BADEN-WÜRTTEMBERG / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Landesamt für Verfassungsschutz in Baden-Württemberg warnt vor gezielter Einflussnahme rechtsextremistischer Akteure im Kampfsportsektor. Besonders junge Männer zwischen 16 und 30 Jahren stünden dabei im Fokus. Laut den Beobachtungen wird sportliche Betätigung als Einstieg genutzt, um ideologische Radikalisierung anzustoßen und Strukturen zu festigen. Die Behörde nennt zudem einen deutlichen Anstieg von Gewalttaten und betont die Rolle von Vereinsverantwortlichen bei der Früherkennung.

Verfassungsschutz warnt: Rechtsextremisten rekrutieren im Kampfsport gezielt
Verfassungsschutz warnt: Rechtsextremisten rekrutieren im Kampfsport gezielt (Foto: IT BOLTWISE)
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Im Kampfsport geht es normalerweise um Technik, Disziplin und das Einüben von Regeln. Genau diese soziale Dynamik kann aber auch missbraucht werden: Das Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) Baden-Württemberg beschreibt in aktuellen Lageeinschätzungen, dass rechtsextremistische Akteure gezielt den Sportsektor beeinflussen wollen. Die Warnung richtet sich dabei nicht nur an die breite Öffentlichkeit, sondern vor allem an Betreiber und Verantwortliche von Vereinen, weil deren Angebote im Alltag als unpolitischer Einstieg wahrgenommen werden. Besonders hervorgehoben wird die Altersgruppe der 16- bis 30-Jährigen; in diesem Spektrum lässt sich nach Darstellung der Sicherheitsbehörde ein Rekrutierungsfenster beobachten, in dem sportliche Motivation schneller Anschluss an ideologische Narrative finden kann.

Technisch-organisatorisch betrachtet liegt der Hebel der beschriebenen Strategie weniger in einzelnen Schlagworten als in der Umsetzung im Verein: Der Sport wird als Bindemittel genutzt, um junge Männer über körperliche Disziplin und Kameradschaftserlebnisse an bestimmte Gruppen heranzuführen. Das LfV stellt dabei eine Professionalisierung rechtsextremistischer Bemühungen im Kampfsportumfeld fest. Dazu zählt aus Sicht der Behörde sowohl die Unterwanderung bestehender Strukturen als auch die Verlagerung in eigene Trainingsformate. Wenn Rechtsextremisten eigene Einheiten organisieren, verändert sich die Eintrittsschwelle: statt einer langjährigen Vereinsbindung entsteht ein klarer, kontrollierter Rahmen, der die Gruppendynamik schneller und gezielter formen kann.

Als besonders aktiv nennt das LfV Baden-Württemberg im Umfeld des Kampfsports die Partei „Der 3. Weg“ sowie die „Identitäre Bewegung“. Auch im Umfeld der ehemaligen „Jungen Alternative“ seien Bestrebungen erkennbar. Für Vereine ist entscheidend, dass die von der Behörde beschriebenen Aktivitäten nicht nur auf die Übernahme vorhandener Trainingsstätten abzielen, sondern auch darauf, Mitglieder handlungsfähiger zu machen. In der Lageeinschätzung heißt es, die organisierten Trainings dienten dazu, die physische Einsatzfähigkeit zu steigern und ein Klima der Gewaltbereitschaft zu fördern. Damit verschiebt sich die Zielsetzung von Sport als regulierter Freizeitbeschäftigung hin zu einer funktionalisierten Vorbereitung, bei der Normen und Hemmschwellen schrittweise an Gewicht verlieren können.

Die Relevanz für den Sicherheits- und Gesellschaftsbereich unterstreicht das LfV mit quantitativen Angaben zur Entwicklung: Nach den in der Lageeinschätzung genannten Erhebungen habe die Zahl der Rechtsextremisten in Baden-Württemberg 2025 mit knapp 3.800 Personen einen historischen Höchststand erreicht. Parallel dazu steige die Deliktsrelevanz. Besonders deutlich fällt der Hinweis auf die Gewaltkomponente aus: Die Anzahl der registrierten Gewalttaten habe sich nahezu verdoppelt, von 54 Taten in der vorherigen Betrachtung auf 97 Gewalttaten im Jahr 2025. Für die Einordnung verweist das LfV auf eine Verbindung aus extremistischer Ideologie und systematischem Kampfsporttraining, da dadurch die Hemmschwelle zur Anwendung körperlicher Gewalt sinken könne. Für Verantwortliche im Sport bedeutet das: Es reicht nicht, nur auf sichtbare Eskalationen zu reagieren; entscheidend sind frühe Signale im Verhalten, in der Rekrutierungsarbeit und in der Vereinskommunikation.

