ein Ersatz für den Browser und mehr wie ein „Arbeitsassistent mit Zugriff“ auf die gerade stattfindende Tätigkeit.
Der personelle Hintergrund unterstreicht diesen Perspektivwechsel. Kevin Jiang, CEO von Polar, hat zuvor bei Perplexity am „Comet“-Projekt gearbeitet, das ebenfalls in Richtung Browser-Agenten ging. Für Jiang ist entscheidend, dass KI-Browser nicht bei jedem Konsumenten den erwarteten Pull auslösen. Verbraucher würden nicht täglich oder wöchentlich Flugbuchungen oder Reservierungen vornehmen – und damit fehle oft der wiederkehrende, klar umrissene Grund, warum man „einen AI browser“ als Standardinstrument wählen sollte. Polar will deshalb gezielt dort wirken, wo Aufgaben häufiger auftreten und ein planbarer Ablauf wichtiger ist als spontane Unterhaltung: bei klassischer Wissensarbeit wie Sales, Recruiting, Marketing, Forschung und Business Operations.
Technisch betrachtet hängt der Mehrwert von Polar an einer knappen, aber anspruchsvollen Schnittstelle: Agentisches Arbeiten im offenen, eingeloggenen Web. Genau diese Herausforderung nennt auch Sabrina Albert, Partnerin bei Madrona, als die „harte“ Seite des Problems. Webbrowser bringen aus Sicht solcher Systeme mehrere Vorteile mit: Man versteht, wie Menschen Websites bedienen, und vor allem sind Nutzer in den meisten relevanten Diensten bereits eingeloggt. Damit kann ein Tool schneller auf die Services zugreifen, die im Alltag am stärksten genutzt werden. Aus Produkt-Sicht bedeutet das: Der Browser muss nicht nur Informationen anzeigen, sondern Aktionen zuverlässig ausführen, Zustände erkennen und den Nutzer dabei soweit unterstützen, dass er Kontrolle behält – selbst wenn ein Agent mehrere Schritte aufeinander abstimmt.
Auch das Geschäftsmodell folgt dem Agenten-Zielbild. Der Browser soll kostenlos nutzbar sein; pro Tag erhalten Nutzer eine begrenzte Zahl an Credits, um KI-Aufgaben zu starten. Wer höhere Limits braucht, kann nach Angaben des Unternehmens Abos abschließen, die bei 20 US-Dollar pro Monat beginnen. Auffällig ist zudem, dass ein großer Teil der aktuellen Nutzerbasis den Polar-Browser vor allem als Automatisierungswerkzeug einsetzt, während ein anderer Browser als „daily driver“ im Hintergrund bleibt. Das ist ein realistisches Muster in der Übergangsphase: Viele Teams probieren neue Agenten nicht als Ersatz für ihren gesamten Workflow, sondern als Zusatz, der bestimmte Arbeitsschritte übernimmt.
Dass Polar mit dieser Positionierung Geld einsammelt, zeigt, wie ernst die Branche den nächsten Schritt nimmt. Das Startup hat eine Seed-Runde über 5,7 Millionen US-Dollar angekündigt, angeführt von Madrona. An der Runde sollen außerdem Beteiligungen von weiteren Branchenakteuren aus dem Tech-Umfeld beteiligt gewesen sein, darunter ehemalige Führung aus dem Entwickler- und Infrastrukturraum sowie Gründer aus unterschiedlichen KI- und Produktivitätsansätzen. Für den Markt ist das weniger eine Wette auf „KI im Browser“ als eine Wette auf eine konkrete Interaktionsform: Agenten, die im Browser-Kontext arbeiten und damit für Wissensarbeit messbar Zeit sparen können.
Für Unternehmen und Entwickler dürfte der interessanteste Teil weniger das UI sein, sondern die Frage, wie sich Agentenarbeit operationalisieren lässt. Wenn ein Browser Workflows plant, Prompts versioniert und Aufgaben an Agenten übergibt, entsteht daraus perspektivisch ein wiederverwendbares Muster für Routinestellen – etwa von der Recherche bis zur Erstellung von Zusammenfassungen oder von der Kandidatensuche bis zur Weiterleitung von Informationen an definierte Rollen. Genau hier entscheidet sich, ob Agenten in der Praxis „verlässlich“ werden: nicht durch einzelne Demonstrationen, sondern durch konsistente Ausführung mehrerer Schritte, die in realen Seitenzuständen funktionieren. Polar will diesen Weg über den Browser als Ausführungsort gehen und dabei „computer use“ als mögliche Ergänzung offenlassen. Damit trifft das Startup einen Trend, der derzeit alle großen Browser-Experimente überlagert: Der neue Wettbewerb ist weniger Chat gegen Suchfeld – sondern Automatisierung gegen die tägliche Handarbeit.
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