WAIBLINGEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Stihl-Aufsichtsratschef fordert, dass die Tarifparteien in der Metall- und Elektroindustrie rasch über eine Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich sprechen. Er verweist auf den Druck durch wirtschaftlich schwächere Phasen und warnt vor dem Verlust von Industriearbeitsplätzen. Als problematisch bezeichnet er die Ausgangslage, weil Zugeständnisse am Ende vor allem von der IG Metall getragen werden müssen. Die Tarifgespräche sollen im Herbst starten, doch Stihl rechnet nicht mit einer einfachen Rückkehr.

Stihl verschiebt die Debatte um Arbeitszeit und Lohnbestandteile in eine offene, strategische Richtung: Nikolas Stihl fordert schnelle Gespräche der Tarifparteien darüber, ob in der Metall- und Elektroindustrie eine Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich möglich ist. Der Geschäftsführer der Forst- und Gartengerätebranche knüpft seine Forderung ausdrücklich an die aktuelle Lage in der Industrie. In seinen Worten geht es nicht um einen kurzfristigen Schalter, sondern um die Frage, ob sich Deutschland die klassische 35-Stunden-Woche in einem belasteten Konjunkturumfeld weiter „leisten“ lässt. Damit verschiebt sich die Diskussion von einer reinen Tarifrunden-Logik hin zu einem Kosten- und Wettbewerbsargument, das Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen betrifft.
Technisch betrachtet ist die 35-Stunden-Woche weniger eine abstrakte Idee als ein konkretes Regelwerk mit unmittelbaren Effekten auf Personalkapazität, Schichtplanung und Produktionskosten. Sobald die Arbeitszeit verlängert wird, verändern sich typischerweise nicht nur die Monatsverdienste, sondern auch die Kalkulation von Auslastung und Bestellzyklen: Unternehmen müssen in der Regel weniger Stunden pro Auftrag einkalkulieren, während die variable Seite der Produktivität stärker über Tage und Wochen gesteuert werden kann. Stihl argumentiert genau in diesem Sinn, wenn er betont, eine Verlängerung ohne Lohnausgleich könne die Arbeitskosten relativ schnell senken. Für die Arbeitgeberseite ist das ein Mechanismus zur kurzfristigen Entlastung; für die Arbeitnehmerseite ist es hingegen eine Frage nach der Verteilung von Produktivitätsgewinnen und Risiko in Abschwungphasen.
Der Kontext dieser Intervention ist die seit Jahren geführte Grundsatzdebatte über die Rückkehr von Arbeitszeitmodellen. In der deutschen Autoindustrie gilt: Bei tarifgebundenen Unternehmen ist die 35-Stunden-Woche verbreitet, auch bei Mercedes-Benz. Gesetzlich ist diese Spanne jedoch nicht verpflichtend. Stihl stellt damit indirekt heraus, dass Tarifvertragspraxis und gesetzlicher Rahmen auseinanderfallen: Was tariflich vereinbart ist, kann in Abschwüngen politisch und wirtschaftlich neu verhandelt werden. Historisch betrachtet waren Arbeitszeitkorridore in der Industrie oft ein Mittel, um Produktionsschwankungen über Verteilungseffekte abzufedern, statt Beschäftigung unmittelbar zu reduzieren. Genau an diesem Punkt setzt Stihl an, wenn er das Risiko betont, dass bei fehlenden Gegenmaßnahmen Arbeitsplätze verloren gehen könnten.
Besonders scharf ist Stihls Blick auf die Rolle der IG Metall. Er sagte, er schaue jetzt „insbesondere“ auf die Gewerkschaft, weil sie Zugeständnisse letztendlich machen müsse. Das ist mehr als ein taktischer Hinweis auf die Verhandlungsmacht; es beschreibt auch, wie Tarifrunden in der Praxis politisch wahrgenommen werden. Wenn die IG Metall als Akteur am Ende Kompromisse tragen soll, entsteht ein Erwartungsdruck, der die Verhandlungen emotional auflädt. Stihl argumentiert außerdem, dass bei einem bereits spürbaren Rückgang industrieller Arbeitsplätze das Gegensteuern nicht abwarten dürfe, sondern politisch und tariflich entschieden werden müsse. Seine Aussage, man müsse die „Blutung“ stoppen, macht deutlich, dass die Diskussion in seinem Lager als Überlebensfrage gelesen wird.
