LONDON (IT BOLTWISE) – Bei einem Bitcoin-Diebstahl über 1.196 Adressen, der in nur 41 Minuten stattfand, wird eine Schwachstelle in der Firmware einer Coldcard-Hardwarewallet mit einem Wert von rund $70,2 Millionen zum Dreh- und Angelpunkt. Laut Auswertung eines Sicherheitsteams lässt sich Seed-Generierung nicht vollständig als Zufall nachweisen, weil sie auf einen deterministischen PRNG statt auf den hardwareseitigen RNG umgelenkt wurde. Betroffen sind mehrere Modelle und Firmware-Release-Tracks, wobei die reine Installation eines Notfall-Updates das Problem für bereits erzeugte Seeds nicht behebt. Zentral ist die Empfehlung, bei möglicher Seed-Exposition neu zu erzeugen und die Coins anschließend zu migrieren.

Der Fall wirkt auf den ersten Blick wie ein klassisches Hardware-Wallet-Problem: Ein Angreifer hat am 30. Juli innerhalb von 41 Minuten 1.196 Bitcoin-Adressen geleert. Dabei summiert sich die Menge laut Zuordnung auf 1.082,65 BTC, die zum damaligen Zeitpunkt ungefähr $70,2 Millionen wert waren. Technisch interessant ist aber nicht allein die Geschwindigkeit der Sweep-Aktion, sondern die Frage, warum ausgerechnet eine Coldcard als Bitcoin-only Wallet überhaupt reproduzierbare Seed-Bausteine liefern konnte – und warum die betroffenen Firmware-Varianten selbst durch nachträgliches Aktualisieren nicht zwangsläufig sicher werden.
Im Kern geht es um einen Fehler in einer Firmware-Integration aus dem März 2021. Statt die Seed-Generierung auf den STM32-Hardware-RNG (Random Number Generator) zu stützen, wurde sie offenbar an einen deterministischen softwarebasierten PRNG weitergereicht. Wenn ein Angreifer ausreichend Informationen über den Gerätestatus wie UID (Device Unique Identifier), Timer-Zustand und die Historie der RNG-Aufrufe für einen Boot- oder Run-Zyklus rekonstruieren oder einschränken kann, kann er Kandidaten-Output-Streams offline erzeugen. Danach lassen sich Seed-Kandidaten testen: Der Angreifer leitet daraus Adressen ab und vergleicht sie mit öffentlichen Blockchain-Daten, bis er ein Seed findet, das zu dem konkreten Zielsatz passt.
Damit verschiebt sich auch die Sicherheitslogik für Anwender: Die Notfall-Firmware, die laut Bericht am 31. Juli für betroffene Modelle und Release-Tracks bereitgestellt wurde, repariert nicht automatisch einen bereits erzeugten Seed. Der Grund ist programmatisch und weniger „Update-Themen“: Wird der Seed in einem Zeitraum erstellt, in dem die RNG-Qualität durch den Firmwarefehler eingeschränkt war, bleibt das Ergebnis selbst dann anfällig, wenn später gefixtes Code-Verhalten aufgespielt wird. Genau deshalb rät Coinkite laut Quelle betroffenen Nutzern, auf der gepatchten Firmware einen neuen Seed zu erzeugen und die Coins anschließend dorthin zu transferieren. Eine Wiederherstellung des alten Seeds auf einer verbesserten Version (oder sogar in einer anderen Wallet) würde die Schwäche weiterhin mittragen, weil die deterministische Unsicherheitsquelle im Seed selbst steckt.
Für die Betroffenheit ist die Firmware-Laufzeit beim Seed-Entstehungszeitpunkt entscheidend, nicht die Version, die heute installiert ist. Die Quelle nennt für die Modelle eine klare zeitliche Abgrenzung: Bei Mk2 und Mk3 liegen die gefährdeten Pfade bei Versionen 4.0.0 bis 4.1.9, während Coinkite für Mk3 zwar 4.0.1 bis 4.1.9 als betroffene Bereiche aufführt, der Sicherheitsbericht jedoch sowohl Mk2 als auch Mk3 in den verwundbaren Bereich legt und die Fix-Version als 4.2.0 beschreibt. Für Mk4 und Mk5 gilt „alles vor 5.6.0“, für Q „alles vor 1.5.0“. Zusätzlich werden „Edge“-Builds mit eigenen Schwellen genannt: für Mk4 und Mk5 vor 6.6.0X, für Q vor 6.6.0QX. In der Praxis bedeutet das: Wer vor einer bestimmten Version Seeds angelegt hat, muss davon ausgehen, dass die Entropie nicht verlässlich genug war.
