BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Deutschland ist nach Einschätzung des Waldbrandexperten Ulrich Cimolino nur bedingt auf größere Vegetationsbrände vorbereitet. Positiv bewertet er das flächendeckende Feuerwehrsystem, das viele Brände klein hält. Bei dynamischen Lagen durch Wind und Topografie sieht er dagegen ein schnelles Eskalationsrisiko. Größter Engpass seien seiner Darstellung nach Ausbildung und fehlende zentrale Weiterbildungsstrukturen, während Luftunterstützung vor allem bei schnellen Bränden die Ausbreitung bremsen kann.

Deutschland verfügt bei Vegetationsbränden über eine starke Grundlage, aber sie reicht nach Einschätzung von Waldbrandexperte Ulrich Cimolino für das nächst größere Ereignis nicht automatisch aus. Im Kern argumentiert er mit einem Unterschied zwischen der Regellage, in der sich Einsätze in der Fläche gut organisieren lassen, und der dynamischen Lage, in der Wind und Gelände die Feuerfront beschleunigen. „Wir schaffen es, sehr viele Feuer klein zu halten, weil wir Feuerwehr in der Fläche haben“, sagte Cimolino im Interviewkontext. Genau diese flächige Einsatzlogik wirkt wie ein Sicherheitsnetz: Mehr räumliche Nähe bedeutet kürzere Reaktionszeiten und damit häufiger die Chance, frühe Entstehungsbrände in kontrollierbare Dimensionen zu bringen.
Technisch betrachtet hängt die Bewältigung solcher Brände jedoch nicht nur an Personalstärke, sondern an abgestimmter Einsatzführung und an der Fähigkeit, Lageentwicklungen schnell zu lesen. Cimolino beschreibt die Herausforderung „dynamischer Lagen“ so, dass Wind als treibender Faktor zusammen mit der Topographie wirken kann. Für Einsatzkräfte heißt das: Entscheidungen müssen mit hoher Frequenz angepasst werden, etwa wenn sich die Richtung der Ausbreitung ändert oder wenn die verfügbare Zeit für Gegenmaßnahmen schrumpft. Vegetationsbrände unterscheiden sich dabei laut Cimolino von anderen Brandereignissen; entscheidend ist, dass die Brandwirkung am Boden und die Ausbreitung über Vegetationsmaterialien andere Taktiken erfordern als etwa bei Gebäudebränden. Daraus folgt, dass standardisierte Abläufe allein nicht ausreichen, wenn die Einsatzleitung nicht regelmäßig mit genau solchen Szenarien trainiert.
Der zentrale Engpass liegt für Cimolino ausgerechnet dort, wo Einsatzqualität entsteht: bei der Ausbildung. Er macht fest, dass es nach seiner Einschätzung keine „nennenswerten zentralen Aus- und Fortbildungsstätten“ gebe, die Taktik und Technik gezielt weiterentwickelten. In der Praxis bedeutet das ein Risiko für Inhomogenität: Wenn Fortbildung überwiegend dezentral und ohne durchgehende Curricula erfolgt, variieren u. a. Einsatzmethoden, Techniknutzung und der Umgang mit besonderen Gefahrenlagen. Auch für die Schaffung einheitlicher Standards in der Kommunikation zwischen Leitstellen, Einheiten und nachgeordneten Kräften ist eine zentrale Übungs- und Wissensbasis hilfreich. Cimolino verknüpft diese Lücke unmittelbar mit der realen Einsatzlogik: Für Brände, die schnell eskalieren können, braucht es geschulte Einsatzkräfte, die vor Ort verlässlich die passenden Schritte einleiten.
Eine wichtige Stellschraube sieht Cimolino zudem in der Luftunterstützung, die Deutschland grundsätzlich in ausreichendem Umfang verfügbar habe: „Mehr als 70 geeignete Hubschrauber von Länderpolizeien, Bundespolizei und Bundeswehr stünden für unterschiedliche Aufgaben zur Verfügung“. Entscheidend ist dann weniger die reine Verfügbarkeit, sondern die operativen Rahmenbedingungen. Cimolino nennt als Problem teils langwierige Anforderungswege sowie unterschiedliche Verfahren zwischen den Bundesländern. Das ist sicherheitspraktisch relevant, weil Geschwindigkeit bei sich dynamisch verändernden Brandereignissen mit darüber entscheidet, ob Luftfahrzeuge früh präventiv wirken oder nur noch reaktiv. Bei schnell laufenden Bränden könne man aus der Luft mit feuerhemmenden Mitteln die Ausbreitung verzögern und das Feuer an möglichst bereits vorhandenen Stopplinien aufhalten, so Cimolino. „Das Feuer selbst wird immer am Boden gelöscht!“, ergänzt er damit den Grundsatz: Luftunterstützung schafft Zeit und begrenzt die Ausbreitung, ersetzt aber nicht die bodengebundene Brandbekämpfung.
Neben den Einsatz- und Ausbildungsfragen rückt Cimolino auch das Risiko ungewöhnlicher Umgebungsbedingungen in den Fokus. Mit Blick auf den aktuellen Brand im Hürtgenwald verweist er auf die Vergangenheit der Region als Kampfgebiet im Zweiten Weltkrieg. „Die Munition wird nicht besser, wenn sie älter wird“, sagte Cimolino. Für die Einsatzpraxis heißt das: Bei Munitionsverdachtsflächen braucht es zusätzliche Schutzmaßnahmen, etwa mehr geschützte beziehungsweise gepanzerte Fahrzeuge. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt innerhalb der taktischen Planung: Routenwahl, Aufstellpunkte und die Auswahl geeigneter Einsatzmittel müssen stärker auf Bodengegebenheiten und Sicherheitszonen ausgerichtet werden. Für Verantwortliche in Kommunen und Landkreisen bedeutet das im Umkehrschluss, Brandrisiken nicht nur nach Meteorologie und Vegetationszustand zu bewerten, sondern auch nach lokalem historisch bedingtem Gefahrenpotenzial.
Für die weitere Vorbereitung auf größere Vegetationsbrände liegt die größte Hebelwirkung nach dieser Darstellung in der Kombination aus standardisierter Fortbildung und schneller, länderübergreifend konsistenter Einsatzanfrage. Eine zentrale Aus- und Fortbildungslandschaft könnte dabei helfen, Training, Taktiken und die Nutzung technischer Hilfsmittel vergleichbarer zu machen. Gleichzeitig bleibt Luftunterstützung zwar vorhanden, aber ihre Effektivität hängt daran, wie schnell Anforderung und operative Freigabe im konkreten Ereignis funktionieren. Wer die Lücke bei Schulung und Verfahren schließt, kann im Ernstfall die Zeitspanne vergrößern, in der Stopplinien vorbereitet oder genutzt werden und bodengebundene Kräfte gezielt eingreifen. Gerade weil Vegetationsbrände sich über Wind- und Geländeparameter sehr schnell verändern können, wird die Einsatzkette von der Lageerkennung über die Ausbildung bis zur Luftanfrage damit zum Gesamtbild.
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