PINGJIANG / LONDON (IT BOLTWISE) – Latiao, die chinesischen „spicy strips“, haben sich vom Notnahrungs-Relikt zum Exportprodukt entwickelt. In einem Werk in Pingjiang werden laut Bericht knapp 700 Tonnen pro Tag produziert. Der größte Produzent meldet 117 Millionen Yuan Umsatz im Ausland, während Social-Media-Videos die Nachfrage verstärken. Gleichzeitig versuchen Marken mit Rezeptur- und Hygiene-Claims, das angeschlagene Image als ungesund zu drehen.

Latiao sehen aus wie zusammengedrückte Pommes: rot gefärbte, schwammige Streifen, die nach dem Garen in einer öligen Oberfläche glänzen. In Pingjiang, in der Provinz Hunan, zeigen die Produktionszahlen, warum dieser Snack längst nicht mehr nur ein chinesisches Nischenthema ist: Laut dem Bericht aus einem Werk werden dort nahezu 700 Tonnen pro Tag produziert. Damit wird klar, dass „viral“ auf Plattformen zwar Aufmerksamkeit erzeugt, die eigentliche Skalierung aber über industrielle Fertigung, Rohstoffbeschaffung und Vertriebskanäle läuft.
Technisch entsteht das Produkt aus einem Teig auf Basis von Weizenmehl, der bei hoher Temperatur und unter Druck gekocht wird. Genau diese Kombination sorgt für die typische Textur: Latiao wirken zäh und zugleich federnd, weshalb sie im Netz oft als „chewy“ beschrieben werden. Für die Hersteller ist das entscheidend, weil die Konsistenz nicht nur Geschmack prägt, sondern auch die Wiedererkennbarkeit in kurzen Videoformaten erhöht. In den Fabrikabläufen spielt zudem Hygiene eine Rolle, die in der Vergangenheit als Schwachpunkt wahrgenommen wurde: In dem beschriebenen Betrieb wird die Produktionsumgebung per Livestream präsentiert, und es wird darauf verwiesen, dass man sich an Standards orientiere, die aus der Pharmaindustrie bekannt sind. Ob solche Vergleiche in jedem Detail identisch sind, bleibt offen, aber strategisch versucht die Branche, das Risiko der „Junk-Food“-Erzählung aus dem Weg zu räumen.
Der Marktmechanismus dahinter ist bemerkenswert klar: Latiao wurden 1998 in Pingjiang als Notnahrung entwickelt, nachdem verheerende Überschwemmungen lokale Sojabohnenbestände zerstört hatten. Was in Krisenzeiten als praktische Ersatzlösung begann, wurde später über Supermarktregale in China verbreitet. Dort kippten jedoch Wahrnehmung und Ruf, weil der Snack wegen möglicher Zusatzstoffe, unklarer Gesundheitswirkung sowie früherer Debatten um Sauberkeit als nicht besonders vertrauenswürdig galt. Die aktuelle Welle wirkt wie eine Rehabilitation durch zwei Hebel: erstens die Anpassung der Rezeptur, zweitens die globale Reichweite über Online-Distributionswege. Laut dem Bericht will der Hersteller unter anderem den Einsatz von Öl, Salz, Zucker und Zusatzstoffen reduzieren und stattdessen mehr auf „natürliche Rohstoffe“ setzen. Solche Änderungen sind für Konsumenten besonders plausibel, weil sie in der Regel spürbar sind: weniger Fettlastigkeit und ein anderer Geschmackseindruck lassen sich auch ohne Laboranalyse wahrnehmen.
Damit rückt die Internationalisierung in den Vordergrund. Dem Bericht zufolge werden Latiao mittlerweile in mehr als 160 Länder exportiert, und einige Marken bauen vor allem in Ost- und Südostasien aus. In den USA bis Australien landen die Produkte in spezialisierten Läden, über E-Commerce-Angebote und zunehmend direkt über Social-Media-Mechaniken. TikTok- und Instagram-Videos fungieren dabei als „kostenlose Verkostungsmaschine“: Wenn ein Influencer ein Haus aus Latiao zeigt oder ein Rezensent auf ein großes Stück beißt, werden Textur, Schärfegrad und Handhabung sichtbar. Der Hintergrund: Plattformalgorithmen belohnen messbare Interaktionen, und „Ausprobieren“ ist eine besonders niedrigschwellige Handlung. Für Unternehmen ist das weniger ein Marketing-Detail als eine Nachfrage-Vorhersage in Echtzeit, weil Viralität die kurzfristigen Warenströme beschleunigen kann.
Auch die Zahlen untermauern, dass aus Begeisterung Umsatz wird. Der größte Produzent, ein börsennotierter Anbieter aus Hongkong, erzielte dem Bericht zufolge im Ausland 117 Millionen Yuan im vergangenen Jahr, also nahezu 50 Prozent mehr als 2024. Gleichzeitig steuert der Heimmarkt offenbar noch stark, denn der im Text erwähnte Betreiber verkauft die gesamte Produktion zunächst domestisch. Das zeigt, wie eng Auslastung, Exportfreigaben und Markenaufbau miteinander verknüpft sein können: Wenn die eigene Kapazität knapp genug ist, wird Export nicht einfach „drangehängt“, sondern abgestuft geplant. Trotzdem bleibt der Trend zur Internationalisierung eindeutig, denn die Produkte sind nicht nur in traditionellen Handelswegen unterwegs, sondern auch in Kuratierungssystemen wie spezialisierten Snack-Shops und in selektiven Online-Frontends.
Was diese Entwicklung jedoch auch offenlegt: Die Rehabilitation gelingt nicht ohne Gegenwind. Im Bericht melden Konsumenten durchaus Skepsis an, etwa mit Blick auf den Geschmack („wie zäher Tofu“, „sehr ölig“) oder auf das Suchtpotenzial. Ein junger Konsument beschreibt, er habe den Habit aufgegeben, weil er gesünder leben und sich in Form bringen wolle. Solche Rückmeldungen sind für Hersteller deshalb nicht bloß „Hater“-Rauschen, sondern Hinweise darauf, wie Rezepturentscheidungen praktisch ankommen. Wenn Marken wirklich weniger Öl und Salz verwenden, müssen sie das Gleichgewicht zwischen Textur, Würzung und Haltbarkeit treffen. Gerade weil Latiao durch ihre Zähigkeit so stark „funktionieren“, kann bereits eine kleine Änderung in der Fett- oder Gewürzmatrix die Nutzerzufriedenheit verschieben. Für die Branche heißt das: Social-Media-Viralität bringt Leute zum ersten Probieren, aber Qualität entscheidet über Wiederkäufe.
Unterm Strich lässt sich die Story als Beispiel dafür lesen, wie aus einem lokalen Notnahrungsprodukt ein globales Snack-Format wird: massive Fertigung, gezielte Anpassung der Wahrnehmung und ein Vertriebsmix aus Export, E-Commerce und Plattformen. Interessant ist dabei auch, wie Marken Communities „inszenieren“, etwa mit pop-up-ähnlichen Themenformaten, Events und saisonalen Aktionen, die die Marke als Erlebnis festigen. Für Unternehmen ist die zentrale Lehre: Wenn ein Produkt eine starke „Visuell-im-Video“-Eigenschaft besitzt, wird die Vermarktung in kurzen Formaten zu einem skalierbaren Wachstumspfad. Gleichzeitig bleibt die Vertrauensfrage nach Hygiene und Inhaltsstoffen der kritische zweite Faktor, der über die langfristige Produktakzeptanz entscheidet.
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