LONDON (IT BOLTWISE) – Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September verschärft Sahra Wagenknecht mit dem BSW die Debatte um die Machtbildung im Landtag. Im dritten Wahlgang reicht in Sachsen-Anhalt die einfache Mehrheit; Enthaltungen werden nicht mitgezählt. Damit könnte nach der aktuellen Umfragelage theoretisch ein AfD-Ministerpräsident möglich werden, selbst ohne absolute Mehrheit der AfD. Unklar bleibt dabei, wie weit die CDU und andere Parteien ihre jeweiligen Unvereinbarkeits- oder Tolerierungslinien tatsächlich tragen.

Die eigentliche Sprengkraft der aktuellen Wahlkampfdiskussion in Sachsen-Anhalt steckt weniger in einer neuen Koalitionsidee als in den Regeln des dritten Wahlgangs zur Ministerpräsidentenwahl. Im Landtag reicht in diesem Durchgang die einfache Mehrheit der abgegebenen Stimmen; Enthaltungen werden nicht mitgezählt. Genau diese Systemlogik kann – bei knapper Sitzarithmetik – aus rechnerisch plausiblen Mehrheitsverhältnissen einen politischen Machtwechsel machen. Sahra Wagenknecht argumentiert dabei nicht erst seit gestern, sondern bezieht sich auf ein Modell, das sie seit Wochen öffentlich vertritt: eine Abwahl des CDU-Amtsinhabers und ein „überparteilicher“ Ministerpräsident, der mit wechselnden Mehrheiten regiert. Entscheidend ist dabei, dass dieses Modell nach ihrer Darstellung auch „mit der AfD“ funktionieren könne, sofern sich andere Parteien darauf einlassen oder sich im dritten Wahlgang entsprechend verhalten.
Für die technische Betrachtung der politischen Dynamik lohnt sich der Blick auf die Datenlage, weil Wahlprognosen in diesem Kontext weniger eine „Wahrheit“, sondern eher ein Intervallsystem sind. Laut dem genannten Insa-Set für eine Momentaufnahme der Wahlabsichten läge die AfD derzeit bei 42 Prozent, während das BSW bei 5 Prozent und die CDU bei 22 Prozent liegen könnten; daneben kämen Linke und SPD mit 13 beziehungsweise 6 Prozent. Diese Größen wirken auf den ersten Blick stabil, aber sie sind in der Praxis besonders empfindlich, weil schon wenige Prozentpunkte entscheiden, ob Parteien den Landtag überhaupt erreichen oder mit welchem Stimmanteil sie dort vertreten sind. In einer zweiten, zeitlich leicht versetzten Umfrage von Infratest dimap werden die Werte anders gewichtet: AfD 41 Prozent, CDU 24, SPD 7, Grüne 5 und das BSW 4 Prozent. Der Text ordnet zudem ausdrücklich Unsicherheiten ein, indem eine Fehlertoleranz bis zu 3,1 Punkte genannt wird. Damit wird das zentrale Risiko sichtbar: Nicht nur die Reihenfolge der Parteien ist unscharf, sondern vor allem die Frage, ob das BSW im entscheidenden Moment knapp in den Landtag gelangt oder knapp scheitert – und damit, ob Enthaltungs- und Mehrheitsstrategien politisch überhaupt greifen.
Wagenknechts Vorschlag ist dabei keine reine Rechenaufgabe, sondern ein Steuerungsversuch im letzten Meter des Wahlkampfs. Ihre Kernaussage: Parteien mit Umfragewerten um etwa 40 Prozent dürfe man nicht pauschal „ausgrenzen“. Der Text verweist außerdem auf das Bild, die „Brandmauer“ sei gescheitert – eine Formulierung, die in Deutschland im politischen Kontext regelmäßig als Grenze gegenüber der AfD verstanden wird. Gleichzeitig macht der Artikel deutlich, dass das Szenario rechtlich und politisch nicht automatisch „durchmarschiert“, weil konkrete Kooperationsentscheidungen anderer Akteure nötig bleiben: Eine Enthaltung des BSW im dritten Wahlgang wäre nur dann machtpolitisch wirksam, wenn die übrigen Parteien tatsächlich nicht mitwählen oder nicht gegensteuern. Genau hier rückt die technische Frage der Koordination zwischen Fraktionen in den Fokus: Nicht die öffentlichen Programme entscheiden zuletzt, sondern die interne Abstimmungsdisziplin im Landtag. Das ist in der Praxis schwerer als eine Wahlkampf-Publikumsbotschaft, weil sich Mehrheiten nicht nur aus Zahlen, sondern aus Verhalten bei der Sitzungskalkulation ergeben.
