PARIS / LONDON (IT BOLTWISE) – Von Montag an steht für Lukas Märtens bei der EM nicht mehr der Blick von der Tribüne im Vordergrund, sondern der Wettkampf im Becken. Der Olympiasieger von 2024 will seine Paris-Erinnerungen im Centre Aquatique Olympique in zusätzliche Medaillenerfolge übersetzen, zunächst mit der 4×200-Meter-Freistilstaffel. Dabei bekommt er es nicht nur mit sportlichem Druck zu tun, sondern auch mit einem sportmedizinischen Thema: Schulterbeschwerden aus den letzten Tagen sollen sich rechtzeitig bessern. Parallel schaut sein Trainerteam auf die Chancen im Beckenschwimmen – und auf mögliche Newcomer in den Finals.

Während die deutsche Freiwasser-Staffel ihren Triumph bereits feiern konnte, verschiebt sich der Fokus der EM-Athleten nun spürbar: Lukas Märtens wechselt vom Fan-Modus mit Eiffelturm-Blick in den Wettbewerbsalltag direkt im Becken. Der Freistil-Ass, der als Olympiasieger von 2024 gilt, hat klare Ziele für seine nächsten Rennen und möchte an die starke deutsche Leistung in der Seine im Centre Aquatique Olympique anknüpfen. Entscheidend ist dabei nicht nur die Erwartung an ihn als erfahrenem Bahnschwimmer, sondern auch die Tatsache, dass Paris für Märtens sporthistorisch aufgeladen ist: Er formuliert den Gedanken, dass er hier vor zwei Jahren „auch für mich Geschichte geschrieben“ habe, und will dieses Kapitel jetzt mit weiteren Momenten fortschreiben.
Am Montag startet der 4×200-Meter-Freistilstaffel-Block für Märtens. Die Einordnung wirkt zunächst wie ein einzelnes Startsignal, ist aber sporttaktisch mehr als das: Staffeln sind der Moment, in dem Tempo, Übergaben und das Zusammenspiel mehrerer Schwimmer in kurzer Zeit stabilisiert werden müssen. Erste Trainingseindrücke in der französischen Hauptstadt stimmen laut Bundestrainer Bernd Berkhahn, der auf konkrete Probleme eingeht: „Er hatte jetzt ein paar Schulterprobleme die letzten Tage, aber das wird auch besser“, sagte Berkhahn. Er ordnet das unmittelbar in eine Erwartung für die Staffel ein: Märtens könne am Montag „schon mal ein bisschen zeigen“, was er drauf hat. Das ist insofern relevant, weil Schulterbeschwerden in Schwimm-Performances nicht nur Schmerzen verursachen, sondern auch die Feinabstimmung im Abdruck und in der Zugphase beeinflussen können.
Im Hintergrund dieser Wettkampfszene steht jedoch ein Personal- und Rollenmodell, das im deutschen Leistungssport seit Jahren betont wird: Trainer Berkhahn beschreibt sich nicht als reiner Planer, sondern als Vertrauensperson und Motivator. Für Märtens ist diese Unterstützung keine abstrakte Teamidee, sondern wird in konkreten Mechanismen greifbar. In dem Zusammenspiel aus Fokus, Druck und Rückmeldung benennt Märtens selbst, wie er die Rolle seines Trainers erlebt: „Dann gibt er mir einen Arschtritt und dann geht’s wieder weiter.“ Gleichzeitig steckt darin auch ein sportpsychologisches Prinzip, das gerade in hochdichten EM-Phasen wirkt, in denen Training und Wettkampf eng getaktet sind. Märtens ergänzt die Logik: Wenn er den Fokus verliere, merke er das; der „Arschtritt“ soll helfen, den Weg zu dem zurückzubekommen, was in den kommenden Rennen geleistet werden kann. Für die Teamleistung in Staffeln und für die individuelle Bahnoptimierung ist das Zusammenspiel aus emotionaler Regulation und technischer Umsetzung besonders wichtig.
