LONDON (IT BOLTWISE) – Ferraris erstes Elektroauto Luce traf im Mai auf Spott im Netz, doch der Verkaufsverlauf stabilisiert sich deutlich. In den ersten Monaten nach Marktstart liegen die Bestellungen offenbar im Rahmen eines Ziels von 500 Einheiten für 2026. Gleichzeitig verschiebt der Hersteller mit Blick auf 2030 seine EV-Quote nach unten, meldet aber für das zweite Quartal 1,94 Mrd. Euro Umsatz und hebt die Jahresprognose an. Für Anleger und Technikfans ist das ein Signal, dass Designpolarisierung nicht automatisch Nachfrage bremst.

Der Elektroauto-Start von Ferrari zeigt, wie schnell sich digitale Stimmungslagen von realen Einkaufsentscheidungen entkoppeln können. Als der Hersteller das Modell Luce im Mai ankündigte, bekam das Fahrzeug vor allem wegen einer sehr ungewöhnlichen Designsprache viel Gegenwind in sozialen Netzwerken ab. Im Zentrum der Diskussion stand eine Gestaltung, die mit Jony Ive und dessen Designschmiede LoveFrom in Verbindung gebracht wird: runde Karosseriekonturen, besonders große Räder und ein viertüriger Aufbau, also eher ein Gegenentwurf zu klassischen Ferrari-Profilen. Interessant ist weniger, dass der Shitstorm kurzfristig die Wahrnehmung prägte, sondern dass Ferrari danach messbar gegensteuert.
Nach den Angaben, die in den Berichten zum Geschäftsverlauf zitiert wurden, fiel der Aktienkurs nach der Veröffentlichung zeitweise um 8% an einem Tag. Parallel dazu soll das Unternehmen aber bereits ein konkretes Absatzszenario erfüllen: Für 2026 wird ein Ziel von 500 verkauften Einheiten genannt. Rechnet man die zeitliche Distanz von zwei Monaten nach dem Release darauf um, wirkt das wie eine frühe Bestätigung, dass die Luce nicht nur als Designprojekt wahrgenommen wird, sondern als Produkt mit kaufbereiter Kundschaft. Dazu passt auch, dass Ferrari die Zielgruppe explizit beschreibt: vor allem sehr wohlhabende Fahrerinnen und Fahrer in China sowie im Umfeld der US-amerikanischen Tech-Welt, also Menschen, die mit Elektrofahrzeugen bereits vertraut sind und die Übergangsphase weniger als Risiko sehen.
Technisch betrachtet ist die Luce jedoch nicht nur ein Styling-Experiment, sondern ein Versuch, ein eigenes Wertversprechen zu definieren: ein viertüriges Fahrzeug mit ungewöhnlichen Proportionen, das damit Komfort- und Nutzwertversprechen schafft, die bei vielen Coupé-orientierten Elektroalternativen fehlen. Diese Ausrichtung ist strategisch, weil der EV-Markt in den USA zuletzt unter Druck geriet. Nach Daten von Cox Automotive gingen die Neuzulassungen im Oktober nach dem Wegfall des US-Steuerbonus für Elektrofahrzeuge um 49% gegenüber dem Vormonat zurück; im Vorjahresvergleich sank der Absatz zuletzt ebenfalls deutlich. Auch im Gesamtjahr zeichnete sich daraus eine Verschiebung ab, bei der Marktanteile zugunsten etablierter Verbrennermodelle und Hybridvarianten wandern.
Ferrari kommt in eine Phase, in der selbst bekannte Wettbewerber ihre EV-Pläne zeitweise zurückfahren. So wurde unter anderem ein sehr teures Luxus-EV-Projekt in der Vergangenheit wieder gestoppt, weil der Hersteller den Markt und die Kunden nicht als „bereit“ einschätzte. Ferrari zeigt nun einen ähnlichen Realismus auf der Zielebene, ohne die Richtung vollständig zu drehen: Im Oktober senkte der Konzern die Zielmarke für den Elektroanteil im Modellmix bis 2030 von 40% auf 20%. Gleichzeitig bleiben die kurzfristigen Signale positiv: Der CEO Benedetto Vigna sagte laut Berichten, er sei „very pleased with how orders are proceeding“. Für die Ergebnisqualität spricht zudem, dass Ferrari im zweiten Quartal Einnahmen von 1,94 Mrd. Euro meldete und die Guidance für den weiteren Jahresverlauf auf 7,6 Mrd. Euro anhebt (zuvor 7,5 Mrd. Euro). Vigna verwies außerdem darauf, dass das Orderbuch bereits bis 2027 gut gefüllt sei.
Das Zusammenspiel aus Designkommunikation, Händlerstrategie und Finanzkennzahlen macht die Meldung für Unternehmen besonders interessant. Zum einen wird aus der Praxis heraus ein typisches Risiko adressiert, das bei vielen Premiumherstellern auftaucht: Händler sollen Kundinnen und Kunden, die bisher vor allem Verbrenner fahren, nicht unter Druck setzen, sondern die Umstellung beratungsorientiert erklären. Zum anderen zeigt der Fall, dass Polarisierung auf Social-Media-Plattformen zwar Reichweite erzeugt, aber nicht zwingend die Kaufbereitschaft untergräbt. Dass selbst interne Stimmen gegen das Styling gingen, illustriert Luca di Montezemolo; bei der Vorstellung sagte er auf Nachfrage sinngemäß: „Ich hoffe, dass sie dem pferdchentragenden Ferrari dieses Auto zumindest abnehmen.“ Außerdem äußerte er sinngemäß, dass das Fahrzeug von „den Chinesen“ so nicht kopiert werden würde. Solche Aussagen wirken oft wie PR-Spannung, können aber langfristig sogar zu höherer Neugier führen – vorausgesetzt, die Liefer- und Nachfragekurve bleibt stabil.
Für den Markt ist zudem relevant, wie Ferrari die Erwartungen der Analysten adressiert. Berichten zufolge habe der Konzern Q2-Zahlen geliefert, die über den Erwartungen lagen, und die Aktie legte am Nachmittag um 3% zu, nachdem die Ergebnisse veröffentlicht wurden. Für Investoren ist dabei nicht nur die absolute Kennzahl entscheidend, sondern der Umstand, dass Ferrari im zweiten Quartal seine Prognose anhebt, obwohl der Konzern laut Marktkommentaren üblicherweise eher im dritten Quartal stärker nachzieht. Unterm Strich bleibt die Luce damit ein Fallbeispiel dafür, wie sich eine Premium-Marke durch ein klar abgrenzbares Produktprofil trotz schwieriger EV-Marktdynamik behaupten kann – und wie stark die Frage „Sind Kunden bereit?“ am Ende weniger im Kommentarbereich als in der tatsächlichen Order-Entwicklung beantwortet wird.
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