FORT SMITH / LONDON (IT BOLTWISE) – In Nordkanada wurde White-Nose-Syndrom erstmals bis in die nördlichsten bekannten Überwinterungsquartiere nachgewiesen. Forschende um Jesika Reimer und Joanna Wilson berichten von verletzten Fledermäusen mit sichtbaren Pilzbefällen, Nekrosen und Anzeichen, die mit Pd konsistent sind. Parallel laufen Experimente mit einem „Probiotic-Cocktail“, der aus dem Mikrobiom von Fledermausflügeln gewonnen wurde und sich ähnlich wie der Pilz weiterverbreiten soll. Noch ist unklar, ob kühlere Höhlen und die neue Behandlung die Auswirkungen in Kanada und Alaska spürbar abfedern können.

Probiotika gegen White-Nose-Syndrom: Hoffnung für nordkanadische Fledermäuse
Probiotika gegen White-Nose-Syndrom: Hoffnung für nordkanadische Fledermäuse (Foto: IT BOLTWISE)
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Als die beiden Biologinnen im Mai in einer engen Höhlengasse unter einem borealen Wald bei Fort Smith in den Northwest Territories auf eine reglose Fledermaus stießen, ging es zunächst um etwas sehr Praktisches: genauer hinsehen, beobachten, sichern. Auf dem Körper zeichnete sich ein weißlicher, fadenartiger Pilz ab; kurz darauf wurde auch eine zweite Fledermaus mit Befall an den Vorderarmen entdeckt. Dass es im Dunkeln beim Annähern zur Reaktion kam, ordnet Reimer als typisches Verhalten kranker Tiere ein; in der gleichen Beobachtungsserie wird deutlich, dass es sich nicht um einen Einzelfund handelt, sondern um das Fortschreiten einer seit zwei Jahrzehnten bekannten Bedrohung.

Im Zentrum steht White-Nose-Syndrom, ausgelöst durch den Pilz Pseudogymnoascus destructans (Pd). Laut der Beschreibung im Bericht hat die Krankheit bislang mehr als 6,7 Millionen Fledermäuse in Nordamerika getötet und sich von Höhle zu Höhle ausgebreitet – mit schweren Folgen vor allem für Arten, die im Winter über lange Zeiträume in Ruhephasen verharren. Der Pilz befällt nach Angaben der Forschenden das Gesicht, die Flügel und Arme. Während der Hibernation erwachen die Tiere, beginnen zu putzen und „verheizen“ dabei Fett- und Energiereserven, die für den Winter nötig sind; am Ende sterben sie dann oft an Austrocknung oder Verhungern. Besonders riskant sind kleinere Arten, weil sie energetisch schneller an Grenzen stoßen.

Dass der Erreger nun Fort Smith erreicht, verschiebt die Lage auch geografisch. Fort Smith liegt etwa 450 Meilen (725 km) südlich des Arktiskreises; zugleich wird Fort McKay in Alberta als bisheriger südlicher Nachweis genannt, der im Jahr 2025 in einer Höhle identifiziert wurde – knapp 200 Meilen entfernt. Die Forschenden hatten daher eigentlich gehofft, vor dem Eintreffen des Pilzes noch eine Basislinie gesunder, stabiler Populationen zu erfassen. Genau diese Lücke wird nun sichtbar: In den Höhlen rund um Fort Smith sind zwar seit Jahren Karststrukturen bekannt, doch erst systematische Erkundungen und späteres Monitoring machten klar, welche überwinternden Arten dort tatsächlich Schutz finden. Reimer betont, dass die Region mit ihren Höhlen, die sich aus gelöstem Gestein wie Kalkstein und Dolomit bilden, ideale Winterquartiere bietet.

Besonders relevant ist dabei die größte beschriebene Fundstelle: eine elfkammerige Höhle mit einer Schätzung von 3.000 Fledermäusen. Sie gilt als Schlüssel, um das Verhalten nördlicher Arten zu verstehen. Reimer untersuchte diese Situation bereits 2011 für ihre Postgraduiertenarbeit – und beschreibt, dass Fledermäuse an sehr extreme Bedingungen angepasst sein müssen: kühlere, kürzere Sommer, wenig Sonne, und damit ein eingeschränktes Zeitfenster für Nahrungssuche und Aufladen der Energiereserven. Dazu gehört, dass Tiere häufiger Risiken eingehen, etwa am Dämmerungsrand statt im vollständigen Dunkel zu jagen, und mehr energiereiche Spinnentiere wie Orb-Weaver-Spinnen fressen. Diese Anpassung allein reicht jedoch nicht zwangsläufig, wenn White-Nose-Syndrom die Winterphysiologie aushebelt.

In den Nordwest-Territorien werden insbesondere die kleinen brown bats (Myotis lucifugus) und northern long-eared myotis (Myotis septentrionalis) als besonders betroffen beschrieben; beide Arten zählen zu den „species of special concern“ in der Region. Der Bericht nennt harte Verläufe aus anderen Teilen des Verbreitungsgebiets: Seit Pd 2007 im Bundesstaat New York nachgewiesen worden sein soll – plausibel gemacht durch Einschleppung über Schuhwerk von Höhlenforschern – sollen dort 90 % der little brown bats und 99 % der northern long-eared myotis in befallenen Höhlen verloren gegangen sein. Gleichzeitig liefert der Bericht einen differenzierenden Blick: Während sich manche little-brown-Populationen langsam erholen könnten, weil sich metabolische Raten genetisch anpassen, erscheint die Prognose für northern long-eared myotis deutlich düsterer. Ein Tier dieser Art wiegt nur 6–9 g, verfügt also über wenig Puffer und hat, so die Einschätzung, kaum Zeit, die Winterphase „durchzuhalten“, wenn Pd die Energiebilanz kippt.

