OUAGADOUGOU / LONDON (IT BOLTWISE) – In Burkina Faso müssen Journalistinnen und Journalisten an jährlichen „patriotism“-Trainings im Militärstil teilnehmen. Laut Angaben des Staates findet das Programm am Polizeiausbildungszentrum nahe der Hauptstadt statt und dauert sechs Tage. In der Kommunikation des Militärregimes werden Medienleute dabei ausdrücklich als „Patrioten“ adressiert. Menschenrechtsorganisationen warnen zugleich vor einem erheblichen Risiko für die Pressefreiheit.

Burkina Faso setzt bei der Kontrolle seiner Medien auf ein ungewöhnlich direktes Mittel: Mehr als 40 Journalistinnen und Journalisten wurden zu einem militärisch ausgerichteten „Patriotismus“-Kurs verpflichtet. Das Trainingsformat ist dabei nicht auf eine einzelne Gruppe begrenzt, sondern als jährliche „patriotische“ Einbettung für öffentliche und private Medien gedacht, die das autoritär regierende Militärregime unter Capt. Ibrahim Traore eingeführt hat. Seit dem Machtwechsel durch den Putsch im Jahr 2022 verschärfen sich in dem westafrikanischen Land damit die Regeln für die öffentliche Kommunikation spürbar.
Die Maßnahme ist vor dem Hintergrund der anhaltenden Gewalt zu sehen, die Burkina Faso seit mehr als einem Jahrzehnt durch Angriffe bewaffneter Gruppen heimsucht. Nach der Darstellung in dem Bericht stammen viele der tödlichen Anschläge von Dschihadisten, die mit al-Qaida und dem „Islamic State“-Netzwerk verbunden sind. Für das Regime ist der Kurs Teil einer politisch geprägten, anti-westlichen Agenda, die laut Quelle auf eine „Rückgewinnung“ nationaler Souveränität abzielt. Genau an dieser Schnittstelle setzt der Trainingsansatz an: Er soll nicht nur Botschaften vereinheitlichen, sondern Medienarbeit strukturell in den Kriegs- und Sicherheitskontext einrücken.
Organisiert wird das Training vom Sicherheitsministerium. Der Kurs fand am Polizeiausbildungszentrum nahe der Hauptstadt Ouagadougou statt und dauerte sechs Tage. Laut den Angaben nahmen 44 Journalistinnen und Journalisten – Frauen und Männer – teil. In einem Video, das über einen öffentlich-rechtlichen TV-Kanal in sozialen Medien verbreitet wurde, erscheinen die Teilnehmenden in militärischer Bekleidung und halten Gewehre; der Kommunikationsminister Pingdwende Gilbert Ouedraogo fordert sie dabei direkt auf, als patriotische und professionelle Journalisten zu handeln. „Journalisten, die nicht patriotisch sind, stellen eine Gefahr für ihr Land dar“, sagte Ouedraogo laut Quelle, nachdem er zuvor die Frage gestellt hatte, ob sie „patriotisch und professionell“ sein würden.
Auch außerhalb der konkreten Kursdauer wirkt die Verpflichtung politisch: Laut Quelle wurden zahlreiche Medienhäuser suspendiert, und mehrere Rechteorganisationen berichten, dass Dutzende Journalistinnen und Journalisten, die sich kritisch gegenüber der Junta positioniert hatten, zwangsweise eingezogen und an die Front geschickt worden seien. Der Bericht stellt außerdem einen Bezug zu schulpolitischen Maßnahmen her her: Schon Highschool-Schülerinnen und -Schüler, die ihre Abschlussprüfungen ablegen, sollen seit letztem Jahr eine ähnliche Ausbildung absolvieren. Für die Bewertung der Pressefreiheit ist das entscheidend, weil damit nicht nur einzelne Redaktionen, sondern ganze Ausbildungspipelines in die gleiche Erzähl- und Loyalitätsarchitektur gezogen werden.
Die Kritik daran kommt aus der Medien- und Zivilgesellschaft. Sadibou Marong, Regionalleiter für den Sub-Sahara-Raum bei einer internationalen Medienbeobachtung, bezeichnete die Initiative laut Quelle als „ein neues, sehr beunruhigendes Signal für die Pressefreiheit“. Er betonte zudem: „Journalisten sind keine Soldaten und dürfen nicht zu Sprachrohren für den Kriegsaufwand gemacht werden, angezogen in Militäruniformen und mit Waffen in den Händen.“ Damit adressiert er nicht nur die inhaltliche Ebene möglicher staatlicher Einflussnahme, sondern vor allem die Symbolik und die Inszenierung: Wenn Redakteurinnen und Redakteure in Uniform und unter militärischer Ausrüstung auftreten, verändert das die Rollenbilder und erschwert journalistische Distanz.
Für Entscheiderinnen und Entscheider in der Medienbranche ist die Botschaft damit zweigeteilt: Erstens wird publizistische Arbeit in Burkina Faso an militärische Vorgaben gekoppelt, zweitens wächst das Risiko, dass redaktionelle Entscheidungen im Alltag zunehmend nach Sicherheitslogiken und nicht nach journalistischen Standards bewertet werden. In solchen Umgebungen verschiebt sich die praktische Frage von „Wie berichtet man?“ zu „Wie bleibt man arbeitsfähig, ohne in Loyalitätsrituale gedrängt zu werden?“. Dass parallel mehrere Regionen ähnliche Muster kennen, zeigt außerdem, wie schnell sich Sicherheitsdiskurse in die Organisationsform von Medien übersetzen können – und wie dringend sich internationale Partner, Ausbildungsstätten und Plattformen auf den Schutz von journalistischem Handlungsraum und auf belastbare, rechtlich abgesicherte Hilfswege konzentrieren müssen.
Auch mit Blick auf Technologie und neue Arbeitsweisen bleibt die Lage relevant: Dort, wo staatliche Kontrolle analog und physisch durchgesetzt wird, können digitale Umgehungsstrategien nur begrenzt helfen. Redaktionsprozesse, Kommunikation im Team und der Umgang mit Quellen werden in solchen Systemen häufig direkt oder indirekt beeinflussbar. Für Unternehmen der Medien- und Kommunikationsindustrie, die in der Region präsent sind oder Inhalte beziehen, bedeutet das: Risikoanalysen müssen nicht nur Daten- und IT-Themen umfassen, sondern auch die institutionelle Sicherheit von Mitarbeitenden und die Frage, wie trainings- und statusbezogene Vorgaben die redaktionelle Unabhängigkeit praktisch unterlaufen.
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