WASHINGTON / LONDON (IT BOLTWISE) – Militärische Forschungslabore aus Luftwaffe, Heer und Marine zeichnen auf, wie sie die „Third Offset“-Strategie technisch unterfüttern wollen. Im Fokus stehen unter anderem autonome und unbemannte Systeme, Hyperschall- und Energiewaffenthemen sowie Zeit-/Ortungs- und Navigationskomponenten. Das Heer erweitert seine Kooperationsformate mit „Open Campus“ stark aus dem Stand heraus. Parallel nennt die Marine Beiträge zu Laserwaffen und Railguns – allerdings mit einer zentralen Hürde durch veraltete Infrastruktur.

US-Militärforschung treibt „Third Offset“: Labs, Budgets und KI-Ansätze
US-Militärforschung treibt „Third Offset“: Labs, Budgets und KI-Ansätze (Foto: IT BOLTWISE)
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In Washington haben Leiter mehrerer US-Militärforschungseinrichtungen die Richtung für die nächsten technischen Schritte in der Verteidigung beschrieben – und dabei vor allem eines klar gemacht: „Third Offset“ ist weniger als einzelnes Produkt zu verstehen, sondern als programmatische Wette auf Automatisierung, Integration und neue Systemarchitekturen. Die Runde im Umfeld des House Armed Services Committee ordnete die Arbeiten nicht nur historisch ein, sondern rückte konkrete Forschungs- und Entwicklungsstränge in den Mittelpunkt, die in zukünftigen Operationen Wirkung entfalten sollen. Auffällig war dabei, wie stark sich die Labore vom reinen Plattformdenken lösen und stattdessen Fähigkeiten quer über Teilbereiche modellieren, testen und skalieren wollen.

Bei der Air Force Research Laboratory steht die Budget- und Schwerpunktlogik für frühe Innovationszyklen im Vordergrund. Für das Haushaltsjahr 2017 nennt der Air Force Research Lab-Kommandeur eine Anfrage von rund 2,5 Milliarden US-Dollar, also etwa 4,5 % mehr als im Vorjahr. Die Mittel sollen unter anderem in „small advanced-capability“ für eine neue Art von Missile-Ansatz, in „low-cost delivery vehicle“, in Demonstrationen für einen high-speed strike weapon sowie in Komponentenwaffentechnologien fließen. Ergänzend werden Position-, Navigations- und Timing-Technologien adressiert, explizit als direkte Unterstützung des Third-Offset-Konzepts. Auch organisatorisch setzt die Air Force laut Aussage auf ein neues strategisches Planungs- und Experimentier-Office, das die Entwicklung vom Plattformfokus in Richtung mehrdimensionale, strategiebasierte Lösungen aus Luft, Raum und Cyberspace verschiebt. Dazu gehören Modeling-and-Simulation, War Gaming und Daten als Grundlage für die Priorisierung in besonders wichtigen Missionsbereichen.

Das Heer adressiert die technische Seite des Third Offset über eine breitere Innovationskultur und eine koordinierte Ökosystem-Strategie. Der amtierende Direktor der Army Research Laboratory betont, dass zukünftige Kriegsführung Unsicherheit und Komplexität erhöht und damit Forschung in unterschiedlichen Wissenschafts- und Technologiefeldern erfordert. Entscheidend sei dafür eine agile Arbeitsweise mit kollaborativer Durchlässigkeit zwischen Behörden, Hochschulen und der Privatwirtschaft. Konkreter wird er beim „Open Campus“-Geschäftsmodell: Es setzt auf drei Initiativen – modernisiertes Workforce-Management mit Richtlinien, gemeinsame Einrichtungen mit Partnern sowie das Fördern einer unternehmerischen und innovationsorientierten Kultur. In einem Jahr sei die Zahl der Open-Campus-Vereinbarungen mit Wissenschaft und Industrie von 60 auf über 180 gestiegen; weitere 170 seien zur Verhandlung. Zusätzlich nennt er, dass die Vereinbarungen mehr als 23 Millionen US-Dollar über Partner der Army mobilisiert hätten. Auch der geografische Zugriff spielt eine Rolle: Bereits 2016 wurde „ARL west“ in Playa Vista, Kalifornien, eröffnet, und bis Ende des Jahres sollen ähnliche Hubs in Chicago und Austin entstehen.

