LONDON (IT BOLTWISE) – Der Deutsche Bauernverband rechnet wegen anhaltender Trockenheit in diesem Jahr mit teils erheblichen Ernteeinbußen bis hin zum Totalausfall. Besonders bei Getreide und Raps werden unterdurchschnittliche Ernten erwartet, während die Herbstkulturen ebenfalls unter Druck stehen. Hinzu kommt laut Verband ein akuter Futtermangel, der im Süden bereits zu früheren Schlachtungen führen könne. Gleichzeitig fordert der Bauernverband konkrete finanzielle Entlastung durch die Politik, um Liquiditätsengpässe abzufedern.

Die aktuelle Dürre trifft nicht nur den Acker, sondern greift in die gesamte Produktionslogik der Landwirtschaft ein. Der Deutsche Bauernverband rechnet aufgrund der anhaltenden Trockenheit in diesem Jahr mit erheblichen Ernteeinbußen bis hin zum Totalausfall. In der Einordnung von Bauernpräsident Joachim Rukwied steht vor allem die Komplexität des Problems im Vordergrund: Es geht nicht um einzelne Regionen oder einzelne Kulturen, sondern um ein eng getaktetes Zusammenspiel aus Ertrag, Fruchtfolge und Futterverfügbarkeit. Besonders kritisch sei die Situation dort, wo die Niederschläge ausbleiben und sich die Folgen über mehrere Vegetationsphasen aufsummieren.
Auf dem Feld beschreibt der Verband vor allem bei Getreide und Raps die ersten Auswirkungen. Rukwied sagte: „Wir gehen von einer unterdurchschnittlichen Ernte bei Getreide, hier insbesondere beim Weizen, und bei Raps aus“. Auch für die kommenden Aussaat- und Pflanzfenster sieht der Bauernverband in der Tendenz deutliche Risiken: „Für die Herbstkulturen zeichnet sich in der Tendenz ab, dass wir auch hier mit erheblichen Ertragseinbußen rechnen müssen“. Das betrifft den gesamten Spektrumseinsatz der Betriebe, von Kartoffeln und Gemüse bis zu Zuckerrüben sowie von Körnermais bis Sojabohnen. Der Verband macht dabei geografische Unterschiede fest: „In südlichen Teilen Deutschlands könnte das bis zum totalen Ertragsausfall gehen“, während es in nördlichen Regionen „immer wieder etwas geregnet hat“ und die Bestände dort „noch akzeptabel“ wirkten. Entscheidend bleibt jedoch, dass selbst dort nach Ansicht des Bauernverbands in der Tendenz keine Rückkehr zur Normalerwartung erfolgt.
Aus technischer Sicht verschärft sich die Lage durch den Übergang von der Pflanzenproduktion zur Tierhaltung. Wenn Trockenheit die Erträge reduziert, fehlt zunächst die verfügbare Biomasse, doch der eigentliche Engpass entsteht, sobald Futterbestände nicht mehr nachwachsen. Rukwied bringt das Problem auf den Punkt: „Was insgesamt und vor allem in Süddeutschland gerade ein Problem wird, ist, dass kein Futter mehr nachwächst.“ In der Praxis heißt das: Erntevolumen sinkt, gleichzeitig steigt der Druck auf Lagerbestände und auf die kurzfristige Futterbeschaffung. Der Verband beschreibt deshalb auch einen betriebswirtschaftlichen Dominoeffekt, weil Hitze und Trockenheit in mehreren Bundesländern vor allem im Süden die Futterbestände einbrechen lassen und vereinzelt dazu führen können, dass Landwirte Tiere früher als geplant schlachten. So wird aus einem agronomischen Wetterrisiko binnen kurzer Zeit ein strukturelles Produktionsrisiko.
Die finanziellen Konsequenzen treffen dann besonders Betriebe, die in den Vorleistungen stark gebunden sind. Rukwied benennt explizit die Belastung durch Betriebsmittel: „Ich kenne Kollegen, die ihre Pflanzenschutz- und Düngemittelrechnungen nicht mehr bezahlen können und zur Bank gehen müssen.“ Diese Formulierung macht deutlich, dass in der Landwirtschaft nicht nur der Ertrag am Ende der Saison zählt, sondern auch die Zahlungsfähigkeit während der laufenden Kampagnen. Der Bauernverband stellt deshalb die Nachfrage nach Liquiditäts- und Überbrückungsdarlehen als hoch dar. Seine Argumentation lautet: Auf der Kostenseite stehen hohe Ausgaben für Betriebsmittel, während auf der Erlösseite niedrige Preise für landwirtschaftliche Produkte wirken. Das verschiebt die Liquiditätstermine nach vorn und erzeugt eine Finanzierungslücke, die in einem besonders schwierigen Jahr ohne Gegenmaßnahmen schnell betriebliche Entscheidungen dominiert.
