EUROPA / LONDON (IT BOLTWISE) – In vielen Regionen Europas treffen Hitze und Trockenheit die Landwirtschaft spürbar, von der Getreideernte bis zur Futtergrundlage. Der Deutsche Bauernverband rechnet für Deutschland mit einem unterdurchschnittlichen Ergebnis bei der Getreideernte, während niedrige Marktpreise und höhere Kosten die Liquidität belasten. Besonders die Grünlandproduktion leidet, wodurch Tierhalter zunehmend Sorgen um ausreichendes Futter haben. Gleichzeitig verschärfen die Dürrefolgen in Frankreich und Spanien den Druck auf Lebensmittelpreise.

Wenn Klimaanlagen in den Traktor-Kabinen zwar kühlen, aber die Ernteergebnisse trotzdem einbrechen, wird das Problem in der Landwirtschaft schnell doppelt sichtbar: erst biologisch auf dem Feld, dann finanziell in der Liquidität. Der Deutsche Bauernverband ordnet die Lage in Europa als massiv unter Druck stehend ein, weil eine unterdurchschnittliche Getreideernte mit niedrigen Marktpreisen und steigenden Kosten zusammenkommt. Genau diese Kombination ist gefährlich, denn sie reduziert nicht nur die Erlöse, sondern erhöht gleichzeitig den Mittelabfluss für Positionen wie Transport, Dünger und Futter. Dass Tierhalter besonders besorgt sind, liegt daran, dass Grünland schlechter wächst und die Futterbasis knapper wird – ein Engpass, der sich nicht kurzfristig wegorganisieren lässt.
In Deutschland zeigt sich die Betroffenheit schon in den Kulturen, die für die Versorgung strukturprägend sind. Winterweizen bleibt laut Bauernverband mit rund 2,9 Millionen Hektar und einem Anteil von 48 Prozent an der Getreidefläche die bedeutendste Kultur, zugleich gelten aber regional unterschiedliche Ertragseinbußen als wahrscheinlich. Neben Weizen werden auch Mais, Kartoffeln und Zuckerrüben – besonders späte Kulturen – durch anhaltende Hitze belastet. Für Süddeutschland erwartet der Verband Süddeutscher Zuckerrübenanbauer ein Szenario von etwa einem Drittel weniger Zuckererzeugung als im Vorjahr. Solche Größenordnungen wirken auf nachgelagerte Märkte sofort durch: Lebensmittelunternehmen kalkulieren bei dünnerer Verfügbarkeit anders, und Verarbeitungsketten müssen Reserven neu planen.
Der zweite Hebel ist das Tierfutter. Nach Angaben des Bauernverbandes entstehen bei der Grünland-Produktion in vielen Regionen erhebliche Einbußen; im Ergebnis wird die Futterversorgung für die Tiere stark beeinträchtigt. Stefanie Sabet, Generalsekretärin des Deutschen Bauernverbandes, nennt dabei deutlich den wiederkehrenden Charakter der Trockenjahre und warnt vor einer Lage, in der die Betriebe kaum Zeit haben, abzuwarten. Besonders im Südwesten Deutschlands, im Mittelgebirge und im Allgäu seien zwei Grünland-Schnitte ausgefallen – also Erntefenster, die sonst zur Futtergewinnung dienen. Als kurzfristige Hilfe werden Futterbörsen ins Spiel gebracht: Sie können Nachfrage und Angebot im Tierfutterhandel schneller zusammenbringen, ersetzen aber nicht die biologische Komplexität, wenn vielerorts gleichzeitig weniger Grundfutter wächst.
Die europaweite Dimension zeigt sich nicht nur in Meldungen aus Deutschland, sondern auch in konkreten Zahlen aus anderen Ländern. Spanien wird wegen außergewöhnlicher Hitze und Trockenheit besonders stark belastet: Die Agrargenossenschaften senkten ihre Prognose im Juli deutlich und schätzen die Getreideernte nun auf rund 18,6 Millionen Tonnen. Das entspricht fast zwei Millionen Tonnen weniger als im Mai erwartet und liegt rund 30 Prozent unter der außergewöhnlich guten Ernte des Vorjahres, die fast 27 Tonnen erreichte. Auch Olivenhaine, Weinberge, Obstplantagen sowie Mais und andere Sommerkulturen leiden unter Wassermangel; bei Olivenöl warnen Erzeuger bereits vor einer kleineren Ernte und möglichen Preissteigerungen, falls die Trockenheit bis in den Herbst anhält. In Frankreich wiederum warnte der Gemüsezüchterverband Légumes de France vor Ausfällen von bis zu 50 Prozent und Verlusten von Dutzenden Millionen Euro; trotz Bewässerung vertrockneten Pflanzen teils direkt auf den Feldern.
Damit rückt auch die makroökonomische Wirkung näher an die Betriebe heran. Forschende im Rahmen des Wissenschaftsnetzwerks World Weather Attribution beschreiben mögliche Folgen historischer Ernteverluste gemeinsam mit den anhaltenden globalen Konflikten: Lebensmittelpreise könnten steigen, und Haushalte mit geringem Einkommen könnten dabei überproportional betroffen sein. Auf EU-Ebene beobachten außerdem offizielle Stellen die Auswirkungen der Hitzewelle sehr genau. Daten der Gemeinsamen Forschungsstelle (JRC) zeigen demnach, dass Ertragsschätzungen für Winterkulturen in der EU um ein bis vier Prozent nach unten korrigiert wurden; insgesamt liegt der Ausblick für die Getreideproduktion ein Prozent unter dem Schnitt der vergangenen fünf Jahre. Für Frühjahrs- und Sommerkulturen wurden die Schätzungen gesenkt, am stärksten bei Körnermais und Sonnenblumen um sechs bis sieben Prozent – Entwarnung gibt es dabei nicht, weil heiße und trockene Bedingungen in Westeuropa voraussichtlich anhalten.
Für die Landwirtschaft wird damit die Frage nach Hilfen und Absicherung zentral: Ernteausfälle lassen sich nicht wie ein kurzfristiges Produktionsproblem „wegsteuern“. Der Deutsche Bauernverband fordert deshalb schnelle Entlastung und verweist darauf, dass Betriebe keinen Tag mehr Zeit haben, auf Maßnahmen zu warten. Konkreter wird der Vorschlag einer steuerfreien Risikoausgleichsrücklage, um Landwirte bei Ernteausfällen besser abzusichern. Parallel kündigte Frankreich einen Notfallplan an, um betroffenen Landwirten beizustehen, nachdem extreme Bedingungen wie stark reduzierte Niederschläge und hohe Temperaturen gemeldet worden waren. Für deutsche Unternehmen entlang der Agrar- und Lebensmittellieferketten bedeutet das: Wenn die Ernte nicht nur in einem Segment, sondern zugleich bei Futter und wichtigen Kulturpflanzen nach unten geht, steigt die Wahrscheinlichkeit von Preissprüngen und Umplanungen im Einkauf – nicht als Einmaleffekt, sondern als wiederkehrendes Risiko.
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