PALO ALTO / LONDON (IT BOLTWISE) – Google schaltet Gemini-Funktionen in der Google Classroom-App für Schulen so frei, dass auch Schülerinnen und Schüler unter 18 KI-Hilfe nutzen können. In einem neuen Gemini-Tab können sie bei Aufgaben zu Mathe und Schreiben Unterstützung anfordern, auch mit Lernhilfen wie Karteikarten. Schulen dürfen den Zugang je nach Jahrgang oder Gruppe ein- und ausschalten, doch das erfordert saubere Kontrolle. Parallel kündigt Google für den Herbst eine weitere Voreinstellung an, die Suchvorschläge anhand von Kontodaten personalisieren kann.

Google aktiviert Gemini in der Google Classroom für alle Altersstufen
Google aktiviert Gemini in der Google Classroom für alle Altersstufen (Foto: IT BOLTWISE)
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Google erhöht den Druck im US-Wettbewerb um schulische KI-Nutzung: In der Google Classroom-App werden Gemini-Funktionen jetzt auch für Schülerinnen und Schüler freigeschaltet, die jünger als 18 sind. Bislang war der Zugriff auf Gemini in Classroom offenbar automatisch auf Volljährige begrenzt. Die neue Logik setzt damit nicht nur auf „mehr Reichweite“, sondern auf eine engere Verzahnung mit dem schulischen Arbeitsalltag: Statt KI als separates Tool außerhalb des Lernportals zu betreiben, erscheint ein Gemini-Tab direkt in Classroom, in dem Lernende zu konkreten Kursinhalten und zu Hausaufgaben Fragen stellen können.

Technisch betrachtet ändert Google damit vor allem den Ort, an dem Interaktion stattfindet. Classroom ist als Learning-Management-System darauf ausgelegt, Aufgaben zu verteilen, Abgaben einzusammeln und Feedbackprozesse zu organisieren. Mit dem zusätzlichen Gemini-Tab wird dieser Workflow um einen Assistenzkanal ergänzt, der laut Google insbesondere bei Mathematik und beim Verfassen von Texten helfen soll. Dazu kommen „Kurs-Hilfen“ wie Lernzusammenfassungen, Übungsformate und Karteikarten. Zudem nennt Google die Möglichkeit, Bilder zu erzeugen, was für Lehrkräfte und IT-Verantwortliche in Schulen eine neue Dimension im Content-Handling eröffnet, weil es nicht mehr nur um Antworttexte, sondern auch um generierte visuelle Inhalte geht.

Der Rollout ist allerdings nicht als pauschale „Standardannahme“ formuliert. Google betont, dass die Änderungen in Classroom nur jene Schulen betreffen, die den Zugriff auf Gemini in der Schule bereits zugelassen haben – entweder über die Gemini-App oder über Gemini Notebook. Administrierende können den Zugang entweder vollständig ein- oder ausstellen oder differenziert nach Schülergruppen, etwa nach niedrigeren Jahrgangsstufen, steuern. Genau hier wird die organisatorische Komplexität sichtbar: Mehrere Schulverwaltungen warnen in Interviews, dass die Vielzahl an Einstellungen und Produktanpassungen dazu führen könne, dass selbst Verantwortliche nicht mehr sicher wissen, welche Schalter aktuell aktiv sind.

Dass diese Sorge real ist, zeigen auch die Aussagen aus der Praxis. Derek Moore, Chief Technology Officer des Palo Alto Unified School District, wird mit „We seem to be the last to know, “ zitiert. In seiner Kommune erlaubt man demnach Highschool-Schülern Gemini nur für eng definierte Zwecke, die von Lehrkräften freigegeben werden. Ähnlich argumentiert James O’Hagan, Digital-Equity-, Innovation- und Library-Services-Direktor im Glendale-River Hills School District: „A school district should not accidentally adopt an A.I. platform simply because nobody happened to find the right check box six months ago.“ Er kritisiert zudem, dass sich die „Default“-Logik aus der Perspektive öffentlicher Bildungseinrichtungen zu leicht in Richtung Übernahme verschiebt, nicht in Richtung kontrollierter Zustimmung. O’Hagan bringt es auf den Punkt: „The default should be permission, not adoption, “.

Hintergrund ist ein länger laufender Machtkampf zwischen Consumer-Tech-Konzernen und der US-Schulrealität. Unternehmen wie Google, Apple oder Microsoft stehen in einer Linie, in der sie Bildungsprodukte für Schüler zunehmend in bestehenden Plattformen „mit einschalten“ und Schulen dann opt-out- oder fein granulierte Freigabeprozesse abverlangen. Für neue Anbieter im Schul-Ökosystem, darunter Startups wie OpenAI und Anthropic, läuft das Geschäft häufig anders: Dort gibt es Programme für Lehrkräfte, während eine studentenseitige Nutzung in US-öffentlichen Schulen bislang offenbar noch nicht breit erfolgt. Parallel wächst aber der politische und zivilgesellschaftliche Druck: Elterninitiativen in Städten wie New York City und Los Angeles drängen darauf, Rollouts studentenseitiger KI-Angebote vorerst auszusetzen, weil sie Risiken bei Sicherheit, Privatsphäre und Denkkompetenz sehen. In diesen Debatten spielt auch die Frage eine Rolle, ob Lernhilfen wie Karteikarten oder Textzusammenfassungen den Lernprozess eher unterstützen oder ihn ersetzen.

Google geht mit einer zweiten Änderung sogar über Classroom hinaus. Für den Herbst kündigt das Unternehmen eine weitere Voreinstellung an, die für Schülerinnen und Schüler unter 18 gilt, sofern sie in Schule-Konten eingeloggt sind und an Google-Suchfunktionen gekoppelt werden. Diese Option heißt „Search Personalized Recommendations Control“ und soll die Vorschläge im Suchsystem an das Konto anpassen, etwa anhand gespeicherter Aktivität über Google-Seiten und -Apps hinweg. Google nennt dabei ausdrücklich „like saved activity across Google sites and apps“, einschließlich Standortdaten, und führt als Beispiel an, dass frühere Suchanfragen zu bestimmten Science-Themen dazu führen könnten, Antworten stärker auf das zu beziehen, was eine Schülerin oder ein Schüler gerade lernt. Laut Google soll die Empfehlungseinstellung im Herbst nur für Schulen aktiviert werden, die zuvor Suchdienste eingeschaltet haben – und genau deshalb wird sie für Administratoren zum zweiten, potenziell übersehbaren Schalter in einer bereits komplexen Konfiguration.

Für IT-Verantwortliche in Schulbezirken wird damit vor allem eines deutlich: Die technische Integration von KI in Bildungsplattformen ist schneller als die Verwaltungszyklen, in denen Freigaben dokumentiert, geprüft und regelmäßig überprüft werden. Statt einmaliger Zustimmung steht wiederkehrende Governance im Vordergrund, zum Beispiel durch klar definierte Freigabelisten pro Jahrgang, nachvollziehbare Protokolle darüber, welche Produktfunktionen aktiv sind, und einen Prozess, der größere KI-Änderungen nicht erst bei „Überraschungen“ entdeckt. Der neue Gemini-Tab in Classroom ist damit weniger ein einzelnes Feature als ein Signal: Künstliche Intelligenz wandert in den Standardarbeitsplatz der Lernenden, und die eigentliche Wettbewerbsspur verläuft künftig ebenso über Einstellungen, Rollenmodelle und Prüfpfade wie über die Leistungsfähigkeit der Modelle.


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