Für die aktuelle Situation liefern Reimer und Wilson mehrere Befunde aus dem Feld, die über „optische Eindrücke“ hinausgehen. Außerhalb der Höhle wurden Fledermäuse mit leichten Mist-Netzen gefangen, um die Befallszeichen zu dokumentieren: sichtbarer Pilz auf den Flügeln, „zerfressende“ Effekte an den Flügelmembranen sowie Hinweise auf Nekrose. Zusätzlich wurde mit UV-Licht nach einer orangefarbenen Fluoreszenz gesucht, die Pd an den Flügeln anzeigen soll. Auffällig waren außerdem Verhaltensänderungen: Fledermäuse flogen offenbar teils auch am Tag aus der Höhle heraus. Das kann, so die im Bericht genannte Interpretation, auf Krankheit hindeuten oder auf Regenerationsversuche. Ein infiziertes Tier wurde zudem an einem nahegelegenen See stark dehydriert gefunden und konnte nicht fliegen; seine Flügel wirkten bei der Untersuchung „spröde wie Papier“, was die physiologische Schwere unterstreicht.

Gleichzeitig gibt es im Bericht zwei Faktoren, die zumindest „vorsichtige Hoffnung“ liefern könnten. Erstens deuten die Laborergebnisse zwar auf White-Nose-Syndrom hin, aber die Forschenden berichten, dass in den nördlichen Höhlen nicht das Ausmaß massenhafter Sterben beobachtet wurde, das in großen Höhlen südlicher Regionen dokumentiert worden sein soll. Ob das daran liegt, dass der Pilz erst kürzlich angekommen ist und sich noch nicht etabliert hat, oder ob die subarktische Umgebung den Tieren einen adaptiven Vorteil gibt, bleibt offen. Zweitens wird die Temperatur als Kandidat genannt: Pd gedeiht bei ungefähr 10 °C, während einige Kammern in den nördlichen Höhlen nach Angaben der Forschenden über den Winter hinweg unter dem Gefrierpunkt liegen. Damit könnte Pd zwar noch wachsen, aber langsamer; das würde den zeitlichen Druck auf die Tiere reduzieren. Wie stark sich das praktisch auswirkt, zeigt sich erst in den Winterzyklen der nächsten Saison.

Der dritte Hoffnungsträger ist besonders interessant, weil er eine neue Hebelwirkung gegenüber dem reinen „Härten“ durch Selektion versucht. Laut Bericht testen Forschende einen experimentellen „Probiotic-Cocktail“, der ursprünglich an der McMaster University in Ontario aus Proben von Mikrobiomen auf Fledermausflügeln entwickelt worden sein soll. Diese wirksamen Mikroben sollen sich über den Körper auftragen lassen und sich von Tier zu Tier ähnlich verbreiten wie der Pilz. Die Idee dahinter: Anti-fungale Eigenschaften könnten die Resistenz erhöhen, indem sie das Pilzwachstum verlangsamen. Erste Feldversuche in British Columbia und Washington sollen dabei zeigen, dass bei Pd-infizierten Fledermäusen mit der höchsten Menge an probiotic microbes das geringste Pd-Niveau gemessen wurde. Wilson ordnet das als Behandlungsoption ein, die voraussichtlich eine gute Chancen-Risiko-Relation hat.

Doch selbst wenn diese biologische Intervention wirkt, kommt ein weiterer Stressor hinzu, der im Bericht als „großer Faktor“ hervorgehoben wird: Wildfires. Im Jahr 2023 seien große Waldbrände die Bäume rund um die Höhlen bei Fort Smith abgebrannt. Reimer beschreibt die Umgebung dabei drastisch als „Streichhölzer“ ohne verbliebene Vegetation. Der Verlust von Habitat zwingt Fledermäuse, längere Strecken zur Nahrungssuche zurückzulegen, verschiebt die Wahl von Sommerquartieren hin zu alten, verrotteten Bäumen und beeinflusst auch die Partnerfindung während der Herbstbrut. Darüber hinaus stellt Reimer die Möglichkeit in den Raum, dass Brände die Ausbreitung von Pd indirekt beschleunigen könnten, indem Tiere aus den Northwest Territories weiter nach Süden ausweichen und dort mit Pd-infizierten Populationen in Kontakt geraten. Ob und wie stark das Zusammenspiel aus Klima, Brandfolgen und Pilzkinetik die Dynamik bestimmt, bleibt eine offene Forschungsfrage.

Für den Moment formuliert Reimer das Ziel klar: Welche Mitigationsmaßnahmen Biologen ergreifen – und ob sie überhaupt in großem Umfang eingreifen – hängt von den Daten der nächsten Monate ab. Die entscheidende Messgröße wird der Blick in den Winter selbst sein. Nichts Neues sei vor der nächsten Saison sicher, sagt der Bericht sinngemäß: Reimer und Wilson wollen zurück in die Höhlen, um zu sehen, wie die Populationen überlebt haben, und um weitere Indikatoren zu sammeln. Sollte sich zeigen, dass kühlere Kammern und ein angepasstes Mikrobiom die Krankheit abmildern, könnte das nicht nur lokal Rettung bedeuten, sondern auch ein übertragbares Vorgehen für andere nördliche Lebensräume liefern – gerade dort, wo Arten energetisch am schnellsten kollabieren, sobald Pd die Ruhephase durchbricht.


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