GUANGZHOU / LONDON (IT BOLTWISE) – Honor stellt in China sein „Robot Phone“ vor und bringt damit ein Smartphone mit ausfahrendem, dreiachsigem Kameragimbal in den Verkauf. Im Test steuert die eingebaute Yoyo-Sprachassistenz sogar eine Bestellung in eine App, während Gesten das Robot-Arm-Handling starten. Herzstück ist der Snapdragon 8 Elite Gen 5, ergänzt um robotische Interaktionsmodi und ARRI-nahe Cinematic-Funktionen. Mit offenen Robot-Body-Kits und einer China-Fokussierung will Honor sich als Schrittmacher positionieren.

Honor beweist in Guangzhou, dass „Smartphone“ auch heute noch als Plattform für neue Hardware-Paradigmen dienen kann. Als der chinesische Hersteller das Konzept „Robot Phone“ erstmals vorstellte, klang es für viele nach zu viel Versprechen auf einmal. Doch beim Launch vor Ort ging es nicht nur um ein Konzeptbild: Honor zeigte die finale Ausführung, die in China bereits kurz nach der Veranstaltung verfügbar werden soll. Entscheidend ist dabei weniger der Marketingbegriff „Robot Age“ als die konkrete Kombination aus KI-Funktionen im Alltag und einer Kamera-Hardware, die sich wie ein Bewegungsmodul anfühlt statt wie ein statisches Bauteil.
Technisch beginnt die Überraschung auf der Rückseite. Von vorne wirkt das Gerät zunächst wie ein übliches Android-Phone mit einem 6,3-Zoll-OLED-Display. Dreht man es um, fährt jedoch ein Modul auf und entlässt ein Kamerasystem auf einem dreiachssig stabilisierten Gimbal, das an einem Roboterarm schwenkt. Genau diese Mechanik macht das Robot Phone zu einer Art Hybrid aus Mobile Computing und „kleinem Gimbal-System“, allerdings ohne dass man eine separate Kamera tragen müsste. Honor hat für den Antrieb laut Angaben einen Gimbal aus Titan verbaut und dazu über 100 micro-precision Komponenten, ergänzt durch Motoren aus Titanlegierung und Stahl für den Flip-Mechanismus. Das ist einerseits der Grund, warum Honor die Mechanik als robust positioniert, andererseits wirkt die Empfehlung „nicht fallen lassen“ praktisch wie ein Sicherheitsversprechen an Nutzer.
Für die Interaktion setzt Honor auf das Yoyo-Ökosystem. Im Vorfeld des Events ließ sich das Smartphone über Yoyo so einbinden, dass eine Boba-Bestellung in einer App ausgelöst und bezahlt wurde – weniger als 20 Minuten später konnte die „Handy-zu-Bestellung“-Kette direkt genutzt werden, während das Gerät parallel für Tests in der Hosentasche blieb. Das passt zur Erwartung, dass der Snapdragon 8 Elite Gen 5 als KI-Schwerpunkt genug Rechenleistung liefert, um schnelle Antworten und KI-gestützte Kamera-Setups ohne lange Wartezeiten umzusetzen. Besonders auffällig ist aber der Modus, in dem Gesten den Robot-Arm aktivieren: Wer die Kamera über das Gimbal aktiviert oder es per Gesture startet, bekommt über die App eine unmittelbare „Robot-Assistant“-Logik. Dabei nennt Honor rund zehn Gesten wie Nicken, Schütteln, neugieriges „Peeking“ und synchrones „Dancing“ zur Musik; zusätzlich gibt es mehr als 100 Emoji-Optionen, die parallel auf dem Display erscheinen können.
In der Kamera-Praxis spielt Honor seine Produktions- und Postproduktions-Argumente besonders stark aus. Das Gerät setzt auf drei Kameras: eine 200-Megapixel-Hauptkamera, eine 200-Megapixel-Telephoto-Optik und eine 50-Megapixel-Ultraweitwinkel-Kamera. Interessant ist die Zusammenarbeit mit ARRI: Die Hauptkamera sitzt oben auf dem ausfahrbaren Modul, und „cinematic mode“ arbeitet mit ARRI-nahen Filtern, die sich in der Bildanmutung an klassische Film Looks anlehnen. Das Ziel ist klar: Kreative sollen weniger „Workflow-Reibung“ erleben, weil sie nicht erst zwischen einer Handkamera und dem Smartphone umständlich Dateien übertragen müssen. Gleichzeitig merkt man bei der Handhabung, dass das ungewöhnliche Mechanik-Setup auch Trade-offs mit sich bringt – etwa bei der vertikalen Aufnahme, wo im Test die Bilddarstellung offenbar beschnitten statt gedreht wurde und dadurch laut Beschreibung Auflösung verloren geht.