Für die Abfederung fordert der Bauernverband konkrete Schritte in mehreren Stellschrauben. Rukwied nennt in diesem Zusammenhang eine Erhöhung der EU-Düngemittelbeihilfe von 60 auf 180 Millionen Euro sowie das Vorziehen der Auszahlung von 80 Prozent der EU-Direkthilfen an die Bauern auf Oktober. Als kurzfristige Maßnahme kommt zudem eine steuerliche Entlastung ins Spiel: „Dritte Sofortmaßnahme wäre, die Steuern auf Diesel deutlich zu senken bis mindestens Ende November. Das würde den Bauern kurzfristig helfen und Entlastung bringen.“ Ergänzend verweist der Verband auf die Umsetzung des Koalitionsvertrags im Agrarbereich und fordert eine neue Pufferlogik für besonders schwierige Jahre: „Was politisch wichtig ist, ist, dass man eine steuerfreie Risikoausgleichsrücklage einführt.“ Technisch betrachtet adressiert diese Idee genau das Timing-Problem zwischen Kostenabfluss und Ertragsunsicherheit; sie soll eine finanzielle Reserve ermöglichen, wenn Wetter- und Ertragsjahre stark voneinander abweichen.
Parallel dazu setzt der Bauernverband auch auf agronomische Anpassung statt reiner Schadensbegrenzung. „Die Landwirtschaft stelle sich bereits seit vielen Jahren auf die Klimaveränderungen ein. Jetzt benötige man rasch hitzetolerantere und widerstandsfähigere Sorten beim Anbau“, sagte Rukwied. Das verweist auf einen zentralen Trend in der Branche: Züchtung, Sortenwahl und standortangepasste Anbausysteme gewinnen an Bedeutung, weil sie die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Ertragsschäden unter Extremwetter weniger stark ausfallen. Gleichzeitig bleibt die politische und finanzielle Flankierung entscheidend, denn selbst die besten Sorten lösen ein akutes Liquiditätsproblem in einer laufenden Saison nicht automatisch. Für Unternehmen entlang der Agrarwertschöpfungskette – etwa bei Betriebsmitteln, Logistik und Vermarktung – bedeutet das: Die Risiken verlagern sich spürbar von der Pflanzenbiologie in Richtung Finanzierung, Planungssicherheit und stabiler Absatzmodelle.
In der Summe zeichnet der Bauernverband damit ein Bild, in dem Dürre, Ernte und Futterengpässe nicht getrennt voneinander zu betrachten sind. Die regional unterschiedlichen Niederschlagsmuster erklären, warum es im Norden vergleichsweise „akzeptable“ Bestände geben kann, während der Süden besonders stark unter Druck steht. Dass der Verband zugleich kurzfristige finanzielle Maßnahmen und mittel- bis langfristige Anpassungen fordert, zeigt auch eine Marktlogik: Wenn Erntevolumina schwanken, entstehen zugleich Unsicherheiten in Lagerhaltung, Kontrakten und Preisbildung. Für die Politik heißt das wiederum, dass Unterstützungsinstrumente nicht nur Schäden ausgleichen sollen, sondern auch die notwendige Zeit für die Umstellung auf neue Sorten und resilientere Anbausysteme schaffen müssen.
Am Ende steht eine klare Priorisierung: Die aktuellen Ertragsrisiken sind kurzfristig spürbar, aber die Auswirkungen können in die Folgesaisons hineinreichen – etwa über Futterknappheit, Bestandsanpassungen und Finanzierungslücken. Der Bauernverband adressiert daher nicht nur die Erwartung sinkender Erträge, sondern auch die betriebliche Handlungsfähigkeit während der Saison. Wenn die angekündigte Entlastung über EU-Düngemittelbeihilfe, Direkthilfen und Dieselsteuer sowie die steuerfreie Risikoausgleichsrücklage zeitlich passend greift, könnte das helfen, die Liquiditätskrise zu entschärfen und damit die Grundlage für eine zügige Umstellung in der Pflanzenproduktion zu erhalten. Gleichzeitig bleibt offen, wie stark die Wetterlage tatsächlich in den jeweiligen Regionen ausfällt; der Verband beschreibt dafür eine Bandbreite von unterdurchschnittlichen Ernten bis zu Totalausfällen.
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