LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Ex-Investmentbankerin beschreibt, wie ein 18-monatiger Karriereausstieg ausgerechnet ihr Verhältnis zu Arbeit neu sortiert hat. Sie stellt klar, dass nicht die Jobs allein den Burnout auslösten, sondern ein Mindset aus Perfektionismus, Reizüberflutung und Selbstwertkopplung. Nach mehreren Rückschlägen erkennt sie, dass sich derselbe Mechanismus sogar in ihrer Freizeit fortsetzt. Heute arbeitet sie strategisch freiberuflich und baut gleichzeitig digitale Plattformen auf, um künftig Freiheit und Leistungsfähigkeit zu verbinden.

Wer in der Investmentbranche landet, verbindet den Einstieg oft mit „Optionalität“: gute Gehälter, ein klarer Karrierepfad und das Gefühl, sich langfristig Handlungsräume zu sichern. Genau so beschreibt es auch Alice Kim in ihrem Erfahrungsbericht: Sie war über sechs Jahre in Investment Banking und Private Equity tätig, genoss zeitweise die Menschen im Umfeld und hatte sogar Freude an analytischen Aufgaben wie dem Erstellen von Excel-Modellen. Doch ab einem Punkt kippte die Dynamik von „ich halte das durch“ zu „ich kann nicht mehr“, obwohl sich an der formalen Jobrolle scheinbar nichts Grundlegendes änderte.
Technisch betrachtet zeigt sich in solchen Biografien eine typische Wechselwirkung aus Informationslast und Arbeitsrhythmus: 80 Stunden pro Woche oder mehr, hoher Druck und die psychologische Tendenz, als Perfektionistin nicht nur „fertig“ sein zu wollen, sondern „genau richtig“. Kim beschreibt, dass sie mit nur etwa fünf Stunden Schlaf funktionierte, den ganzen Tag auf Bildschirme starrte und sehr viel Koffein nutzte, um Leistungsfähigkeit kurzfristig zu stabilisieren. Hinzu kamen Stressfolgen, die sich im Alltag als reduzierte Geduld und Reizbarkeit äußerten. Das Muster kulminierte in einem Gefühl von Antriebslosigkeit: Sie beschreibt die neue Realität als „in Zement stecken“ – nicht weil die Aufgabe objektiv unmöglich war, sondern weil der eigene Kopf die kleinste nächste Handlung blockierte.
Der Wendepunkt lag nicht in einem „neuen Job“, sondern in der Diagnose des Auslösers: Kim sagt explizit, dass es nicht der Arbeitsplatz allein war, der sie in den Burnout trieb, sondern die Denkstruktur, die sie in einen Kreislauf zurückzog. Diese Erkenntnis ist für Unternehmen besonders relevant, weil sie über individuelle Schuldzuweisung hinausgeht. Wenn Selbstwert an Produktivität gekoppelt wird, reicht eine Auszeit zwar kurzfristig, um Symptome zu dämpfen, aber nicht zwingend, um die Auslöser im System zu entfernen. Kim berichtet genau das: Sie kündigte mit der Erwartung, wenige Monate zur Erholung zu brauchen, doch die Hochs und Tiefs kamen wieder. Selbst nach der Rückkehr in ein Freelance-Setting zeigte sich der Mechanismus erneut – diesmal sogar, weil sie von der inneren Logik her „wieder arbeiten musste“, um sich wertvoll zu fühlen.
Auch der Versuch, Burnout durch Reise und Surf zu „reparieren“, wirkt im Rückblick wie ein Experiment mit zu ähnlichen Steuergrößen. Kim beschreibt, dass sie während einer Urlaubsphase dank PTO zufällig auf das Surfen kam und die Tätigkeit so begeisternd fand, dass sie begann, so häufig wie möglich zu reisen, um diesem Hobby nachzugehen. Das half anfangs gegen die Enge der sogenannten „finance bubble“ – also gegen die Abschirmung durch ein sehr gleichförmiges berufliches Umfeld. Gleichzeitig verlegte sie jedoch ihr Perfektions- und Druckmuster in das Hobby: Ohne das klassische Unternehmenssetting als Ausgleich für ihre hohen Standards übertrug sie die gleiche Selbstanforderung auf das Surfen und stand dadurch erneut kurz vor dem Zusammenbruch. Genau daran wird sichtbar, wie stark Burnout nicht nur körperlich, sondern als erlernte Regelstruktur im Verhalten funktioniert: Wenn dieselben internen Parameter weiterlaufen, ändert sich die Diagnose auch dann nicht, wenn die Oberfläche des Alltags wechselt.
