FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Betrüger nutzen aktuell Vishing-Methoden und wechseln dabei systematisch Endziffern von Rufnummern, um technische Sperren auszuhebeln. Besonders lukrativ ist die Masche als falscher Polizeibeamter, bei der Anrufer den Eindruck erzeugen, es handele sich um echte Ermittlungen. Das Bundeskriminalamt beziffert den Schaden für 2025 auf rund 50 Millionen Euro und nennt dabei auch eine hohe Dunkelziffer. Zusätzlich warnen Behörden vor Betrugsversuchen mit falschen Bankmitarbeitern und Krypto-Tricks, die auf Seed-Phrases abzielen.

Vishing & Number Cycling: 50 Mio. Euro Schaden durch falsche Polizisten
Vishing & Number Cycling: 50 Mio. Euro Schaden durch falsche Polizisten (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer in diesen Tagen in Deutschland einen Anruf mit Frankfurter Vorwahl erhält, sollte genau hinhören. In den Warnhinweisen steht nicht ein einzelnes „Skript“, sondern ein ganzes Bündel aus Telefonbetrug-Varianten, bei denen Täter gleichzeitig an der Technik der Erreichbarkeit und an der psychologischen Wirkung der Ansprache drehen. Im Zentrum steht die Methode des Number Cycling: Dabei variieren Kriminelle systematisch die Endziffern einer Rufnummer, um Musterfilter und einfache Sperrmechanismen bei Angerufenen zu umgehen. Für Betroffene bedeutet das vor allem eins: Die Nummer ist weniger ein verlässliches Erkennungsmerkmal als die Art des Gesprächs.

Konkrete Rufnummern, die in den aktuellen Hinweisen als Beispiel genannt werden, tragen die Logik dieser Umgehung bereits in sich: Etwa Rufnummern wie 069 200940054 oder 069 200940059. Laut den genannten Marktdaten wurden allein im Mai 518.640 Spam-Anrufe registriert; daneben tauchen demnach auch Absender aus anderen Regionen und vermehrt Mobilfunknummern auf. Technisch ist das Ziel klar: Wenn Sperrlisten oder Provider-Filter an eine exakte Rufnummer gekoppelt sind, kann eine systematische Endziffern-Variation die Wirksamkeit reduzieren. Genau dadurch rückt der „zweite Filter“ in den Vordergrund – das Verhalten am Telefon, etwa ob der Anrufer zu Datenpreisgabe oder zur Herausgabe von Wertsachen drängt.

Besonders teuer wird die Betrugsmasche dort, wo sich Täter als Polizei ausgeben. Das Bundeskriminalamt beziffert den Schaden für 2025 auf rund 50 Millionen Euro, was gegenüber dem Vorjahr einem Plus von 60 Prozent entspricht. Weil laut den Hinweisen nur knapp die Hälfte der Fälle angezeigt wird, dürfte die Dunkelziffer deutlich höher liegen. Täter greifen dafür häufig auf ausländische Callcenter zurück und nutzen Call-ID-Spoofing, sodass im Display die 110 erscheint. In beschriebenen Fällen im Raum Bielefeld und Neumarkt in der Oberpfalz behaupteten Anrufer nach einer angeblichen Einbrecher-Festnahme, man habe Adresslisten gefunden – um anschließend Informationen zu Wertsachen im Haushalt oder eine „Übergabe“ an vermeintliche Zivilfahnder zu erreichen.

Doch die Täter verlassen sich nicht auf eine einzige Persona. Neben „falschen Polizisten“ häufen sich Meldungen über falsche Bankmitarbeiter, etwa in Szenarien, in denen Anrufer eine angebliche Fehlbuchung vortäuschen und danach die Übergabe von Goldschmuck oder andere Handlungen anstoßen. Parallel wird auch der Zugriff über digitale Kanäle zum Hebel: In einem beschriebenen Fall sollen Täter einen Kunden dazu gebracht haben, Überweisungen über eine Onlinebanking-App freizugeben. Das zeigt eine zentrale Entwicklung beim Betrug: Selbst wenn das Telefonat nur die Einstiegshürde ist, kann die entscheidende Sicherheitsentscheidung später in einer App, im Mobilgerät oder innerhalb eines Live-Dialogs fallen.

Gerade Mobilgeräte und Zahlungs-Workflows sind deshalb ein bevorzugter Angriffspunkt. Die Hinweise greifen dabei mehrere Ebenen auf: Einmal geht es um klassische Social-Engineering-Angriffe im Stil von Vishing, zum anderen um technische und prozessuale Risiken im Umgang mit Authentisierung. Bei Krypto-Anlegern warnen die Behörden vor Anrufern, die sich als Mitarbeiter von Krypto-Anbietern ausgeben und Sicherheitsprobleme mit dem Wallet behaupten. Der entscheidende Punkt ist die Seed-Phrase: Es wird auf die Herausgabe einer Kombination aus 12 bis 24 Wörtern abgezielt, die den vollständigen Zugriff auf die Kryptowährungen ermöglichen kann. Daneben wird auch über automatisierte Bandansagen im Namen von Zahlungsdiensten berichtet, die Nutzer mit Handlungsaufforderungen in eine Falle lenken sollen.

Für die Finanzbranche kommt noch ein weiterer Layer hinzu: Telefonbetrug ist nicht nur ein Problem einzelner Verbraucher, sondern Teil eines größeren Angriffsmusters gegen Organisationen. Laut den genannten Angaben aus dem Umfeld von Google Threat Intelligence griffen spezialisierte Hackergruppen in den Monaten Juni und Juli 2026 gezielt US-Finanzunternehmen und große Private-Equity-Firmen wie Blackstone, KKR und Apollo an. Die Gruppen hätten dabei Lösegeldforderungen zwischen 750.000 und 3 Millionen US-Dollar verfolgt; in den Wallets der Angreifer seien Kryptowährungen im Wert von rund 10,7 Millionen US-Dollar in Bitcoin identifiziert worden. Auch wenn diese Fälle nicht identisch mit Vishing im Privatbereich sind, verdeutlichen sie den gemeinsamen Nenner: Angreifer kombinieren Kommunikationswege, Identitätsmissbrauch und Zahlungsmechanismen, um sich nicht an eine einzige Angriffsschiene zu binden.

Aus Sicht von IT- und Security-Verantwortlichen lautet die Konsequenz daher nicht „einfach nicht ans Telefon gehen“, sondern die Risikokette konsequent zu unterbrechen. Die Polizei rät, bei verdächtigen Anrufen sofort aufzulegen und keine persönlichen Daten, PINs, Passwörter oder kryptografischen Zugangsdaten preiszugeben. Ebenso wichtig ist der Praxisweg über die Echtheitsprüfung: Im Zweifel soll man die offizielle Rufnummer der Institution selbst wählen, statt sich im Gespräch leiten zu lassen. Auch organisatorisch lohnt sich eine klare Regel, etwa dass Behörden und Banken niemals telefonisch zur Übergabe von Bargeld oder Wertsachen auffordern. Daneben empfehlen die Hinweise, Codewörter innerhalb der Familie zu vereinbaren, um Schockanrufe und Enkeltrick-Szenarien abzufedern. Unternehmen können das intern als Vorlage nutzen, um Mitarbeitende für „Stop-and-Verify“-Momente zu trainieren – denn bei Number Cycling und Call-ID-Spoofing ist die Technik weniger der verlässliche Indikator, sondern das eigene Prozessverhalten.


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