MEKELLE / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Umsetzung des Pretoria-Cessation-of-Hostilities-Abkommens bleibt in Tigray unvollständig, während die politischen Strukturen der Zwischenverwaltung zerfallen. Die TPLF-Führung um Debretsion Gebremichael beschleunigt 2025/26 die Remilitarisierung, organisiert neue Rekrutierungswege und erweitert die Rolle von Army 70. Parallel verschiebt sich das Kräfteverhältnis in der Region: Eritrea und Teile oppositioneller Akteure rücken taktisch näher, wodurch sich der Konflikt stärker regionalisiert. Beobachter sehen darin den Schritt zurück zu direkten Zusammenstößen mit der ENDF, bei gleichzeitig formaler Zurückhaltung der Bundesregierung.

Die Debatte in Nordäthiopien dreht sich längst nicht mehr nur um die Frage, ob das Pretoria-Cessation-of-Hostilities-Abkommen (CoHA) in Tigray «auf dem Papier» gilt. Entscheidend ist, dass zentrale Elemente der Sicherheits- und Rückzugslogik nicht durchgängig eingelöst wurden und die politischen Folgestrukturen dadurch von Beginn an unter Dauerstress standen. Während das Abkommen unter anderem die disarmierte, vollständige Rückverlagerung nichtföderaler Kräfte aus dem Gebiet vorsah, blieb laut dem vorliegenden Bericht eine sichtbare Restpräsenz erhalten. Besonders an der Grenze, etwa in Badme und in Teilen der Zonen Zalambessa und Irob, blieb damit ein Konfliktherd aktiv, der die Sicherheitsgarantien des Friedensmechanismus praktisch erodierte und das Vertrauen in die weitere Umsetzung spürbar schwächte.
Damit verändert sich auch die Dynamik der Machtteilung: Tigray erlebte nach dem Ende der großen Kampfphase zwar eine zügige Rückkehr humanitärer Lieferketten und die Wiederanbindung wichtiger Infrastruktur, aber die innenpolitische Architektur blieb fragil. In den Städten wurden Versorgung und Dienste nach und nach reaktiviert; unter anderem liefen Stromversorgung und nationale Telekommunikation wieder, Banken nahmen den Betrieb unter Auflagen auf und die Airline plante die Wiederaufnahme regulärer Passagierflüge nach Mekelle. Die politische Realität war dennoch eine andere als die technische Regeneration: Die TPLF behielt den Kern der Tigray Defense Forces unter der Autorität der Zwischenverwaltung weitgehend intakt, und der angekündigte Prozess zur vollständigen Auflösung der Streitkraft kam über den Startschritt nicht hinaus. Genau an dieser Lücke setzt die spätere Remilitarisierung an, weil militärische Kapazität so nicht als «abgelebt» verschwindet, sondern als verhandelbares Druckmittel erhalten bleibt.
Ein weiterer Bruch entstand entlang der Frage, wer in Tigray die Übergangsordnung tatsächlich trägt. Die Vereinbarung zur Zwischenverwaltung sollte bis zu den Wahlen eine institutionelle Kontinuität sichern; entsprechend wurde am 23. März 2023 Getachew Reda als Präsident der IRA eingesetzt, formal ermöglicht durch eine Bundesregulierung. Früh gelang es der IRA, föderale Budgetsubventionen nach zwei Jahren kompletter Sperre wieder anzuschieben und damit auch administrative Basisfunktionen zu reaktivieren. Doch im Verlauf von 2023 schwangen die Konfliktlinien im Inneren immer stärker in Richtung Partei- und Machtkampf: Eine Fraktion um Debretsion Gebremichael und Fetlework Gebreegziabher wollte ihre politische Dominanz über den regionalen Staatsapparat absichern, nachdem der militärische Spielraum gegen Ende des Krieges geschrumpft war. Der Bericht beschreibt dabei nicht nur zähe Auseinandersetzungen über die Umsetzung der CoHA, sondern auch wachsende Reibung zwischen der IRA-Führung und Parteihardlinern in Mekelle, was die Übergangsordnung als Projekt mit begrenztem Konsens erscheinen ließ.
Parallel verschärfte sich die Rechts- und Legitimationslage auf Bundesebene. Nach der Aufhebung der terroristischen Einstufung der TPLF durch die parlamentarischen Verfahren folgte im Juni 2024 die Verabschiedung von Proclamation No. 1332/2024, die eine Sondermechanik zur Registrierung politischer Gruppen vorsah, sofern das Justizministerium bestätigte, dass illegale Aktivitäten beendet seien und im verfassungsmäßigen Rahmen gearbeitet werde. Auf dieser Grundlage gewährte die National Election Board of Ethiopia (NEBE) am 9. August 2024 eine bedingte Wiedereintragung unter Sonderumständen, verbunden mit der Pflicht zu einer General Assembly innerhalb von sechs Monaten unter Aufsicht sowie einer 18-monatigen Beobachtungsphase politisch friedlicher Aktivitäten. Der eigentliche Hebel kam jedoch über interne Parteiereignisse: Im August 2024 setzte Debretsions Lager einen nicht genehmigten Parteikongress ohne Aufsicht um; Getachew Reda und zentrale IRA-Vertreter boykottierten. In der Folge wurde das Lager aus der Partei gedrängt, und nach wiederholten Verstößen gegen formale Anforderungen widerrief NEBE schließlich vollständig den politischen Parteistatus. Der Bericht macht dabei deutlich, wie schnell «institutioneller Wettbewerb» in Tigray in eine Eskalation umschlug: Von boykottierten Sitzungen hin zu einer bewaffneten Auseinandersetzung um reale Kontrolle über den regionalen Apparat.
