TAIPEI, TAIWAN / LONDON (IT BOLTWISE) – Taiwan hat die zehntägigen Han-Kuang-Militärübungen gestartet, um eine mögliche Reaktion auf einen chinesischen Angriff realistisch durchzuspielen. Die Übungen sollen unter anderem die Fähigkeit testen, über 24 Stunden in der Verteidigung zu bleiben und auf „Gray-Zone“-Taktiken zu antworten, die knapp vor dem offenen Krieg liegen. Neu ist dieses Jahr der Einsatz US-inspirierter Kommunikationsübungen, bei denen Untergebene ihren Kommandeuren ihre geplanten Missionen erklären. Zusätzlich mobilisiert Taiwan erstmals Reservisten in einer Größenordnung von mehr als 5.000 Soldatinnen und Soldaten in zwei Brigaden, während städtische Resilienztests die Bevölkerung bei Kommunikationsstörungen simulieren.

Mit dem Start der diesjährigen Han-Kuang-Manöver setzt Taiwan erneut einen klaren Schwerpunkt auf Übungsszenarien, die weit vor dem Moment beginnen, in dem „klassische“ Kampfhandlungen einsetzen würden. Die zehntägigen Einsätze richten sich laut Angaben aus dem Umfeld der Planung auf die Simulation einer Reaktion auf eine mögliche Invasion der selbstverwalteten Insel, die Peking als Teil seines Staatsgebiets betrachtet. Während solche Großübungen nach außen oft wie ein Signal der Abschreckung wirken, geht es operativ vor allem um Belastungstests: Wie schnell und wie verlässlich kann die Streitkräfteorganisation vom Friedensmodus in einen aktiven 24-Stunden-Verteidigungszustand wechseln, ohne dass Kommunikationsketten, Kommandostrukturen oder Logistik ins Stocken geraten.
Technisch betrachtet ist besonders bemerkenswert, dass die Live-Fire-Elemente nicht nur die Feuerkraft, sondern auch das Zusammenspiel in komplexen Lagen prüfen sollen. Im Zentrum steht dabei die Fähigkeit, nicht nur auf offene Kampfhandlungen zu reagieren, sondern auch auf „Gray-Zone“-Taktiken: Maßnahmen, die den Schwellenbereich des offenen Kriegs unterschreiten und dennoch Druck erzeugen sollen. Dazu passt, dass Taiwan auch städtische Resilienz-Übungen plant, bei denen die Reaktion der Bevölkerung bei einer Störung der Internetverfügbarkeit getestet wird. Konkret sieht das Szenario vor, die mobile Internetgeschwindigkeit für etwa 30 Minuten in festgelegten Zeitfenstern zu reduzieren, um den Effekt von Telekommunikationsinterferenzen im Ernstfall zu simulieren.
Für den Verteidigungsalltag und die Ausbildung ist zudem die diesjährige Ausrichtung auf neue Kommunikationsmethoden entscheidend. Taiwan testet dabei nach Berichtslage US-inspirierte Verfahren wie „Backbriefs“, bei denen Untergebene ihren Kommandeuren erläutern, wie sie die ihnen zugewiesenen Missionen ausführen wollen. Solche Rückmelde- und Rückkopplungsmechanismen sind mehr als ein didaktisches Element: Sie reduzieren die Wahrscheinlichkeit von Missverständnissen in komplexen Einsatzketten und erhöhen die Transparenz über Annahmen, Zielprioritäten und Risiken an der Schnittstelle zwischen Planung und Ausführung. Wenn diese Mechanik in der Übung erprobt wird, lässt sich daraus indirekt ableiten, dass Taiwan seine Kommandoführung robuster gegen Informationsbrüche machen will, etwa wenn Übermittlungskapazitäten eingeschränkt sind oder der Zeitdruck steigt.