Gerade für Kampfsportvereine entsteht daraus eine praktische Herausforderung: Rekrutierungsversuche laufen häufig zunächst niederschwellig ab und fokussieren sich auf sportliche Aspekte. Politische Hintergründe bleiben dabei zunächst verborgen, weil sich neue Teilnehmende am Anfang eher für Training, Erfolgserlebnisse oder Zugehörigkeit interessieren als für Ideologie. Das LfV betont deshalb die Notwendigkeit einer gesteigerten Sensibilisierung innerhalb der Vereinsstrukturen, um Versuche früh zu erkennen und zu unterbinden. Das ist keine reine „Aufklärungskampagne“, sondern vor allem ein Management-Thema: Wer Zugang zu Trainingsgruppen erhält, wer Kurse leitet oder begleitet, wie Mitgliedschaften überprüft werden und wie Vorfälle dokumentiert werden, entscheidet über die Geschwindigkeit, mit der sich problematische Einflüsse bemerkbar machen.

Ein weiterer Punkt ist die Schnittstelle zwischen sportlicher Sozialisation und langfristiger Einbindung. Das LfV beschreibt, gezielte Ausbildung junger Männer im Alter von 16 bis 30 Jahren durch extremistische Organisationen sei als Versuch zu werten, eine kampfkräftige Basis für politische Auseinandersetzungen zu schaffen. Für Vereine heißt das: Prävention muss dort ansetzen, wo sich Gruppenzugehörigkeit formt – also in der Umgangsform, in der Rollenverteilung (Trainer, Betreuer, „Leads“ in der Trainingsgruppe) und in der Art, wie Konflikte trainiert oder verhandelt werden. Je stärker Trainingsmethoden zu einer Loyalitätsprüfung oder zu einem Gradmesser für Zugehörigkeit umgedeutet werden, desto eher kann aus einem regulären Sportangebot eine ideologische „Vorstufe“ werden. Die Warnung liefert damit auch eine Art Frühwarnlogik: Wenn sich Sportler-Identitäten zunehmend an politische Codes, Hierarchien oder unangemessene Gewalt-Inszenierungen koppeln, sollten Verantwortliche aktiv nachfragen und – im Zweifel – professionelle Hilfe einbinden.

Für die Vereinsarbeit ergibt sich daraus ein mehrschichtiger Handlungsrahmen, der sich an klaren Prozessen orientieren sollte. Das LfV nennt zwar keine technischen Lösungen im Sinne von Software, aber aus den beschriebenen Mustern lassen sich organisatorische Standards ableiten: erstens die konsequente Schulung von Übungsleitern und Vorständen für Erkennungsmuster, zweitens ein transparenter Umgang mit Aufnahme, Betreuung und Rollen in Trainingsgruppen, und drittens definierte Meldewege, falls problematische Ansprache oder koordinierte Einstiegsversuche auffallen. Auch wenn der Sport im Kern auf Gemeinschaft ausgerichtet ist, bleibt Verantwortung nicht abstrakt: Sie zeigt sich in konkreten Entscheidungen am Trainingstag. Die Lageeinschätzung aus Baden-Württemberg legt damit den Fokus auf Früherkennung, weil die Dynamik im Vereinsalltag oft schneller ist als formale Reaktionszyklen.

Schließlich ist die Warnung ein Signal für die breitere Gesellschaft, wie stark sich Extremismus moderner Infrastrukturbedarfe bedient: Sport bietet Zugang zu Menschen über regelmäßige Termine, zu informellen Netzwerken und zu Situationen, in denen körperliche Disziplin und Gruppendruck zusammenkommen. Wenn Behörden gleichzeitig eine Zunahme der Deliktsrelevanz sowie einen deutlichen Anstieg registrierter Gewalttaten nennen, wird klar, dass es nicht bei „nur Worten“ bleibt. Für Entscheider in Sportverbänden, Kommunen und Förderstrukturen bedeutet das: Prävention im Kampfsport muss genauso ernst genommen werden wie im digitalen Raum oder in Bildungssettings, weil die Rekrutierung dort nicht weniger systematisch ablaufen kann. Das LfV fordert in der Sache Wachsamkeit – und genau diese Wachsamkeit wird langfristig entscheidend dafür sein, ob Sportvereine ihre offene, regelgebundene Kultur bewahren oder als Eintrittstor missbraucht werden.


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