LONDON (IT BOLTWISE) – Ein laufender Angriff auf eine Bitcoin-Hardware-Wallet hat nach Angaben von Forschern insgesamt rund 1367 Bitcoin erbeutet. Galaxy Research beschreibt mehrere Angriffswellen, bei denen Gelder aus hunderten Adressen abflossen. Die Ursache soll in einer Firmware-Verarbeitung liegen, die in bestimmten Versionen statt eines sicheren Hardware-RNG-Mechanismus auf einen deterministischen Fallback zurückgriff. Coinkite hat daraufhin aktualisierte Firmware bereitgestellt, warnt aber vor Seeds, die vor dem Fix ohne ausreichende Entropie erzeugt wurden.

Coldcard-Hack: Angreifer könnten Seed-Keys aus schwacher Entropie ableiten
Coldcard-Hack: Angreifer könnten Seed-Keys aus schwacher Entropie ableiten (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Vorfall trifft vor allem Menschen, die bei Bitcoin bewusst auf Hardware-Wallets setzen: Coldcard gilt als spezialisierte Bitcoin-only Lösung, bei der private Schlüssel möglichst im Gerät bleiben sollen. Genau dieses Sicherheitsversprechen geriet jedoch unter Druck, nachdem eine Schwachstelle in der Firmware laut den zugrunde liegenden Analysen dazu geführt hat, dass die Seed-Erzeugung in bestimmten Fällen nicht die erwartete Kryptostärke erreicht. Damit verschiebt sich der Fokus weg vom klassischen Szenario „Gerät kompromittiert“, hin zu einem problematischen Schritt in der Kettenkonstruktion: der Frage, wie aus Zufallszahlen die Wallet-Seed-„Master Keys“ abgeleitet werden.

Konkret berichten Forschende von einer ersten Angriffswelle, die am 30. Juli gestartet sein soll. Innerhalb eines 41-minütigen Zeitfensters seien laut Galaxy Research 1.082,65 Bitcoin (entsprechend rund 70 Mio. USD) aus 1196 Adressen abgeflossen. Die Untersuchung führt diese Gelder vier Adressen zu, die von Angreifern kontrolliert wurden, und deutet die Vorgehensweise als höchst wahrscheinlich automatisiert. Am 1. August folgten eine zweite und dritte Welle, wodurch der Gesamtbetrag auf 1367 Bitcoin (88,6 Mio. USD) anstieg und sich die Zahl betroffener Adressen auf 4385 erhöhte.

Entscheidend für die technischen Konsequenzen ist, was im Hintergrund der Firmware-Fehler passieren soll. Ein Bericht des für Bitcoin-Engineering und Security verantwortlichen Teams bei Block ordnet den Ursprung einem Firmware-Problem zu, das laut Darstellung bereits auf das Jahr 2021 zurückgeht. Demnach habe die Wallet manchmal keinen hardwarebasierten Zufallszahlengenerator (RNG) verwendet, um Seeds zu erzeugen. Stattdessen sei ein Fallback-Generator zum Einsatz gekommen, der deterministisch arbeite. In der Kryptografie bedeutet „nicht ausreichend zufällig“ nicht nur einen Komfortverlust, sondern einen Kernbruch: Wenn die erzeugten Zahlen zu reproduzierbar sind, können Angreifer die Schlüsselherkunft außerhalb des Geräts nachstellen.

Dieser Mechanismus erklärt auch, warum der Angriff nicht zwingend mit einem unmittelbaren Live-Diebstahl aus dem Gerät verbunden sein muss. Wenn ein Seed aus zu wenig Entropie entsteht, lassen sich die möglichen Seed-Zustände im Prinzip offline durchprobieren oder systematisch rekonstruieren. Aus Sicht des Angreifers genügt es dann, die Wallet-Seed-Bedingungen zu kennen bzw. plausible Grenzen der Unsicherheit zu nutzen. Im Extremfall reduziert sich das Suchproblem so weit, dass die resultierenden Schlüssel in einer praktikablen Zeitspanne berechnet werden können. Dass Galaxy Research die Aktivität als wahrscheinlich automatisiert beschreibt, passt dazu: Wer Schlüssel ableiten kann, automatisiert die Konsolidierung in kontrollierte Adressen, statt auf manuelle Schritte zu setzen.

