WIEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der österreichische und deutsche Mittelstand spürt laut einer VDA-Umfrage deutlich strengere Kreditkonditionen. Besonders Autozulieferer berichten: 44 Prozent bewerten das Bankverhalten als restriktiv, 22 Prozent sogar als komplette Kreditverweigerung. Gleichzeitig verlängern sich Zahlungsziele spürbar, was Liquidität schnell zum Engpass macht. In mehreren Branchen greifen Unternehmen deshalb zunehmend auf Sanierungsinstrumente und Kreditbürgschaften zurück.

Mittelstand unter Druck: Restriktive Kredite, längere Zahlungsziele und mehr Insolvenzen
Mittelstand unter Druck: Restriktive Kredite, längere Zahlungsziele und mehr Insolvenzen (Foto: IT BOLTWISE)
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Die wirtschaftliche Lage im deutschen und österreichischen Mittelstand verschärft sich gerade an gleich zwei Stellen: bei der Kapitalbeschaffung und bei der Liquiditätsrechnung im Tagesgeschäft. Während Unternehmen Rechnungen an Abnehmer stellen, wird die Rückzahlung immer häufiger in die Zukunft verschoben; parallel signalisieren Banken laut den genannten Branchenrückmeldungen bei der Kreditvergabe mehr Zurückhaltung. Die Folge ist ein klassisches Timing-Problem: Selbst wenn eine Firma operativ noch Umsatz macht, klafft zwischen Eingangs- und Zahlungsströmen eine Lücke, die sich bei knappen Kapitalreserven rasch in eine Zahlungsunfähigkeit übersetzen kann.

Für Autozulieferer verdichtet sich dieser Effekt besonders deutlich. Eine Umfrage des Verbands der Automobilindustrie (VDA) nennt 44 Prozent der befragten Unternehmen, die das Verhalten der Banken als restriktiv bewerten; 22 Prozent berichten sogar von kompletter Kreditverweigerung. Die Insolvenzzahlen der Branche liefern dazu ein belastbares Mengengerüst: Für 2025 werden bei Zulieferern mit über 10 Millionen Euro Umsatz 59 Insolvenzen genannt, nach 56 im Vorjahr. Zwischen 2020 und 2025 summieren sich die Fälle auf 257, was zeigt, dass es sich nicht nur um eine kurzfristige Schwankung handelt, sondern um ein über mehrere Jahre anhaltendes Risikoprofil. Hinzu kommt die Margenrealität: Wenn EBIT-Margen häufig unter fünf Prozent liegen, reicht bereits eine moderate Störung im Cashflow aus, um finanzielle Spielräume zu verengen.

Auf der Liquiditätsseite kommt ein zweiter Treiber hinzu, der in der Praxis oft unterschätzt wird: längere Zahlungsziele. Eine Creditreform-Studie, die rund vier Millionen Rechnungen auswertete, beziffert für das erste Halbjahr 2026 ein durchschnittliches Zahlungsziel von 32,21 Tagen; das entspricht einer Ausweitung um 0,75 Tage gegenüber dem Vorjahr. Besonders stark betroffen sind große Abnehmer mit über 250 Beschäftigten, die im Schnitt 35,51 Tage Zeit lassen. In der Chemie- und Kunststoffbranche liegt das Zahlungsziel sogar über 40 Tagen. Für kleinere Zulieferer bedeutet das: Sie finanzieren nicht nur Produktion und Personal, sondern teilweise indirekt auch die Working-Capital-Praxis ihrer Kunden. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass kurzfristige Kreditlinien oder Factoring-Modelle schneller an Grenzen stoßen.