Sportlich ist der Anspruch bei Märtens extrem hoch, aber er kommt nicht als vage Zielsetzung, sondern als klare Rechnung über Distanzen und Status. Auf 400 Metern will er sich auch bei der EM „den Sieg schnappen“, wobei er seinen Sonderstatus der Weltmeisterschafts- und Europameisterrolle bewusst in die Zielarchitektur einwebt: Olympiasieger, amtierender Weltmeister, aktueller Europameister und Weltrekordhalter. Gleichzeitig deutet er mit der 200-Meter-Disziplin eine offene Flanke an, die er schließen möchte. In seiner Aussage steckt ein realistischer Druckpunkt: „Und bei den 200 Metern habe ich auch noch eine Rechnung offen. Da habe ich noch keine internationale Medaille“, sagt er. Daraus lässt sich ableiten, warum die EM für ihn nicht nur eine Fortsetzung des Erfolgs ist, sondern auch ein Ort der Lückenanalyse – also der Frage, wo genau die Leistungsabstände zwischen Talent, Technik und Renntaktik im Vergleich zu den besten Konkurrenten liegen.
Dass Erfolg in Paris nicht zufällig kommt, zeigt der Blick auf den Freiwasser-Vergleich mit Florian Wellbrock und dem übrigen Team. Wellbrock gelang im „Fluss, aus dem er vor zwei Jahren bei Olympia schwer geschlagen stieg“, erneut ein großer Abschluss: drei Goldmedaillen – und damit ein bemerkenswerter Kontrast zur früheren Erfahrung. Wellbrock beschreibt die Genugtuung ganz direkt: „Es galt ja auch ein bisschen was gutzumachen.“ In derselben Logik wird die Staffelleistung durch die anderen Namen ergänzt, die im Seinen-Szenario sichtbar waren: Julia Ackermann, Isabel Gose und Oliver Klemet. Wellbrock betont seine Dankbarkeit über drei Medaillen und drei Titel, die „vorher nicht erträumt“ gewesen seien, und ordnet damit die Leistungserwartung als etwas ein, das sich im Verlauf eines Turniers auch emotional neu sortiert. Für das Team bedeutet das: Wer aus dem Freiwasser kommt, bringt häufig eine andere Kraft- und Rhythmuslogik mit, die sich auf die Bahn übertragen lässt – zumindest in Teilen von Startdynamik und Energieverteilung.
Der nächste Entwicklungsschritt für Wellbrock ist ebenfalls bereits festgezurrt: Nach dem letzten Rennen in der Seine packt er laut Bericht direkt von der EM nach Los Angeles, um dort die Strecke der Sommerspiele 2028 „schon einmal“ zu testen. Im EM-Becken ist er diesmal nicht dabei, verfolgt aber als Teil des Gesamtsystems weiterhin, was die Teamkollegen in der Halle beim Stade de France leisten. Bundestrainer Berkhahn äußert dabei eine nüchterne Chancenbewertung, nachdem er in die Meldeliste geschaut hat: „Wenn man sich die Meldeliste anschaut, dann haben wir nicht viele Medaillenchancen im Beckenschwimmen.“ Gleichzeitig bleibt er handlungsorientiert und hofft, dass „diese wenigen genutzt“ werden. Die Aussage enthält auch die strategische zweite Ebene eines EM-Engagements: Neben etablierten Medaillenträgern sollen Newcomer in Finals durchstarten, und „vielleicht“ kann sich dann sogar eine Podiumsplatzierung ergeben, die „jetzt noch nicht“ im Erwartungsrahmen liegt.
Auch wenn die Meldung im Kern eine sportliche ist, lohnt sich aus Technik- und Performance-Sicht ein Blick auf die Mechanik hinter solchen Aussagen: Schulterstatus, Staffeldynamik und Wettkampftiming wirken wie Parameter in einem System, das kontinuierlich beobachtet werden muss. In der Praxis bedeutet das meist, dass Athleten und Teams Trainingssteuerung, Belastungsmanagement und Bewegungsqualität eng verzahnen, damit aus der subjektiv empfundenen Besserung („das wird auch besser“) am Wettkampftag ein messbarer Leistungsoutput wird. Für Entscheider in Vereinen und Strukturen heißt das: Nicht nur die Formkurve zählt, sondern die Fähigkeit, kurzfristige Einschränkungen in ein robustes Rennkonzept zu übersetzen. Genau deshalb bleibt der Montag im Centre Aquatique Olympique mehr als ein einzelner Staffelstart – er ist ein Belastungstest für den Übergang vom Freiwasser-Glanz in die präzisen Anforderungen des Beckenschwimmens, inklusive der Frage, ob sich der Fokus unter Druck sofort wieder sauber ausrichten lässt.
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