LONDON (IT BOLTWISE) – Nemetschek hat im zweiten Quartal trotz einer schwachen Gesamtwirtschaft deutlich zugelegt. Der Umsatz stieg auf 327,7 Millionen Euro, während das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) um 11,5 Prozent auf knapp 99 Millionen Euro wuchs. Unter dem Strich erzielte der Konzern 66 Millionen Euro Gewinn, rund ein Viertel mehr. Gleichzeitig belastete der zuletzt schwache Aktienverlauf die Stimmung, bevor die Integration von HCSS und KI-Features bei Bluebeam in den Fokus rückt.

Nemetschek zeigt im zweiten Quartal, dass sich der Softwareanbieter aus dem Bauumfeld derzeit nicht nur vom Konjunkturzyklus treiben lässt. Der Umsatz kletterte im Jahresvergleich um 13 Prozent auf 327,7 Millionen Euro. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen stieg um 11,5 Prozent auf knapp 99 Millionen Euro, und für die Währungsbereinigung deutet der Konzern an, dass die Zuwächse dort noch etwas stärker ausgefallen wären. Damit verschiebt sich die Diskussion weg von der Frage, ob der Markt schwächelt, hin zu der Frage, wie gut einzelne Sparten in der Lage sind, wieder Käufer für wiederkehrende Software- und Projekt-Workflows zu gewinnen.
Operativ wird die Entwicklung allerdings differenziert betrachtet. Die währungsbereinigten Zuwächse hätten zwar im Vergleich zum ersten Quartal etwas an Tempo eingebüßt, seien aber dennoch über dem gelegen, was manch Marktteilnehmer im Vorfeld erwartet hatte. Gleichzeitig fiel die operative Marge laut der Bewertung einer Analystenstimme aus dem Umfeld des Unternehmens in der Tendenz enttäuschend aus. Wichtig ist diese Trennlinie, weil sie oft erklärt, warum Aktionäre trotz solide wachsender Erlöse kurzfristig abwinken: Wachstum ist nur dann wirklich „gut“, wenn es auch mit einer stabilen oder steigenden Profitabilität einhergeht.
Auch die Börse spiegelt diese Spannung. Der Kurs fiel nach Handelsbeginn um 5,1 Prozent auf 63,75 Euro, nachdem das Papier zuvor noch stark gelaufen war. In diesem Jahr hatte die Aktie bereits deutlich nachgegeben; Anfang Januar pendelte sie noch um die 90-Euro-Marke. Die Quelle nennt als Hintergrund den Druck auf Software-Geschäftsmodelle, der aus der wachsenden Konkurrenz durch KI-Apps entsteht. Diese Gemengelage ist für Bausoftware besonders relevant, weil der Markt in vielen Bereichen bereits heute zwischen „klassischer Planung“ und „assistierter, KI-gestützter Planung“ umschaltet – und damit Kaufentscheidungen teilweise von großen Plattformen hin zu schnell nutzbaren Tools verlagert.
Unter dem Strich verbuchte Nemetschek 66 Millionen Euro Gewinn, rund ein Viertel mehr als im Vorjahr. Dazu passt die Aussage, dass die in dieser Woche angepasste Jahresprognose durch den Deal zur Übernahme von HCSS mit Wirkung zum 1. Juli aktualisiert wurde. Heavy Construction Systems Specialists (HCSS) gilt als bisher größte Übernahme des Münchner Unternehmens. Strategisch soll damit das Angebot im Infrastruktur- und Tiefbausektor verbreitert werden; in der Logik des Konzerns wird HCSS anschließend der Build-Sparte zugeordnet, die dort die Geschäfte rund um Bau-Workflows bündelt. Für Anleger und Kunden ist an dieser Stelle entscheidend, wie schnell sich gemeinsame Datenflüsse und Integrationen ergeben, denn gerade in der Bauausführung hängt Wertstiftung stark davon ab, wie reibungslos Informationen von der Planung in die Baustellen-IT übergehen.
Die Build-Sparte wächst aktuell im Konzern am stärksten und lag laut Angabe umsatzseitig im Quartal gleichauf mit der zuvor dominierenden Design-Sparte für Konstruktionssoftware. Das unterstreicht auch die Marktmechanik: Nemetschek profitiert im Bausektor von steigenden Infrastrukturausgaben, auch in den USA, die als wichtiger Markt für den Konzern gelten. Beim Zukauf verweist der Bericht zudem auf eine Bewertung von HCSS von über 2 Milliarden Euro, wie es aus Informationen zur Transaktion hervorgeht. Ergänzend wird genannt, dass die Private-Equity-Gesellschaft Thoma Bravo im Gegenzug einen Minderheitsanteil von 28 Prozent an der Sparte erhielt. Damit bleibt die Eigentümer- und Kapitalstruktur ein relevanter Faktor, weil sie später den Takt vorgibt, mit dem Integrationen, Produktlinien und gegebenenfalls weitere Add-ons umgesetzt werden.
Ein weiterer Pfeiler der Story liegt in der KI-Strategie: Nemetschek-Chef Yves Padrines hebt die Aufwertung der Hauptmarke Bluebeam durch KI-Funktionen hervor. Der Konzern setzt also nicht nur auf das Anziehen über die reine Marktnachfrage, sondern kombiniert es mit einer Produktentwicklung, die typische Pain Points im Bauprozess adressieren soll – von schnellerer Erfassung über bessere Dokumenten- und Befundprozesse bis hin zu Unterstützung bei Entscheidungen. Genau hier wird der Konflikt aus der Anfangsphase des Jahres sichtbar: Wenn KI-Apps als neue Konkurrenz auftreten, kann das für traditionelle Softwareanbieter nur dann folgenreich sein, wenn sie entweder wertvolle Ergänzungen liefern oder eigene Workflows deutlich schneller und konsistenter machen. Für die kommenden Quartale dürfte deshalb weniger die Frage „Wächst Nemetschek?“ im Vordergrund stehen, sondern „Wie stark wird das Wachstum von Marge und Integration getragen?“
Unterm Strich liefert das zweite Quartal eine klare Botschaft: Nemetschek kann trotz schwacher Gesamtwirtschaft Umsatz- und Ergebniszuwächse erzielen, während gleichzeitig eine große Integration anläuft und KI-Funktionen schrittweise in bestehende Produkte wandern. Der Aktienrücksetzer nach dem Start in den Handel deutet jedoch an, dass der Markt operative Effekte bereits kurzfristig bewertet – besonders, wenn Marge und Prognose-Diskussionen zusammenkommen. Für Unternehmen im Bau- und Infrastrukturumfeld heißt das: Wer heute in Planungs-, Dokumentations- und Ausführungssoftware investiert, sollte nicht nur auf Feature-Listen schauen, sondern auch darauf, wie gut Anbieter Übernahmen technisch zusammenführen und welche KI-Funktionen tatsächlich in End-to-End-Prozesse eingebunden sind.
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