Dass Liquiditätsengpässe auch einzelne größere Akteure treffen können, illustriert das Beispiel PANDION AG: Das Unternehmen kündigte an, eine am 5. August fällige Zinszahlung auf eine Unternehmensanleihe vorerst nicht leisten zu können. Solche Meldungen wirken nicht nur in der betroffenen Bilanz, sondern verändern auch die Wahrnehmung von Risiko in Lieferketten und bei Vertragspartnern. Parallel melden prominente Namen Insolvenzfälle oder Sanierungswege; genannt werden unter anderem Adenauer & Co., Depot, Sono Motors, Karl Mayer Kartonagenfabrik und Café Engländer. Bei Adenauer & Co. soll die Geschäftsführung als Ursache einen Betrugsschaden in einer ausländischen Produktion genannt haben; bei Café Engländer wird im Kontext des Sanierungsverfahrens der Abfluss von Vermögenswerten zu Verbindlichkeiten von rund 1,1 Millionen Euro erwähnt.

Wenn Unternehmen in solchen Situationen schneller handeln wollen, rückt das Früherkennungs- und Restrukturierungsinstrumentarium in den Vordergrund. In der Quelle wird betont, dass Insolvenzgefahr häufig aus Unwissenheit entsteht und dass zu den gesetzlichen Insolvenzgründen neben Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung auch die drohende Zahlungsunfähigkeit zählt. In Deutschland sind dafür etablierte Wege wie das Schutzschirmverfahren oder die Eigenverwaltung relevant; außerdem kommt mit dem StaRUG ein Rahmen hinzu, um vor dem „klassischen“ Insolvenzstadium zu stabilisieren. Historisch betrachtet haben sich diese Werkzeuge als Reaktion auf die Erfahrung entwickelt, dass Unternehmen zu oft erst bei akutem Kassenbestand handeln können, obwohl sich Probleme statistisch und operational früher zeigen: etwa bei anhaltenden Bestands- und Forderungskennzahlen, gescheiterten Umschuldungen oder wiederkehrenden Fristverlängerungen in Lieferbeziehungen.

Auch Förder- und Finanzierungslösungen reagieren auf das gleiche Muster: zu langsame Entscheidungen in Krisenphasen. Die Quelle nennt etwa eine „24-Stunden-Bürgschaft“ der Bürgschaftsbank Sachsen, bei der über Kreditbürgschaften bis 375.000 Euro innerhalb eines Werktages entschieden werden soll. Für Unternehmen bedeutet das in der Praxis weniger Planungssicherheit „auf dem Papier“, aber potenziell mehr Tempo an der entscheidenden Stelle: wenn laufende Investitionen und Zahlungspläne kurzfristig umgestellt werden müssen. Gleichzeitig zeigt der Bericht, dass staatliche Sicherungssysteme nicht unbegrenzt tragen: In Österreich droht dem Insolvenzentgeltfonds (IEF) ein massives Defizit, weil Rücklagen von 888 Millionen Euro im Jahr 2021 auf 385 Millionen Euro Ende 2024 gesunken sind; für 2027 wird ein Fehlbetrag von 160 Millionen Euro erwartet. Damit entsteht politischer und wirtschaftlicher Druck, die Beitragssystematik zu stabilisieren.

Für die nächste Phase dürfte daher entscheidend sein, wie konsequent Restrukturierung, Cashflow-Steuerung und Finanzierung verzahnt werden. Wer nur die Bankgespräche betrachtet, übersieht, dass sich Zahlungsziele durch große Abnehmer über die Zeit „aufbauen“ und dann in der Bilanzschieflage sichtbar werden. Umgekehrt helfen reine Sanierungsprogramme ohne operative Liquiditätsplanung selten, weil Forderungen weiter anwachsen und neue Verpflichtungen zeitversetzt eintreffen. Für IT- und Dienstleistungsanbieter im Umfeld von Controlling, Treasury, Forderungsmanagement und Kreditrisiko ergeben sich daraus konkrete Chancen: Unternehmen brauchen Systeme, die nicht nur Kennzahlen anzeigen, sondern Frühwarnlogik abbilden, Schnittstellen zu Buchhaltung und ERP sauber integrieren und Restrukturierungsfahrpläne in dokumentierbare Entscheidungen übersetzen. In der Restrukturierungslandschaft Europas konkurrieren dabei verschiedene nationale Ansätze; unterm Strich geht es aber in allen Ländern um dasselbe Ziel: Zeit gewinnen, bevor der Cashflow kippt.


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