NEW YORK CITY / LONDON (IT BOLTWISE) – Der New York City Council startet eine Prüfung der Marketingpraktiken von Prediction-Market-Plattformen. In Schreiben an Polymarket, Kalshi, Coinbase und Gemini nennt der Sprecher der Ratsversammlung Vorwürfe zu angeblich falscher, irreführender und unzulässiger Werbung. Die Stadt plant außerdem eine öffentliche Anhörung und will dabei auch klären, ob ähnliche Strategien bei weiteren Anbietern genutzt werden. Hintergrund sind frühere Berichte, die Polymarket-Maßnahmen als potenziell missverständlich beschrieben haben, woraufhin auch eine bundesstaatliche Untersuchung angestoßen wurde.

NYC untersucht Marketing von Prediction-Market-Plattformen auf irreführende Werbung
NYC untersucht Marketing von Prediction-Market-Plattformen auf irreführende Werbung (Foto: IT BOLTWISE)
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Der New York City Council zieht an, wenn es um die Art und Weise geht, wie sich sogenannte Prediction-Market-Plattformen vermarkten. Laut Angaben des Büros der Council Speaker Julie Menin untersucht der Rat die Marketingpraktiken mehrerer Anbieter und will dabei offenkundig nicht bei einer allgemeinen Debatte stehen bleiben, sondern konkrete Werbemuster adressieren. Menin sieht das Ziel der Initiative darin, Verbraucher in New York City vor „deceptive and predatory marketing practices“ zu schützen – also vor Werbung, die gezielt täuschen oder ausnutzen soll.

Im Zentrum der aktuellen Schritte stehen vier Plattformen: Polymarket, Kalshi, Coinbase und Gemini Titan. Menin schreibt den Unternehmen, dass der Council seit Monaten Vorwürfen nachgeht, die Kampagnen und Werbeaktivitäten der Anbieter seien „false, deceptive, unconscionable, and objectionable“. Das ist nicht nur eine rhetorische Einordnung, sondern die Grundlage dafür, welche Werbeelemente und Kommunikationskanäle der Rat als Prüffläche definiert. Zudem wird in einem beigefügten Memo betont, dass es vor allem um die Frage geht, ob Gesetzesänderungen oder andere politische Maßnahmen notwendig sind, ohne jedoch nachgelagert eine Bewertung zu liefern, ob bestimmte „event contract exchanges“ gegen New Yorker Glücksspielgesetze verstoßen.

Der Auslöser, auf den die Schreiben verweisen, liegt in früheren Berichten, die Polymarket-Missverständnisse in der Vermarktung nahelegten. Wie in diesen Berichten behauptet wird, soll Polymarket in Kooperation mit Content Creators so gewirkt haben, als würden die Partner auf der Plattform gewinnen, obwohl sie dafür nach den Angaben nicht ihr eigenes Geld eingesetzt hätten. Diese Darstellung habe wiederum zu einer Untersuchung durch die US-Bankenaufsicht für Vorhersagemärkte geführt – also durch die Commodity Futures Trading Commission. Für die jetzige kommunale Prüfung ist damit ein zweistufiger Kontext gesetzt: Erst steht ein Konflikt über die Transparenz der Darstellung, dann folgt institutionelle Prüfung, und nun soll auf lokaler Ebene bewertet werden, ob zusätzliche politische Leitplanken nötig sind.

In einer weiteren Einordnung zeigt sich, dass die Debatte nicht isoliert über einzelne Fälle verläuft. Denn Menin kündigt an, man prüfe zugleich, ob ähnliche Werbestrategien auch von anderen Prediction-Market-Unternehmen eingesetzt werden. Das ist für die Unternehmen operativ relevant, weil Marketingrichtlinien, die nur intern für ein konkretes Setup gelten, in einem solchen Prüfszenario schnell zu einer „Best-Practice“-Frage der gesamten Branche werden. Dazu passt auch, dass aus Berichten hervorgeht, Polymarket bereits Maßnahmen angekündigt bzw. umgesetzt hat, um seine Marketingstrategie zu überarbeiten – unter anderem durch aktualisierte und gestraffte Leitlinien für Mitarbeitende und die Content Creators, mit denen die Plattform zusammenarbeitet.