Für Content Creator ist außerdem relevant, wie Honor Tracking und Stabilisierung in Software überführt. Die drei Smart-Tracking-Varianten unterscheiden sich in gimbalbasiertem Tracking, Smart Tracking und Pre-Composition-Freaming; dazu kommen sechs dynamische Kamera-Modi, darunter AI SpinShot, default stabilization, tilt locked, super steady sowie FP/FPV vertikal. AI SpinShot erlaubt im Recording das Drehen des Gimbals um 90 oder 180 Grad per Tastendruck, was besonders für wiederholbare Bewegungsaufnahmen interessant sein kann. Für Unternehmen und Entwickler ist daran weniger die einzelne Aufnahmeart spannend, sondern die Architektur-Idee: Ein Smartphone als steuerbarer Sensor-Knoten mit präziser Ausrichtung, der gleichzeitig robotische Interaktionsflächen bietet. Gerade in Verbindung mit der KI-gestützten Steuerung wird der Nutzen von „ausfahrbarer Mechanik“ vom klassischen Kamera-Feature zum Systemmerkmal.
Honor geht aber noch weiter und versucht, das Robot Phone als Plattform für Robotik-Bastler zu verankern. In China arbeitet das Unternehmen mit Seeed Studio zusammen, das laut Angaben verschiedene Robot Bodies gebaut hat, in die das Telefon als „Gehirn“ eingesetzt werden kann – etwa ein gefahrener Bot mit Rädern und Armen oder ein zweibeiniger Bot. Die Interaktion erfolgt dann entweder über KI-Ansätze oder über einen Controller, und ein Kit mit Rädern wird als Open-Source-Hardware bereitgestellt. Für Maker- und Community-Szenarien ist das der Knackpunkt: Wer das Robot Phone kauft, kann mit passendem Zubehör und einem Maker-Space das Gerät in bewegliche Robot-Experimente übersetzen, statt bei einer rein fotografischen Spielerei stehen zu bleiben. Auf dem Markt ist das auch als Differenzierungsversuch zu verstehen, denn viele chinesische Hersteller kämpfen besonders international darum, eindeutige Markenattribute aufzubauen.
Dass Honor das Ganze als „differenziertes Produkt“ einordnet, greift auch die Analyse von Ben Wood auf, Chief Analyst bei CCS Insight. Wood sagte: „They are showing the art of the possible with a highly differentiated product, which will get a lot of attention amongst technology enthusiasts“, und ergänzte: „This is not unique for Honor because let’s bear in mind that they were the pioneers when it came to the thin foldables.“ Die Logik dahinter ist auch ohne weitere Spezifikation verständlich: Wer bereits bei anderen Formfaktoren Pionierarbeit geleistet hat, kann Mechanik-Risiken eher in eine Markenstory übersetzen. Ob das gelingt, hängt jedoch stark davon ab, wie zuverlässig die Mechanik im Alltag bleibt, wie gut die Software-Triggers funktionieren und ob sich die Lernkurve bei kreativen Pro-Funktionen wie ARRI-Cinematic rechtzeitig in eine „Umschaltfähigkeit“ für Amateure verwandelt.
Preise und Verfügbarkeit setzen dafür den Rahmen: Honor positioniert das Robot Phone zunächst als China-only Produkt, wobei die Einstiegsversion mit 12 GB RAM für 9.999 Yuan (1.483 US-Dollar) und die 16-GB-Variante für 12.999 Yuan (1.923 US-Dollar) angeboten wird. Für den globalen Markt bleibt damit vorerst die Frage offen, ob Honor das Konzept skaliert und welche Rolle dabei regionale Ökosysteme spielen. Klar ist aber schon jetzt: Mit Robot-Arm-Kamera, Yoyo-Gesten und einem Robotik-Open-Hardware-Ansatz versucht Honor, das Smartphone nicht nur „smarter“, sondern strukturell anders zu machen – und genau darauf richtet sich die Aufmerksamkeit im Robotik- und Kreativsegment.
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