LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Langzeit-Auswertung der Johns Hopkins University zeigt, dass der Taillenumfang das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen genauer vorhersagen kann als der BMI. Besonders bei Menschen, die nach BMI als normalgewichtig gelten, signalisiert mehr Bauchumfang ein deutlich höheres Risiko. Die Studie ordnet damit klassische Risikomodelle neu und betont die Rolle viszeralen Fetts. Für die Prävention bedeutet das: Messen lohnt sich, weil Verteilung stärker zählt als Gesamtgewicht.

Taillenumfang als Herzrisiko-Marker: BMI reicht oft nicht
Taillenumfang als Herzrisiko-Marker: BMI reicht oft nicht (Foto: IT BOLTWISE)
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Bei der Bewertung des Herzrisikos greift die Medizin im Alltag häufig zuerst zum BMI: Er ist schnell berechnet, scheinbar objektiv und in vielen Leitlinienkonzepten als Einstiegspunkt etabliert. Genau an dieser Stelle setzt die neue Betrachtung an. Eine Langzeitstudie der Johns Hopkins University am Ciccarone Center verknüpft über einen Zeitraum von durchschnittlich 20 Jahren verschiedene Körpermaße mit dem Auftreten kardiovaskulärer Ereignisse und kommt zu dem Schluss, dass die Fettverteilung im Rumpf – gemessen über den Taillenumfang – viele Fälle besser erkennt als die reine Gewichtskategorie.

Im Kern geht es um eine Neubewertung der Risikostratifizierung: Laut den Angaben der Forschung, veröffentlicht am 12. August 2026 im Journal of the American College of Cardiology (JACC), wurden Daten von 259.388 Personen ausgewertet. Dabei wurden der Taillenumfang (WC) und das Taille-Hüft-Verhältnis (WtHR) genutzt, um das kardiovaskuläre Risiko neu zu klassifizieren. Besonders auffällig ist die Beobachtung, dass normalgewichtige Menschen – also Personen, die nach BMI in die „unauffällige“ Schublade fallen – bei erhöhtem Taillenumfang laut Studie ein um 15 bis 50 % höheres Risiko tragen können. Damit wird ein häufiges Muster sichtbar: Gewicht ohne Kontext ist für die Herzprävention oft zu grob.

Technisch betrachtet spiegelt der Taillenumfang eine andere biologisch relevante Dimension wider als der BMI. Der BMI steigt mit Gewicht und Körpergröße, sagt aber nur indirekt etwas über die Lokalisation des Fettgewebes aus. Der Bauchbereich hingegen kann ein Indikator dafür sein, wie stark sich viszerales Fett in der Bauchhöhle ansammelt. Genau dieses Fettgewebe steht in einem plausiblen Zusammenhang mit entzündlichen Prozessen und metabolischen Veränderungen, die wiederum die Entwicklung von Atherosklerose fördern können. In der Studie wird daher nicht nur ein statistischer Zusammenhang beschrieben, sondern auch eine physiologische Richtung angedeutet: Wer zwar „normal“ wirkt, aber deutlich mehr Bauchumfang hat, könnte metabolisch bereits in einem ungünstigen Bereich sein.

Die Daten liefern zudem konkrete Anteile, die die praktische Relevanz unterstreichen. Etwa 5 % der Personen, die nach BMI als normal gelten, weisen laut den Ergebnissen einen erhöhten Taillenumfang auf. Beim Taille-Hüft-Verhältnis liegt dieser Anteil mit 18 % sogar deutlich höher. Umgekehrt deutet die Auswertung darauf hin, dass adipöse Personen mit einem niedrigen Taillenumfang in den betrachteten Endpunkten kein erhöhtes Risiko zeigen. Das ist ein wichtiger Punkt für die klinische Kommunikation: Es geht nicht darum, den BMI „abzuschaffen“, sondern ihn als unvollständige Annäherung zu behandeln – insbesondere für Patientengruppen, in denen die Fettverteilung den Ausschlag geben kann.

Dass Bauchumfang kein isolierter Marketing-Begriff ist, sondern in der wissenschaftlichen Diskussion verankert war, zeigt auch der Hinweis auf einen weiteren Übersichtsbeitrag vom 10. August 2026. Darin wird die Bedeutung von Fettansammlungen in der Bauchhöhle für die Entstehung von Atherosklerose und koronarer Herzkrankheit betont. In der Konsequenz fordern Fachkreise eine differenziertere Betrachtung von Adipositas, die zwischen prädklinischen und klinischen Verläufen stärker trennt. Diese Perspektive passt zu einem breiteren Trend in der Präventionsmedizin: Risikomodelle sollen nicht nur „Schweregrade“ abbilden, sondern auch Muster, die auf das Risikoprofil einzelner Gewebearten und Stoffwechselpfade hinweisen.

Damit verbunden ist auch eine methodische Frage, die für Entscheidungen in der Versorgung relevant bleibt: Wie gut funktionieren bestehende Risikomodelle, wenn sie vor allem auf Kennzahlen wie BMI aufbauen? Der Text nennt zusätzliche Analysen, die auf eine systematische Überschätzung des Risikos schließen lassen können, wenn BMI allein verwendet wird – insbesondere bei einer „schlankeren“ Taille. Auch wird beschrieben, dass Kombinationen aus normalem BMI und viel Bauchfett ein deutlich erhöhtes Risiko anzeigen können. Für die Praxis heißt das: Ein routinemäßig erhobener Taillenumfang ist nicht bloß eine Ergänzung, sondern kann den Unterschied machen, ob Betroffene frühzeitig erkannt werden oder erst spät als „atypischer“ Verlauf auffallen.

Für Unternehmen, die Prävention, Gesundheitsprogramme oder Screening-Initiativen technologisch unterstützen, entsteht daraus eine klare Implementierungslogik. Messdaten wie Taillenumfang und Taille-Hüft-Verhältnis sind mit geringem Aufwand zu erheben, lassen sich gut in digitale Fragebögen und Anamnese-Workflows integrieren und verbessern die Aussagekraft gegenüber rein gewichtsbasierten Kategorien. Gleichzeitig sollten Risikowerte nicht als starre Diagnose verstanden werden: Der Nutzen liegt in der besseren Vorauswahl, wer eine vertiefte Abklärung braucht. In der Folge könnten digitale Modelle in Check-out-Prozesse eingebunden werden, um Screening-Ergebnisse dynamischer zu interpretieren – etwa indem BMI als Ausgangspunkt dient, aber die Endbewertung stärker auf viszerale Marker ausrichtet.

Entscheidend bleibt die Frage nach der Umsetzbarkeit in der Versorgung: Taillenmessungen sind zwar einfach, aber standardisierungsbedürftig. Erst wenn Messstellen, Messzeitpunkte und Auswertungslogik konsistent sind, wird die zusätzliche Information zuverlässig. Die Studienergebnisse legen nahe, dass das „Standardset“ künftig öfter aus mehreren anthropometrischen Größen bestehen sollte, nicht aus einem einzigen Körperindex. Wer Herzrisiken präventiv adressiert, sollte daher die Fettverteilung genauso ernst nehmen wie das Gesamtgewicht – denn das Risiko scheint sich in der Studie weniger daran zu entzünden, wie viel Gewicht vorhanden ist, sondern wo im Körper es sich befindet.


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