Rechtlich bleibt die Lage dabei bewusst abgegrenzt: Das Memo stellt klar, dass die Untersuchung nicht darauf ausgerichtet ist zu klären, ob Plattformen gegen Glücksspielgesetze des Bundesstaats New York verstoßen. Gleichzeitig ist New York State aktuell in einem laufenden Streit mit anderen Anbietern – unter anderem Kalshi, Coinbase und Gemini. Die Plattformen halten dagegen und argumentieren, sie seien als bundesweit regulierte Finanzmarkt-Strukturen zu behandeln und fielen damit nicht unter die dortigen Regeln für Glücksspiel. Daraus entsteht ein Spannungsfeld, das auch im Alltag der Nutzer sichtbar wird: Für den Council steht die Frage der Marketingkommunikation im Vordergrund; für die Anbieter steht die Zuordnung zur Finanzaufsicht als zentrale Verteidigungslinie.

Auch wirtschaftlich ist die Entscheidung in New York nicht ohne Wirkung. Polymarket, Kalshi und Gemini sind in New York City ansässig, Coinbase betreibt zwar offiziell seinen Betrieb aus Texas, plant aber laut Berichten die eigene Belegschaft in Richtung von über 1.000 Mitarbeitenden in New York auszubauen. Für Unternehmen, die in solchen Märkten operieren, bedeutet das: Regulierung wirkt nicht nur über Produktregeln wie Orderbücher oder Clearing, sondern über die „Go-to-Market“-Schicht, also über Messaging, Partnerprogramme und die Darstellung von Risiken und Ergebniswahrscheinlichkeiten gegenüber der Öffentlichkeit.

Technisch und prozessual dürfte die Anhörung für viele Anbieter vor allem dann unbequem werden, wenn sich aus Marketingzusammenhängen klare Compliance-Anforderungen ableiten lassen. Denn Prediction-Market-Plattformen sind stark darauf angewiesen, Aufmerksamkeit zu gewinnen, während sie zugleich in einem regulatorisch sensiblen Umfeld operieren, in dem die Grenze zwischen Informationsangebot und manipulativer Darstellung schnell zum Konfliktthema wird. Der Schritt des NYC Councils kann damit als Versuch gelesen werden, nicht die Existenz von Prediction Markets selbst zu verhindern, sondern die Werbearchitektur so zu schärfen, dass Nutzer nicht aus einer verkürzten oder inszenierten Erfolgsdarstellung falsche Erwartungen ableiten. Welche konkreten Änderungen daraus folgen, ist offen – sicher ist lediglich, dass die nächste Gesprächsrunde in Form einer öffentlichen Anhörung den Druck auf Transparenz und Nachweisbarkeit weiter erhöhen wird.

Für Technologie-Teams und Produktverantwortliche ergibt sich daraus eine praktische Konsequenz: Marketing kann nicht mehr als „nur Kommunikationsarbeit“ behandelt werden, wenn regulatorische Stellen inhaltliche Werbeversprechen und die Darstellung von Partnerresultaten in den Fokus nehmen. Wer weiterhin mit Content Creators, Beispiel-Setups und Performance-Material arbeitet, wird seine Guidelines, Freigabeprozesse und die Dokumentation der tatsächlichen Bedingungen (z.B. welche Mittel eingesetzt werden, wie Ergebnisse dargestellt werden und welche Risiken ausdrücklich erläutert sind) stärker als bisher benötigen. Damit rückt neben der Plattform-Infrastruktur auch die semantische Ebene in den Mittelpunkt, auf der Nutzer verstehen, was ein Markt anbietet und wie ein möglicher Erfolg tatsächlich zustande kommt.

Unterm Strich verschiebt sich die Debatte von der reinen Marktmechanik hin zur Nutzerkommunikation. Der New York City Council verknüpft die Prüfung von Werbepraktiken mit der Frage nach möglichen politischen Anpassungen und setzt dabei einen klaren Startpunkt durch die Schreiben an mehrere große Anbieter. Der weitere Verlauf hängt davon ab, welche Belege im Verfahren vorgelegt werden und ob die Prüfung zu konkreten Empfehlungen für Gesetzgebung oder Leitlinien führt. Für den Markt insgesamt gilt: Prediction Markets werden nicht nur danach beurteilt, wie sie handeln und abwickeln, sondern auch danach, wie sie Vertrauen erzeugen.


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