Parallel dazu beschreibt die Army Engineer Research and Development Center-Instanz, wie viel Rechenleistung und Personal direkt in die Umsetzung solcher Forschungsagenden fließen. Die Einrichtung verwaltet unter anderem das „high-performance computing modernization program“, das Supercomputing-Fähigkeiten für Forschung, Entwicklung sowie Tests und Evaluation im gesamten Department of Defense bereitstellt. Für 2016 nennt Holland zudem ein Programmvolumen von 1 Milliarde US-Dollar, davon 500 Millionen US-Dollar für reimbursable Projekte aus allen Militärdiensten, dem Office of the Secretary of Defense und den meisten Bundesbehörden. Beim Personal geht es um Skalierung: Für das laufende Haushaltsjahr und die nächsten fünf Jahre peilt ERDC an, mehr als 800 zusätzliche Wissenschaftler und Ingenieure einzustellen – und nennt als Basisgröße 2.100 Ingenieure, Wissenschaftler und Support-Personal. Inhaltlich spannt ERDC mehrere Anwendungslinien: Force-Protection-Technologien werden im Einsatzumfeld zur Absicherung von Truppenstandorten gegen Raketen- und Mörserangriffe beschrieben; zudem kommen Tunnel-Detektionstechnologien etwa im Kontext Irak, entlang der Ägypten-Gaza-Grenze und an der US-Mexiko-Grenze zum Einsatz. Daneben liefert die Organisation Lösungen für Energie, Wasser und Abfall und positioniert sich als führend in der Energie-F&E für „contingency basing“.

Auch die Naval Research Laboratory verknüpft historische Kompetenz mit aktuellen Third-Offset-Schwerpunkten. Der amtierende Forschungsleiter erinnert daran, dass die NRL als Idee bereits 1915 von Thomas Edison angestoßen und später 1923 realisiert worden sei. Über rund 90 Jahre führt er mehrere technische „Firsts“ an: die Entwicklung des ersten US-Radars, den ersten operativen US-Sonar-Ansatz, ein Intelligence-Satellitenprojekt im Kalten Krieg sowie die Idee und Prototypen für Satelliten, die heute im Global Positioning System weiterwirken. Für die Gegenwart betont er, dass man sich bei regionalen Konflikten und einer ungewissen Zukunft auf Schlüsseltechnologien konzentriere, die mit der Third-Offset-Logik kompatibel sind. Genannt werden Beiträge zu Laserwaffen und Railguns: Bei Laserwaffen wird die Architektur für ein neues Navy-Waffensystem über incoherently combined high-power fiber lasers vorbereitet und simuliert; beim Railgun-Programm startet der Zeitanker 2003, und es wird als kritischer Baustein für hypervelocity electric weapons beschrieben. Praktisch setzt NRL dabei stark auf rapid prototyping und Experimente, um wissenschaftliche Ergebnisse schneller in Demonstrationen operativer Fähigkeiten zu überführen.

Für Unternehmen und Forschungspartner ergibt sich daraus ein klares Bild darüber, wie sich Entwicklungsarbeit in Richtung KI-unterstützter Entscheidungs- und Automatisierungsfähigkeit verlagern kann – auch wenn in den Aussagen nicht jedes Mal der Begriff KI als alleinige Schlagworttechnik auftaucht. Die genannten Schwerpunkte (Simulation, War Gaming, Daten für Priorisierung, HPC-Modernisierung, schnelle Prototypierung) sind funktional genau jene Bausteine, mit denen sich moderne KI-Workflows realistisch in sicherheitskritische Engineering-Zyklen übersetzen lassen: Datenpipelines für Tests, Modellbewertung im Loop und systematische Verifikation im Zusammenspiel. Gleichzeitig macht die Marine einen Punkt besonders deutlich: Neben den inhaltlichen Programmen bleibt die größte Hürde laut Franchi die alternde Infrastruktur – das Alter der Gebäude auf dem Hauptcampus liege im Schnitt bei 59 Jahren. Damit verschiebt sich die Debatte nicht nur auf „was“ erforscht wird, sondern auch auf „womit“: Hardware, Laborumgebungen und Testkapazitäten bestimmen, wie schnell neue Technologien überhaupt konsistent in die nächste Reifestufe gelangen. Genau hier liegt ein Spannungsfeld, das die nächsten Haushaltszyklen in den Fokus rücken dürfte: mehr Experimentierbudget nützt wenig, wenn die physische Plattform für Prototypen und Versuche nicht mitwächst.


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