Parallel verschiebt Taiwan in diesem Jahr den personellen Schwerpunkt spürbar in Richtung Reservistenmobilisierung. Geplant ist, die größte Reservistenmannschaft in der bisherigen Übungshistorie einzubinden: mehr als 5.000 Dienstangehörige verteilt auf zwei Brigaden. Im Vergleich dazu beteiligte sich im Vorjahr eine Brigade mit über 3.000 Reservisten. Solche Zahlen sind in der Praxis relevant, weil sie die Engpässe der Mobilmachung offenlegen: Transportwege, Bereitstellungszeiten, Wiederherstellung voller Einsatzfähigkeit und die Abstimmung zwischen Verbänden, die im Frieden nur in geringeren Zyklen verfügbar sind. Genau hier liegt auch ein Kernpunkt der diesjährigen Übungen: Wie schnell kann der Sprung von „peacetime standby“ in den vollständigen aktiven Dienst gelingen, ohne dass Ausbildung, Technikbetrieb und Führungsklarheit in der Übergangsphase auseinanderlaufen.
Auch auf der materiellen Seite nennt die Übungsplanung konkretes Gerät, das in den Tests genutzt werden soll: Dazu zählen die neu erworbenen M1A2T-Abrams-Panzer, von denen Taiwan 108 Exemplare über die letzten Jahre beschafft hat. Die letzte Lieferung dieser Charge soll im April eingetroffen sein, womit sich der Zeitpunkt mit Blick auf Übungsbereitschaft und Integration in bestehende Verbände gut erklärt. Taiwan bezieht laut Quelle den Großteil seiner Waffen aus den USA – ein Umstand, der in der sicherheitspolitischen Kommunikation seit Jahren als informelle Rückendeckung gilt. Gleichzeitig zeigt die Budget- und Genehmigungslogik, wie stark Tempo und Reichweite solcher Beschaffungsprogramme auch von außenpolitischen Entscheidungsprozessen abhängen: Das taiwanische Parlament hat demnach ein ergänzendes Budget in Höhe von 24,8 Mrd. US-Dollar für den Kauf US-amerikanischer Rüstungsgüter genehmigt, das allerdings unter dem lag, was Präsident Lai Ching-te ursprünglich vorgeschlagen hatte.
Die Lage wird dadurch zusätzlich dynamisch, dass Taiwan auf die Freigabe eines weiteren 14-Milliarden-US-Dollar-Pakets für Rüstungsgüter wartet, dessen Behandlung offenbar seit Monaten blockiert ist. Zwar wurde ein separates, mit 11 Mrd. US-Dollar beziffertes Paket zuvor genehmigt, doch nach einer Reise nach China im Mai sollen dortige Aussagen des US-Präsidenten die Genehmigungsbereitschaft für das neueste Paket ausgebremst haben, weil er Waffenlieferungen zu Taiwan als „gutes Verhandlungselement“ bezeichnet haben soll und sich damit gegen eine sofortige Freigabe gestellt haben könnte. Für Taiwans Planungsrisiko bedeutet das: Selbst wenn die Übungen den Fähigkeitsaufbau vorantreiben, hängt die mittel- bis langfristige Betriebsfähigkeit stark davon ab, wann zusätzliche Systeme, Ersatzteile und Trainingsumfänge tatsächlich in den operativen Betrieb übergehen können.
Aus Sicht der Verteidigungs- und Technologiestrategie lässt sich aus den Han-Kuang-Manövern daher ein zweigeteiltes Muster erkennen: kurzfristige Resilienz über Ausbildung, Kommunikationsdisziplin und städtische Krisenreaktion – und parallel der Aufbau von Einsatzfähigkeit über Geräteeinbindung sowie die Mobilisierung großer Reservistenkontingente. Genau diese Mischung dürfte auch für die Cybersicherheits- und Kommunikationsplanung relevant sein, obwohl die Übung selbst primär militärisch beschrieben wird: Wenn mobile Netze zeitweise „gedrosselt“ werden, werden Realitätsnähe und Entscheidungswege praktisch getestet. Damit liefert Taiwan nicht nur ein Signal an potenzielle Gegner, sondern nimmt zugleich eine nüchterne technische Standortbestimmung vor, wie gut Führung, Kommunikation und Bevölkerung im Ernstfall koordinieren können.
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