Für die heutige Tech- und Digitalwirtschaft steckt in diesem Bericht ein praktischer Bezugspunkt: Selbst bei flexibleren Arbeitsmodellen ist „Freiheit“ nur dann wirksam, wenn sie nicht nur den Kalender, sondern auch die Bewertungssysteme verändert. Kim zeigt, dass sie Schritt für Schritt damit beginnt, die Grundidee zu zerlegen, dass Wert aus Arbeit entsteht. Vollständig sei das noch nicht, sagt sie; aber sie beschreibt eine kontinuierliche Annäherung in kleinen Schritten („1% näher“). Diese Form der Entkopplung ist zwar psychologisch, aber sie lässt sich im Arbeitsalltag auch operationalisieren: weniger kognitiver Selbstzwang, klare Grenzen für Erreichbarkeit, und eine Arbeitsorganisation, die nicht jede Lücke als „Beweis für Unwert“ behandelt. Für Führungskräfte und Personalverantwortliche bedeutet das: Burnout-Prävention reduziert sich nicht auf „Urlaub genehmigen“, sondern umfasst das Design von Zielarchitekturen, Feedbackschleifen und Leistungskennzahlen, die Perfektionismus nicht belohnen, wenn er in Stress mündet.
Heute versucht Kim, ihren eigenen „Output“ in ein neues Modell zu überführen: eine Portfolio-Tätigkeit, die zu ihr passt, Freiheit erlaubt und ihre professionelle Erfahrung nutzt, ohne in den alten Takt zurückzufallen. Sie arbeitet derzeit strategisch freiberuflich im Bereich Finance und baut parallel Social-Media-Plattformen auf. Der konkrete Knackpunkt ist dabei weniger die Fähigkeit, remote zu arbeiten, sondern die organisatorische Realität von Zeitzonen und Verfügbarkeit: Kim nennt als Ziel, über verschiedene Zeitzonen hinweg remote zu arbeiten, und akzeptiert dafür „odd hours“, um sich mit US-Business-Zeiten zu überlappen. Das ist ein Beispiel dafür, wie moderne, digital unterstützte Arbeit gerade nicht automatisch entlastet, wenn die innere Bewertung an Tempo und ständige Produktivität gekoppelt bleibt. Remote kann also entweder therapeutisch wirken oder die alte Logik verschärfen – abhängig davon, ob Grenzen aktiv gestaltet werden oder nur der Ort der Arbeit wechselt.
Der interessante Industrieschnitt liegt damit in der Frage, wie sich Karrierepausen und Freelance in der Praxis mit psychologischen Risiken verbinden. Kims Geschichte legt nahe, dass eine Auszeit nicht automatisch „heilt“, wenn das Bewertungsmodell im Hintergrund identisch bleibt. Gleichzeitig zeigt sie auch, dass ein Wechsel der Lebensumgebung und der Tagesstruktur Wirkung entfalten kann, etwa durch neue Reize, körperliche Aktivität und das Gefühl, nicht mehr nur im Corporate-Raster zu existieren. Für die Arbeitswelt ergibt sich daraus ein klarer Ansatzpunkt: Wer ambitionierte Rollen besetzt, sollte Perfektionismus und Selbstwertkopplung nicht als Charakterfehler behandeln, sondern als steuerbare Ergebnisgröße. Neben Coaching und individuellen Strategien braucht es dafür in Teams oft auch technische und organisatorische Rahmenbedingungen, die Tempo nicht zur einzigen Metrik machen.
Am Ende ist es weniger die konkrete Biografie als das wiederkehrende Muster, das Leserinnen und Leser aus Kims Bericht mitnehmen können: Burnout ist nicht nur „zu viel Arbeit“, sondern ein Zusammenspiel aus Schlafmangel, Dauerstress, Informationsüberlastung und einer internen Regel, nach der Wert nur über Leistung entsteht. Die gute Nachricht in ihrer Erzählung ist, dass Veränderung möglich ist, aber nicht über einen einzelnen Schalter („Kündigung“), sondern über wiederholtes Erkennen, Korrigieren und neue Routinen. Wer heute in hochintensiven Rollen arbeitet – sei es in Finance, Consulting oder in datengetriebenen Tech-Umfeldern – kann diese Erkenntnis direkt übertragen: Freiheit und Erholung funktionieren nur dann, wenn das eigene Mindset nicht einfach in die nächste Aktivität „migriert“.
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