Für Anwender ist dabei nicht nur die Firmware-Version relevant, sondern auch der genaue Zeitpunkt der Seed-Erzeugung. Coinkite hat nach den Berichten aktualisierte Firmware für betroffene Modelle und Release-Tracks veröffentlicht und Nutzer aufgefordert, auf betroffenen Geräten keine neuen Seeds zu generieren, bevor das Update installiert ist. In der veröffentlichten Empfehlung wird außerdem eine Risikobedingung mitgegeben: Seeds, die auf Mk2 oder Mk3 Version 4.0.1 (März 2021) bis einschließlich 4.1.9 erstellt wurden, sollen insbesondere dann gefährdet sein, wenn die Seed-Erzeugung nicht mindestens 50 „fair, independent, private dice rolls“ umfasst. Zusätzlich wird betont, dass der Wallet-Schutz über eine starke, eindeutige BIP-39-Passphrase abgesichert sein muss, um das Risiko deutlich zu reduzieren.

Auch Seeds, die auf Mk4, Q und Mk5 vor den Fix-Firmware-Releases erzeugt wurden, gelten der Darstellung zufolge als betroffen. Hier lautet die Kerninformation: Es werden nur etwa 72 Bits Entropie statt der erwarteten 128 Bits erreicht. Diese Kennzahl ist wichtig, weil Entropie direkt mit der Größe des effektiven Suchraums korreliert; weniger Entropie heißt, dass der Aufwand zur Rekonstruktion potenziell sinkt. Neben der Entropie spielt damit die Passphrase als zusätzlicher Schutzfaktor eine Rolle: Eine robuste BIP-39-Passphrase kann die Angriffsfläche verkleinern, indem sie die Schlüsselableitung in einen Bereich verschiebt, der ohne Kenntnis der Passphrase nicht mehr praktikabel reproduzierbar ist.

Die Sicherheitslage wird darüber hinaus als dynamisch beschrieben. Galaxy Research weist in einem Beitrag darauf hin, dass der Coldcard-Exploit weiterhin andauern soll, und rät dazu, Single-sig-Gelder, die über Seeds aus den betroffenen Bedingungen erzeugt wurden, unverzüglich in sichere Umgebungen zu übertragen. Zusätzlich wird berichtet, dass das Forschungsteam rund 600 Adressen identifiziert habe, bei denen es sich um potenzielle „Hacker-Assets“ aus Coldcard-generierten schwachen Entropie-Adressen handelt, die an Ermittler und branchennahe Compliance-Stellen weitergegeben worden sein sollen. In der Praxis bedeutet das: Unternehmen, die Hardware-Wallets für Treasury, Sicherheitsreserven oder längerfristige Investments verwenden, sollten ihre internen Prozesse zur Gerätepflege und Schlüsselhygiene nun als aktiv zu überprüfenden Bestandteil der Cyber-Risikobewertung behandeln.

Markt- und Branchenwirkung entsteht hier an zwei Stellen. Erstens zeigt der Vorfall, dass selbst bei Geräten mit starker physischer Abschottung die Seed- und RNG-Pfade die eigentliche „Root of Trust“ darstellen. Zweitens erhöht die Kombination aus veröffentlichten Firmware-Fixes und klaren Risikokriterien den Druck auf Nutzer, nicht nur „ein Update“ aufzuspielen, sondern die Historie der Seed-Erzeugung zu kennen. Für die KI-/Security- und Entwicklerlandschaft liegt eine weitere Lehre darin, wie stark deterministische Fallbacks in sicherheitskritischen Komponenten die Angriffsmöglichkeiten erweitern können: Wo Tests Zufallskanäle nur funktional verifizieren, aber keine kryptografische Entropieeigenschaft belegen, entsteht später ein reproduzierbares Muster. Damit wird der Coldcard-Fall zu einem Marker für eine breitere Erwartung: Hardware-Wallets müssen nicht nur korrekt signieren, sondern in jeder Version nachvollziehbar quantifizierbar zufällige Entropie liefern.


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