Diese Eskalation kulminierte nach Angaben im vorliegenden Text in der zweiten Hälfte des angegebenen Zeitfensters mit einer klaren Machtverschiebung über Gewaltinstrumente. Im Januar 2025 stellten mehr als 200 hochrangige Kommandanten der Tigray Defense Forces ihre Unterstützung für Debretsions Hardliner-Fraktion öffentlich in Aussicht und entzogen Getachew Reda damit eine entscheidende militärische Rückendeckung. Im März 2025 folgte eine forcierte Übernahme von administrativen Standorten in Mekelle, bei der Einheiten loyal zu Debretsion die Zwischenverwaltung physisch aus der Macht verdrängten. Im Anschluss stabilisierte sich Getachew Reda nicht in Mekelle, sondern baute eine engere institutionelle Anbindung an Addis Ababa auf, gründete später eine neue regionale Partei (Simret) und verband sich mit weiteren Akteuren, darunter ein ehemaliger TDF-Kommandeur sowie Kräfte an der Afar-Grenzlinie. Genau in diesem Muster liegt ein technologisch-struktureller Vergleich nahe: Statt eines abfedernden, regelbasierten Übergangs entsteht ein «Dual-Stack» aus parallel operierenden politischen und militärischen Strukturen, der die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sich Konflikte in die nächste Gewaltstufe übersetzen.
Für die Rückkehr an die Front entscheidet dann die militärische Organisationsfähigkeit – und hier rückt Army 70 in den Mittelpunkt. Der Bericht beschreibt, wie die TPLF Hardliner die Mobilisierung beschleunigen, 2026 ein zentrales Command Post einrichten und über Zwangsrekrutierung die Kräfte für die TDF verstärken. Die Grundlage bildet zugleich eine neue operative Reichweite: Army 70, als mehrere Tausend gut ausgerüstete TDF-Kämpfer aus Basen im Osten Sudans entlang der Grenze zum westlichen Tigray, arbeitet mit Unterstützung der sudanesischen Streitkräfte und besitzt eine hohe lokale Kommandoautonomie. Dieser Aufbau verlagert den Konflikt nicht nur geographisch, sondern auch logistisch: Sudan fungiert als militärischer Rückraum, und die Grenze zwischen den Konflikttheatern wird durch gemeinsame Operationen faktisch durchlässig. Dass der Bericht dabei konkrete Gefechtsereignisse nennt – von Zusammenstößen mit der Tigray Peace Force in Richtung Afar bis hin zu direkten Scharmützeln mit ENDF-Einheiten im umstrittenen Tselemt-Gebiet – unterstreicht die Botschaft: Die Auseinandersetzung bewegt sich Schritt für Schritt aus der politischen Streitlage zurück in die militärische Eskalation. Gleichzeitig wird betont, dass die Bundesregierung auf maximale Zurückhaltung setzt, um eine lokale Konfrontation nicht zu einem vollumfänglichen neuen Krieg eskalieren zu lassen.
Wie schnell aus Zurückhaltung dennoch eine neue Großkonfrontation wird, hängt zusätzlich an der strategischen Neuordnung im Horn von Afrika. Der Bericht verknüpft die interne TPLF-Spaltung mit einem breiteren geopolitischen Muster rund um den Roten Meer-Raum: Ägypten soll seine Sicherheits- und Druckstrategie auf Asmara ausrichten, während die Unterstützungslinien für oppositionelle Gruppen in Teilen auch über regionale Netzwerke verlaufen. Gleichzeitig wird eine Annäherung zwischen TPLF-nahen Akteuren und Eritrea als schrittweise Normalisierung beschrieben, die über geheime Kontakte im Frühjahr 2024 hinaus bis 2025/26 in offeneren Abstimmungen mündet. Hinzu kommt eine taktische Konvergenz mit Fano-Elementen, die zwar aus unterschiedlichen Ausgangslagen folgt, aber im Effekt eine Überdehnung der ENDF begünstigen kann. Wichtig ist dabei die Abgrenzung: Der Bericht warnt davor, TPLF, Eritrea und Fano als ein einheitliches Blocksystem zu behandeln. Die Bindungen seien eher situationsgetrieben als ideologisch, wodurch die militärische Koordination zwar kurzfristig funktionieren kann, aber ebenso schnell neue Bruchlinien erzeugt – genau die Mischung, die sich für eine Rückkehr an den «kritischen Punkt» eignet.
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