Stihl verweist zugleich darauf, dass die Tarifgespräche im Herbst starten sollen und dass die Rückverhandlung einer 35-Stunden-Struktur keine „einfache Tarifrunde“ werde. Diese Einschätzung passt zu einem Muster, das man aus früheren Tarifkonflikten kennt: Ein Modell, das einmal in einer Krisenlage verhandelt wurde, kehrt nicht automatisch zurück, wenn sich die Argumente ändern. Wenn Stihl von „Geburtsschmerzen“ spricht, deutet er an, dass die ursprüngliche Vereinbarung teuer genug gewesen sein dürfte, um heute nicht leicht revidierbar zu sein. Inhaltlich bedeutet das: Die Arbeitgeberseite braucht ein tragfähiges Paket, das sowohl wirtschaftliche Notwendigkeit als auch soziale Stabilität adressiert; die Arbeitnehmerseite muss erklären können, warum eine Anpassung ohne Lohnausgleich akzeptabel sein soll, ohne dass sie als einseitige Risikoverschiebung wirkt.
Außerdem ergänzt Stihl eine zweite Ebene: Er setzt auf pragmatische Lösungen und kritisiert zugleich die Distanz zu den Realitäten der Beschäftigten. Er argumentiert, je näher die Verantwortlichen der IG Metall an der arbeitenden Bevölkerung seien, desto eher würden die Argumente verstanden. Auffällig ist die Gegenüberstellung mit seiner Einschätzung zur Zentrale: Dort wirkten Positionen „eingefahren“ und stark von ideologischen Überzeugungen geprägt. Auch wenn das als politische Bewertung zu lesen ist, hat es für die Verhandlungsführung eine unmittelbare Bedeutung: In Tarifrunden entscheidet nicht nur der Inhalt, sondern auch, wie glaubwürdig die betroffenen Akteure die Lage der Betriebe und der Beschäftigten interpretieren. Für Unternehmen ist das relevant, weil Verhandlungen dadurch schneller in eine Dialog- oder in eine Konfrontationsspirale geraten können.
Für Marktteilnehmer und Personalverantwortliche bleibt der entscheidende Punkt: Eine mögliche Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich würde die Kostenstruktur vieler metall- und elektroindustrieller Zulieferer unmittelbar treffen. Gleichzeitig ist der Blick auf die Autoindustrie ein Signal, dass ähnliche Argumentationsmuster dort bereits diskutiert wurden. Wenn Chefaufseher wie Martin Brudermüller die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche „für dasselbe Gehalt“ anregen, dann ist das zwar kein Automatismus für andere Branchen, aber es setzt ein Referenzmodell. Genau solche Referenzmodelle beeinflussen, wie Arbeitgeber ihre Forderungen begründen und wie Arbeitnehmer über Konzessionen im Lichte konkurrierender Branchen sprechen. Für die anstehenden Herbstgespräche heißt das: Unternehmen werden ihre betriebswirtschaftlichen Szenarien schärfen müssen, während die Gewerkschaften stärker darlegen müssen, wie sie Beschäftigung, Qualifikation und Kaufkraft in einem veränderten Arbeitszeitmodell sichern.
Am Ende läuft Stihls Appell auf eine klare Geschwindigkeit hinaus: nicht erst abwarten, bis sich die wirtschaftliche Lage weiter zuspitzt, sondern die Tarifparteien sollen frühzeitig in belastbare Gespräche eintreten. Die rhetorische Zuspitzung („Blutung stoppen“) zeigt, wie hoch der Handlungsdruck in seiner Wahrnehmung ist. Für die Industrie ist das eine Einladung, Arbeitszeit nicht nur als soziale Errungenschaft zu sehen, sondern als Stellgröße im Wettbewerb. Ob die 35-Stunden-Woche tatsächlich zur Verhandlungsmasse wird, hängt im Herbst davon ab, ob Arbeitgeber und IG Metall ein Paket finden, das die Kostenargumente mit einer plausiblen Gegenleistung verbindet – oder ob die Debatte erneut an einer Frage nach Prinzipienhaftigkeit und Anerkennung der Beschäftigtenrealität scheitert.
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