MÜNCHEN/NESSELWANG / LONDON (IT BOLTWISE) – Niedrigwasser am Rhein wirkt preistreibend, weil Transportkapazitäten auf dem wichtigsten Binnenwasserweg sinken. ADAC-Kraftstoffmarktexperte Christian Laberer ordnet ein, dass höhere Logistikkosten bei Kraftstoffen nur ein Faktor unter mehreren sind. Der Verband en2x warnt zugleich, dass vorübergehend regionale Versorgungsengpässe wahrscheinlicher werden, falls es zusätzlich zu Störungen in der Transportkette kommt. Auf der Preisseite zeigen sich zudem Unterschiede zwischen Bundesländern, besonders bei Benzin in NRW und Hessen.

Autofahrer in weiten Teilen Deutschlands bekommen die Folgen des Niedrigwassers am Rhein inzwischen nicht nur als Schlagzeile, sondern an der Zapfsäule zu spüren: Der Kraftstoff wird teurer, weil sich die Logistik entlang der Wasserstraße verschlechtert. Christian Laberer, ADAC-Kraftstoffmarktexperte, beschreibt das Niedrigwasser als preisrelevanten Treiber und betont zugleich, dass es sich dabei nicht um den einzigen Einflussfaktor handelt. Hintergrund ist eine simple Transportrealität: Der Rhein dient als Verkehrsweg für Öl, Benzin und Diesel, und Schiffe können diese Güter in der Regel günstiger bewegen als kleinere Lkw-Flotten.
Technisch und wirtschaftlich wirkt Niedrigwasser dabei über die verfügbare Zuladung. Wenn Schiffe weniger Ladung aufnehmen können, steigen die Kosten pro transportierter Einheit – nicht nur für den eigentlichen Kraftstoff, sondern auch für Vorprodukte, die in Raffinerien und Verarbeitungsstufen benötigt werden. Der Experte spricht von teilweise deutlich höheren Logistikkosten durch das aktuelle Niedrigwasser. Gleichzeitig liefern Unternehmen den deutschen Markt nicht monokausal über den Rhein: Laut Laberer erfolgt die Versorgung über ein Netzwerk aus Seehäfen, Raffinerien, Pipelines sowie dem Schienen- und Straßentransport. Deshalb sieht er einen Schwerpunkt der Preiswirkung derzeit eher regional, nicht flächendeckend.
Entwarnung geben die Prognosen der Branche jedoch nicht vollständig, im Gegenteil. Der Wirtschaftsverband Fuels und Energie (en2x) nennt auf Anfrage als nächste Entwicklung, dass Pegelstände zwar weiter sinken und damit die Wahrscheinlichkeit von vorübergehenden und regional beschränkten Versorgungsengpässen steigt. Ausschlaggebend könne werden, wenn sich das Problem zusätzlich mit Verzögerungen auf der Schiene, technischen Störungen oder anderen Einschränkungen in der Transportlogistik überlagert. In dem Kontext ordnet der Verband ein, dass der Umgang mit Niedrigwasser – gerade am Rhein – kein neues Thema ist: Binnenschiffe müssten bei geringeren Pegeln teils mit deutlich reduziertem Frachtvolumen fahren oder den Betrieb zeitweise ganz einstellen, während der Transport dort, wo es geht, auf Züge und Lastwagen verlagert wird.
Dass sich diese Mechanik unmittelbar auf den Markt auswirkt, zeigt die regionale Spritpreisverteilung. Nach Beobachtungen über ein Spritpreisportal lagen bei Benzin zum Stand Dienstagmorgen Nordrhein-Westfalen und Hessen vorn, gefolgt von Bremen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Beim Diesel standen Nordrhein-Westfalen und Hessen ebenfalls relativ weit oben. Zusätzlich fällt auf Landkreisebene vor allem bei Benzin eine Häufung teurer Regionen in der westlichen Hälfte Deutschlands auf, während in Bayern – besonders in seiner südlichen Hälfte – die Preise vergleichsweise günstig ausfallen. Die Differenzen liegen dabei nur im Bereich weniger Cent, aber sie sind für Pendler und Fuhrparks bei mehreren Tankvorgängen schnell spürbar.
Ein wichtiger Engpassfaktor ist, dass Niedrigwasser am Rhein nicht nur die Kraftstofflogistik trifft, sondern die gesamte industrielle Taktung. Der Rhein gilt als Europas wichtigste Wasserstraße; bei niedrigen Pegelständen sinkt die mögliche Ladung, wodurch Transportkosten steigen und die Belieferung von Industrie mit Vorprodukten schwerer wird. Als zusätzlicher Belastungsfaktor kommt hinzu, dass die Generalsanierung einer Bahnstrecke auf der rechten Rheinseite den Schienenverkehr aktuell enger macht: Zwischen Köln und dem Rhein-Main-Gebiet stehen dadurch nur zwei Gleise der linksrheinischen Strecke zur Verfügung, sonst wären es vier. Die Arbeiten sollen noch bis Dezember dauern, was die Möglichkeit begrenzt, kurzfristig Kapazitäten auf die Schiene auszuweichen.
Parallel arbeitet die Politik an Entlastung in der Straße. Die Lockerung des Lkw-Fahrverbots an Sonn- und Feiertagen in mehreren Bundesländern sorgt zwar für mehr Flexibilität bei wichtigen Lieferungen, löst aber laut Logistikverband BGL vorerst kein zusätzliches Problem bei der Fahreranzahl. In Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland war das Fahrverbot bereits ab dem vergangenen Wochenende zeitweise gelockert; Baden-Württemberg und Bayern handeln demgegenüber wie Mecklenburg-Vorpommern zum kommenden Wochenende. Sachsen lehnt eine generelle Lockerung ab und verweist auf mögliche Ausnahmegenehmigungen. Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) will am Mittwoch mit seinen Amtskollegen in den Ländern über weitere Maßnahmen gegen die Folgen des Niedrigwassers beraten; am Montag hatte er angekündigt, kurzfristig “doch einige Möglichkeiten” zu sehen, um die schwierigen Wochen im August gut zu überstehen.
Für Unternehmen in Logistik, Energiehandel und Industrie ist damit vor allem die nächste Transport- und Dispositionsphase entscheidend. Wenn Schiffe weniger Ladung bewegen können, verschiebt sich die Last in Richtung Bahn und Lkw, deren Kapazitäten jedoch begrenzt sind; genau daraus ergeben sich steigende Transportkosten. Gleichzeitig zeigt der Hinweis des Verbands, dass der Tankstellenbetrieb bisher auf normalem Niveau läuft, wie stark Unternehmen ihre Belieferungsrouten bereits anpassen. Die Mitgliedsunternehmen arbeiten nach Darstellung von Christian Küchens Hauptgeschäftsführung daran, die Versorgung von Raffinerien nicht nur bis zu Tankstellen, sondern auch zu Heizölkunden, Flughäfen und der Industrie aufrechtzuerhalten – ein Signal dafür, dass operative Anpassungen aktuell verhindern sollen, dass aus höheren Kosten sofort echte Lieferausfälle werden.
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