LONDON (IT BOLTWISE) – Bei kompromittierten Coldcard-Hardware-Wallets läuft der Diebstahl von Bitcoin offenbar weiter. Laut Galaxy Research wurden in einer dritten Diebstahlwelle 207,73 BTC geleert und die beobachtete Gesamtsumme auf etwa 1.367 BTC erhöht. Das entspricht rund 88,6 Millionen US-Dollar und verteilt sich auf 4.585 Adressen. Betroffen sind insbesondere Single-Signature-Wallets, deren Funds nach Analyse der Forscher langfristig geleert werden.

Der Diebstahl von Bitcoin aus kompromittierten Coldcard-Hardware-Wallets scheint noch nicht abgeschlossen zu sein. Laut Galaxy Research beläuft sich die aktuell beobachtete Verlustsumme inzwischen auf rund 1.367 BTC, was bei den im Bericht genannten Umrechnungen etwa 88,6 Millionen US-Dollar entspricht. Aus dieser Bilanz geht auch hervor, dass es nicht bei einer einmaligen Ausnutzung geblieben ist: In einer dritten, neu identifizierten Welle sollen 207,73 BTC aus weiteren Adressen abgeflossen sein. Gleichzeitig warnen die Ermittler, dass jede verwundbare Coldcard-Adresse, die nach einem bestimmten Firmware-Update entstanden ist, früher oder später geleert wird.
Technisch dreht sich die ganze Fallgeschichte um die Qualität der Zufallswerte beim Erstellen von Seed Phrases. Die Ursache wird auf einen Firmware-Fehler aus dem März 2021 zurückgeführt: Bei Coinkite-Geräten führte demnach eine fehlerhafte Implementierung dazu, dass Seed Phrases mit deutlich zu wenig Zufälligkeit generiert wurden. Dadurch werden private Schlüssel rechnerisch wahrscheinlicher, weil Angreifer das Suchproblem verkleinern können, statt einen vollständigen Zufallsraum durchzuprobieren. Genau darin liegt der Mechanismus, warum die Abflüsse trotz Hardware-Komponente auftreten können: Die Coldcard kann zwar lokal signieren, aber wenn die zugrunde liegenden Schlüssel aus schwacher Entropie stammen, ist der Sicherheitsanker kompromittiert.
Aus der Sicht der On-Chain-Forensik liefert Galaxy Research zudem belastbare Indizien dafür, dass die Abzieh-Vorgänge nicht zufällig wirken. Die Firma beschreibt die Sweeps als gezielt und „programmatic“, also planbar durch Skripte, und nennt als mögliche organisatorische Unterstützung sogar den Einsatz großer Sprachmodelle. Wörtlich hält Alex Thorn als Kopf der Forschung fest: „I continue to investigate and add new Coldcard victim and attacker addresses to our investigation database, “ und in demselben Kontext ergänzt er: „The attack is ongoing – move your funds off Coldcard-generated addresses immediately if you have not done so.“ Der Hinweis zielt vor allem auf Single-Signature-Bestände: Wer Coins auf Adressen hält, die aus den betreffenden Coldcard-Generierungen stammen, soll sie nach Thorns Empfehlung sofort umschichten.
Besonders auffällig ist die zeitliche Distanz zwischen Erstellung der Seeds und dem späteren Abgriff. Thorn führt an, dass die gestohlenen Coins jahrelang unangetastet geblieben sein sollen; für die dokumentierten Fälle nennt er eine durchschnittliche „Dormancy“ von 3,18 Jahren. Das unterstreicht ein typisches Muster bei Wallet-Diebstählen dieser Art: Langzeit-Hodler, die bewusst selten bewegen, überstehen zwar die unmittelbaren Attack-Phasen oft, werden aber dann aktiv, wenn Angreifer die Schlüsselräume ausreichend reduzieren und systematisch sweepen können. Galaxy erklärt außerdem, dass die Gelder aus den drei beschriebenen Wellen weiterhin auf Angreifer-Adressen geparkt seien und dort noch nicht „zurückgedreht“ wurden.
Für die Markt- und Nutzerseite zeigt der Bericht, wie schnell sich bei Selbstverwahrung Routinen verschieben können, sobald eine reale Schwachstelle als Ursache identifiziert ist. Viele Betroffene reagieren laut Bericht mit einer Art Reverse-Strategie: Statt „not your keys, not your coins“ wieder als Leitmotiv zu nutzen, verlagern einige Coins zurück auf zentralisierte Börsen wie Coinbase oder Binance. Andere setzen auf frisch generierte Adressen. Daneben kommt es offenbar auch zu Situationen, in denen Nutzer die empfohlenen Schritte zeitlich nicht rechtzeitig umsetzen konnten. So beschreibt Jonathan Goodman, ein kanadischer Coach, dass ihm in einem Zeitraum von sieben Minuten am 29. Juli 18,25 BTC im Wert von rund 1,6 Millionen kanadischen Dollar aus seinen Wallets abgezogen worden seien, obwohl die Schlüssel laut seiner Schilderung in einer Sicherheitsbox gelegen hätten, die nicht mit dem Internet verbunden gewesen sei.
Für Unternehmen und Security-Teams ist der Vorfall vor allem ein Stresstest für Prozess- und Schlüsselmanagement: Er zeigt, dass „Offline“ bei der Hardware allein keine Garantie ist, wenn die kritische Entropiephase bereits kompromittiert wurde. In der Praxis bedeutet das, dass man bei Self-Custody-Wallets neben dem Gerätezugriff auch die Herkunft und Qualität der Schlüsselgenerierung bewerten muss. Gleichzeitig verknüpfen die Forscher den technischen Befund mit Koordination: Galaxy sagt, es habe rund 600 vermutete Angreifer-Adressen markiert und diese an Bundesbehörden, Compliance-Firmen sowie weitere Ermittlungsakteure übergeben. Für die nächsten Schritte bleibt entscheidend, wie schnell betroffene Nutzer ihre Bestände aus den kompromittierten Adressräumen entfernen und ob sich daraus zusätzliche Muster ableiten lassen, die eine weitere Verengung des Angriffs pflegen.
Unterm Strich ist der Fall weniger eine Einmalpanne als ein Lehrstück über die Grenzen von deterministischem Handwerk in der Kryptowelt. Wenn Seed Phrases aufgrund unzureichender Zufälligkeit angreifbar werden, wird aus einer Hardware-Schutzmaßnahme faktisch ein Soft-Fail im Kryptosystem. Für die KI- und Automationsseite ist zudem bemerkenswert, dass programmgesteuerte Sweeps offenbar in der Lage sind, große Adressmengen in kurzer Zeit zu treffen, was die Reaktionsfähigkeit von Nutzern und Austauschplattformen erhöht oder, im schlimmsten Fall, überfordert. Bis klare technische Gegenmaßnahmen, saubere Migrationspfade und verlässliche Bestätigung über die betroffenen Firmware-Versionen vorliegen, sollten Security-Verantwortliche die Empfehlung ernst nehmen, Funds zügig von Coldcard-erzeugten Adressen zu trennen und die nachgelagerte Bewegungslogik genau zu protokollieren.
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