Die Ursachenanalyse im Detail liefert zusätzliche Hinweise, wie subtil solche Fehler sein können. Der Bericht verweist auf eine Produktionskonfiguration, die einen Makro-Schalter für „MICROPY_HW_ENABLE_RNG“ auf null setzt, weil Coinkite die Hardware-RNG-Funktion in eine eigene Wrapper-Schicht integriert. In der Folge prüfte die libngu-Bibliothek nicht korrekt, ob der RNG wirklich aktiviert ist, sondern nur, ob das Makro existiert. Dadurch wurde der Build an MicroPython-Baselines gebunden, einschließlich eines Yasmarang-Fallbacks. Dieser Fallback wurde aus Chip-Unique-ID sowie Timer-Registern initialisiert und sammelte nach der Initialisierung keine frische Entropie. Die Folge ist, dass die Seed-Erzeugung rechnerisch leichter reproduzierbar wird, sobald die Angreiferinformationen über den Zustand des Geräts hinreichend eng genug eingegrenzt werden können.
Bei den Zahlen wird es dann deutlich weniger „Buzzword“ und deutlich mehr Kryptografie-Engineering. Coinkite schätzt für die effektive Entropie ungefähr 40 Bit auf dem Mk3 und etwa 72 Bit auf Mk4, Mk5 und Q ein – im Vergleich zu 128 Bit Entropie, die einer 12-Wort-BIP-39-Seed-Struktur entspricht. Der Sicherheitsbericht nennt dabei keine einzige praktische Brute-Force-Größe, setzt aber konditionale Grenzen unterhalb von 240,7 bzw. 273,3 und warnt, dass die zweite Grenze nicht direkt als 73-bit kryptografische Sicherheit missverstanden werden darf. Auffällig ist auch: Der Bericht veröffentlicht laut Quelle keine konkrete Brute-Force-Benchmark, sodass Unternehmen eher mit konservativen Risikoannahmen arbeiten müssen, statt auf eine einzelne „Angreifer braucht X Versuche“-Zahl zu hoffen.
Für die Risikominderung sind die Empfehlungen der Hersteller relativ klar, zugleich aber abhängig von der Bedienhistorie. Coinkite nennt als Schutzannahme, dass ein Seed, der mit mindestens 50 fairen, unabhängigen und privaten Würfelwürfen erzeugt wurde, nicht allein durch diesen Bug gefährdet sein soll. Sobald jedoch die Anzahl der Würfe oder deren Privatsphäre unklar ist, rät das Unternehmen zum Wechsel. Auch ein starker, einzigartiger BIP-39-Passphrase kann laut Quelle ein separates Wallet-Ergebnis erzeugen, auf das die Seed-Wörter allein keinen Zugriff ermöglichen; dennoch empfiehlt Coinkite auch hier den Seed-Replacement-Ansatz, weil Anwender in der Realität selten vollständig nachweisbar „saubere“ Roll-Parameter für jeden historischen Seed haben. Multisig gilt nur dann als echte Teilminderung, wenn das Quorum nicht ausschließlich aus betroffenen Geräten aufgebaut wurde; TAPSIGNER, OPENDIME und SATSCARD werden in der Quelle als unbetroffen eingestuft, weil sie andere Codebasen nutzen und damit der Fehlerpfad nicht identisch ist.
Auch die forensische Einordnung zur Attacke ist relevant: Laut Quelle soll niemand öffentlich den Angreifer namentlich identifiziert haben. Das Sicherheitsteam, das den Sweep über 1.196 Adressen aufgemalt hat, fand zudem in den vorangegangenen 30 Tagen keine weiteren Bitcoin-Transaktionen mit demselben 30 sat/vB, no-change Signatur-Muster. Gleichzeitig warnt die Analyse, dass ein Sweep vom äußeren Muster her wie ein legitimes Verschieben von Coins durch den Eigentümer aussehen kann; die beobachtbare Musterwirkung identifiziert damit eher den Betreiber, nicht zwingend die tatsächliche „Diebstahl“-Entscheidung im Sinne einer Aktion zwischenzeitlich kompromittierter Keys. Als zusätzlicher Kontext wird eine frühere Schwachstelle in älterer Wallet-Software erwähnt, die sich auf einen separaten, schwachen PRNG in anderen Umgebungen bezog und über fünf Millionen US-Dollar in mehreren Kryptowährungs-Netzen abfloss. Für Betreiber von Krypto-Infrastrukturen heißt das vor allem: Security-Updates sind nicht nur Patchen von Versionen, sondern auch ein Prozess für Seed-Lebenszyklen, Nachweise zur Entropieerzeugung und kontrollierte Migration von Vermögenswerten.
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