LONDON (IT BOLTWISE) – Mike Steiner zeigt in aktuellen Arbeiten, wie Bewegung im Standbild spürbar wird: Linien flirren, Flächen vibrieren. In Ausstellungsformaten wie „Live to Tape“ wird er nicht nur als Videokünstler erinnert, sondern als Künstler, der das Wissen aus Fotografie, Super-8 und Copy Art in die Malerei überführt. Besonders „Painted Tapes“ fungieren als Übersetzung zwischen Videobild und malerischer Geste. Damit wird Berlin zur Bühne, auf der Medium, Erinnerung und Handwerk neu zusammenspielen.

Bewegung im Standbild ist bei Mike Steiner kein Effekt, der sich mit Worten schnell erklären lässt. Wer seine aktuellen Arbeiten vor sich hat, erkennt vor allem eine Art fortlaufende Spannung: Linien wirken, als würden sie am Rand des Stillstands flimmern, und Farbflächen scheinen zu vibrieren, als wäre das, was sonst im Video entsteht, nun in die Malerei eingeschrieben. Genau an dieser Schnittstelle zwischen dem, was das Auge als „getaktet“ wahrnimmt, und dem, was die Leinwand als Material bleibt, entsteht der Reiz seines Werks. Die Formel „Mike Steiner Malerei & Videokunst“ beschreibt dabei nicht nur eine biografische Zweigleisigkeit, sondern ein Arbeitsprinzip: Medien werden nicht gegeneinander ausgespielt, sondern nacheinander genutzt, um Bilder anders zu speichern.
Dass diese Logik auch institutionell verankert ist, zeigt die Rezeption, die Steiners Weg seit Jahren mit Großformaten und Sammlungslogiken verbindet. Eine Einzelausstellung namens „Live to Tape“ rahmt ihn nicht als abgeschlossene Retrospektive, sondern als Fortführung einer Videokunst-Praxis, die sich in ein kollektives Gedächtnis einschreibt. Der Begriff „Archivieren“ fällt dabei nicht beiläufig, sondern bekommt eine präzise Bedeutung: Es geht um das Schreiben von Geschichte durch Zugänglichkeit und Kontext, also darum, wie Performance- und Videodokumente überhaupt in eine nachvollziehbare Linie gesetzt werden. Der Hinweis auf das „Archivio Conz“ steht in diesem Zusammenhang weniger für eine Genealogie als für die konkrete Netzwerkidee hinter Fluxus – also für eine Kultur, in der Formate, Orte und Akteure wiederholt zusammenlaufen.
Steiners Biografie liefert für diese Medienverschiebung eine nachvollziehbare Dramaturgie. 1941 in Ostpreußen geboren, wächst er in Berlin auf, einem Milieu, das durch Nachkriegserfahrung und frühen Avantgarde-Aufbruch geprägt ist. Seine künstlerische Praxis beginnt früh in der Malerei; 1959 debütiert er auf der Großen Berliner Kunstausstellung. Später kommt intermediale Erfahrung hinzu: Das Studium an einer Hochschule für bildende Künste und sein Aufenthalt in New York bei Künstlerpersönlichkeiten wie Lil Picard, Allan Kaprow oder Robert Motherwell erweitern den Blick auf Kunst als Ereignis, Kopplung und Experiment. In den späten 1960er-Jahren kreist er dann um Zentren wie Berlin, Mailand und Paris, während seine Arbeiten zugleich mit Figuren wie Georg Baselitz oder Karl Horst Hödicke in Verbindung gebracht werden. Wichtig ist aber: Steiner ordnet sich nicht dauerhaft nur einem Medium unter. Er übernimmt vielmehr Konzepte – von Fluxus bis Minimal – und baut daraus ein eigenes Vokabular, das sich je nach Werkphase neu ausrichtet.