Auf der Seite der AfD formuliert Ulrich Siegmund dagegen ein Zielbild, das das Enthaltungsmodell grundsätzlich in Spannung setzt. Er habe als Kandidat laut Text eine Alleinregierung angestrebt und wolle „45 Prozent plus X“, um über eine stabile parlamentarische Basis für mehrere Jahre verfügen zu können. Zugleich sagt der Text, Siegmund lehne es „selbstverständlich“ ab, sich durch eine Enthaltung des BSW zum Ministerpräsidenten wählen zu lassen, wenn dadurch keine eigene Mehrheit entsteht. Diese widersprüchliche Gemengelage ist politisch aufschlussreich, weil sie zeigt, wie sehr unterschiedliche Akteurslogiken kollidieren: Für das BSW kann die Enthaltungsstrategie als Hebel gegen den Status quo gelten; für die AfD ist sie hingegen potenziell ein Symbol für Abhängigkeit. Der Artikel benennt zudem einen weiteren Engpass: Selbst wenn Siegmund ohne eigene Mehrheit antritt, bleibt unklar, ob er überhaupt für eine konkrete Regierungsführung bereit wäre, die dauerhaft von der Stimmenarchitektur anderer Fraktionen abhängt. Das BSW selbst hat indes in einem Papier Themenfelder wie Bildung, Pflege, Energie, innere Sicherheit, Medien und Meinungsfreiheit als „Angebot an alle anderen Parteien“ auch mit Blick auf die AfD adressiert. Ob und wie daraus reale Mehrheiten werden, bleibt in dem Text ausdrücklich theoretisch, unter anderem wegen der rigorosen Ablehnung anderer Parteien gegen die AfD.
Die CDU-Linie um Sven Schulze ist im Artikel als zweite harte Randbedingung beschrieben: Seit 2018 gibt es einen Unvereinbarkeitsbeschluss, wonach die CDU Koalitionen oder ähnliche Formen der Zusammenarbeit mit der Linkspartei und der AfD ablehnt. Der Text stellt fest, Schulze schließt damit im Wahlkampf Koalitionen „ganz rechts“ oder „ganz links“ aus. Gleichwohl taucht eine zusätzliche Variante auf, die für die Machtarithmetik besonders relevant ist: Tolerierung durch die Linke. Linken-Chef Luigi Pantisano lässt laut Text erkennen, dass seine Partei notfalls mitmachen würde, um die AfD von der Macht fernzuhalten. Schulze hingegen bleibt vage, und innerhalb des CDU-Landesverbands wird die Frage der Tolerierung unterschiedlich bewertet. Für Unternehmen, Verbände und auch Medien, die Wahlprozesse technisch beobachten wollen, heißt das: Die entscheidende Variable ist nicht nur die Wahlumfrage, sondern die spätere Verhandlungs- und Abstimmungsentscheidung in einer Situation, in der formale Beschlüsse auf politische Notwendigkeit treffen. Historisch ist das kein völlig neues Muster: Der Artikel verweist darauf, dass es in anderen Bundesländern bereits Kooperationen oder Konsultationsformen zwischen CDU und Linken gab, um knappe Mehrheiten zu sichern.
Auch die Perspektive der Wähler zeigt, warum diese Machtmechanik im Endspurt medienwirksam wird. In einer Yougov-Umfrage für die Deutsche Presse-Agentur befürworteten 47 Prozent der befragten Ostdeutschen eine Regierungsbeteiligung der AfD für den Fall, dass die AfD in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern stärkste Kraft ohne eigene Mehrheit wird. 29 Prozent sprechen sich dafür aus, dass alle anderen Parteien gemeinsam eine Landesregierung ohne die AfD bilden. 11 Prozent halten in diesem Szenario eine Neuwahl für richtig, weitere 13 Prozent trauen sich kein Urteil zu. Für die technische Einordnung ist das mehr als Statistik: Solche Verteilungen beeinflussen, wie wahrscheinlich Parteien das „nächstbeste“ Szenario wählen – etwa ob Enthaltung als taktisches Mittel akzeptiert wird oder ob ein Teil der Öffentlichkeit auf klare Abgrenzung besteht. Damit verschwimmt die Grenze zwischen politischem Prozess und datengetriebener Erwartungssteuerung: In Wahlperioden werden Umfragedaten nicht nur analysiert, sondern auch als Argumentations- und Mobilisierungswerkzeug eingesetzt. Genau deshalb kann ein rechnerisches Setup wie „dritter Wahlgang plus Enthaltungen“ aus einem Spezialfall schnell zu einem realpolitischen Druckmittel werden.
Für den weiteren Verlauf ist weniger die Frage entscheidend, ob das Szenario rechnerisch „möglich“ ist – der Artikel zeigt, dass es bei den genannten Umfragewerten grundsätzlich denkbar bleibt. Spannender ist, wie die beteiligten Parteien die strategischen Kosten bewerten, wenn sich die Unsicherheit in den Umfragedaten in ein tatsächlich abstimmungsrelevantes Ergebnis verwandelt. Sollte das BSW knapp im Parlament landen und die Stimmen im dritten Wahlgang so liegen, dass Enthaltungen wirksam werden, könnte der politische Wettbewerb in Richtung einer neuen, schwerer vorhersehbaren Mehrheitslogik kippen. Umgekehrt würde eine Verschiebung von wenigen Punkten, etwa durch die genannte Fehlertoleranz, die Grundlage entziehen und aus dem „theoretischen“ Szenario ein unwahrscheinliches Randbild machen. Bis zur Wahl bleibt deshalb vor allem eine Frage offen, die weit über Parteiprogramme hinausgeht: Welche Fraktionen sind bereit, die Abstimmungs- und Koordinationskosten eines Machtwechsels in Kauf zu nehmen – und wie konsequent setzen sie ihre Linien um, wenn das Ergebnis im Landtag nicht mehr nur eine Zahl, sondern ein Abstimmungszeitpunkt ist.
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