Technisch betrachtet wird das besonders an den „Color Works“ und an jenen Arbeiten sichtbar, die Abstraktion in ein malerisches Repertoire übersetzen. Hier wird der Weg von der „seriellem Minimalismus“-Logik zu einer Malerei nachvollziehbar, die nicht nur Fläche organisiert, sondern Referenzen an die Berliner Szene und deren Experimentierlust wahrt. Die „Painted Tapes“ gelten in diesem Zusammenhang als Schlüssel, weil dort Videobild und malerische Geste aufeinander treffen: Das Tape wird nicht einfach zitiert, sondern in Malhandlung überführt. Dadurch entsteht eine Art Übersetzungsleistung, die nicht im Medienwechsel endet, sondern im Verhältnis der Spuren: Was im Film zeitlich verläuft, wird in der Malerei zu einer stabilen, aber nicht toten Oberfläche. Selbst wenn Steiner später wieder stärker auf großformatige Leinwände setzt, bleibt die Videodenkweise erhalten – als Vorstellung von Schichtung, Überblendung und Dauer, die sich in Farbe, Komposition und Rhythmus wiederfindet.
Auch das Thema „Abstrakte Kunst Berlin“ nimmt bei Steiner eine eigene Wendung. Die Idee wirkt hier weniger wie ein Stillabel als wie eine Bühne für mediale Erfahrung: Flächen sind Speicher, nicht Kulissen. Die Leinwand ist damit kein statischer Gegenpol zum bewegten Bild, sondern ein Echo seiner Vibrationen. Diese energetische Aufladung verdankt sich einem wiederholten Experiment, Medienästhetik in Malerei zu übertragen. Mal zeigt sich das als Farbschwellung – eine Art sichtbarer Bewegung im Pigment – mal als kompositorische Schichtung, die an Video-Überblendungen erinnert, ohne sie zu kopieren. Entscheidend ist dabei, dass die Arbeiten ihre Herkunft nicht verstecken: Spuren von Fotografie, Super-8, Copy Art und Installation sind im Werkwissen präsent. So wird Malerei beim Spätwerk zum Hauptmedium, aber nicht als Rückkehr zu einem „reinen“ Malraum, sondern als bewusste Weiterverarbeitung visueller Techniken.
Gerade die Rezeptionsgeschichte lässt erkennen, warum Steiner als Grenzgänger so produktiv bleibt. Die Wahrnehmung musste sich zeitweise gegen den Mythos eines „Purist“ der Videokunst behaupten: Also gegen die Idee, Video bedeute Reinheit, Abgrenzung und Disziplin. Institutionelle Projekte wie „Live to Tape“ und die dauerhafte Präsenz im Umfeld des Hamburger Bahnhof zeigen dagegen, dass Steiner seine Medien nie als starre Kategorien behandelt hat. Malerei, objekthafte Intervention, Videocollage und performative Einschläge bilden bei ihm keine lose Sammlung von Einflüssen, sondern Traditionslinien, die Fluxus, Minimal, Performanz und Postkonzept miteinander verknüpfen. Die Berliner Handschrift bleibt dabei erkennbar: urban, mitunter ruppig und zugleich ironisch verspielt. Das schützt das Werk vor der Gefahr, „Grenzen“ nur als romantische Metapher zu erzählen.
Was bleibt von Mike Steiner in der Gegenwart? Zum einen das Bild eines Sammlers und Kurators, der als Institution auftreten kann, aber dessen eigentlicher Nachhall von den Bildern ausgeht. Seine Leinwände fordern dazu auf, Medienüberschreibungen neu zu lesen: Das Bild speichert, aber es ist kein beliebiges Archiv, das jede Bedeutung gleichwertig ablegt. In einer Zeit, in der Bezeichnungen wie „Abstrakte Kunst Berlin“ oder „zeitgenössische Werke“ schnell zu inflationären Etiketten geraten, liefert „Malerei & Videokunst“ bei Steiner gerade deshalb einen brauchbaren Denkrahmen. Er zwingt zur präzisen Frage, wie Medium, Geste und Gedächtnis zusammenwirken, statt dass Begriffe nur als Marketinghülle funktionieren. Selbst in digitalen Showrooms bleibt der Fokus auf dem stillen Nachbeben der Videopulse auf der Leinwand: Nicht Reenactment und nicht die Performance-Aura dominieren, sondern das konkrete Sehen der Übersetzung – und damit ein fortwährendes Experiment zwischen den Künsten.
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