LONDON (IT BOLTWISE) – Laut CBRE sind die Fertigstellungen im Retail-Bau auf 5,7 Millionen Quadratfuß im zweiten Quartal gefallen. Gleichzeitig liegt die Verfügbarkeit von Retail-Flächen extrem niedrig bei 4,9 %. Die Lage zwingt Händler in eine „Flight to Quality“: Sie suchen gezielt gut gelegene Standorte statt billigere oder ältere Objekte zu akzeptieren. Für neue Bau- und Redevelopment-Projekte fehlen jedoch vor allem wirtschaftliche Anreize, weil Kosten für Arbeit, Material und Land hoch bleiben.

Die Verfügbarkeit von Retail-Flächen wird derzeit nicht durch nachgelagerte Vermarktung allein knapp, sondern bereits in der vorgelagerten Pipeline des Neubaus: Wenn weniger Gebäude entstehen, gibt es schlicht weniger Auswahl in den passenden Lagen. CBRE beziffert die Retail-Bau-Fertigstellungen auf 5,7 Millionen Quadratfuß im zweiten Quartal und ordnet diese Zahl als neuen Tiefpunkt für quartals- und gleitende Vierquartalswerte ein. Damit verschiebt sich der Markt in eine Phase, in der selbst erfolgreiche Expansionen kaum auf „neutrale“ Alternativen zurückgreifen können, weil die Flächenseite schneller austrocknet als die Investoren- und Bauplanung nachkommt.
Für Händler wirkt sich das unmittelbar in Kennzahlen aus: Die Verfügbarkeit von Retail-Flächen blieb im zweiten Quartal bei nur 4,9 %. In der Praxis bedeutet das, dass sowohl Neugründungen als auch Filialaufstockungen deutlich enger kalkulieren müssen, weil die Suche nach einem geeigneten Standort nicht nur Zeit, sondern auch Verhandlungsspielräume kostet. CBRE verweist dabei auf steigende Baukosten und Arbeitskräfteknappheit als Gründe für das niedrige Bauvolumen. Dass die Verfügbarkeit so gering bleibt, verstärkt die Bereitschaft, vorhandene Bestände zu priorisieren oder auf kleinere Zuschnitte auszuweichen, anstatt auf neue Großprojekte zu setzen.
Der Engpass trifft aber auch die Entscheidungsebene bei Bauherren und Entwicklern: JLL beobachtet ebenfalls sehr niedrige Bautätigkeit, und laut Angaben aus dem Umfeld der Marktforschung hängt die Zurückhaltung eng mit der Kostenstruktur zusammen. Genannt werden insbesondere die Kosten für Arbeitskräfte, Materialien sowie der Preis für Grundstücke oder die Kosten für den Rückbau beziehungsweise die Sanierung bestehender Immobilien. Selbst wenn Einzelhandelsmieten in vielen US-Märkten steigen, reichen sie laut den Aussagen von CBRE-Vertretern offenbar nicht schnell und nicht hoch genug, um in den meisten Fällen die Wirtschaftlichkeit eines Shopping-Center-Neubaus zu tragen. In diesem Kalkül fehlt der „Puffer“, der üblicherweise benötigt wird, damit sich Projektentwicklung gegen Finanzierungskosten durchsetzen kann.
Zusätzlich bremst das Zinsumfeld die Neubau- und Redevelopment-Logik. Nach Einschätzung von CBRE müsste das Zinsniveau auf Bundesebene sinken, damit neue Bauvorhaben oder die Umwandlung älterer Gebäude in attraktivere Retail-Flächen wieder stärker in den Business Cases landen. Historisch kennt der Retail-Immobilienmarkt immer wieder Zyklen, in denen die Entwicklung nach unten stoppt und sich die Nachfrage dann auf Bestandsflächen konzentriert. Aktuell kommt dabei ein zweiter Faktor hinzu: Händler akzeptieren weniger Kompromisse bei Standortqualität, was Ebere Anokute mit einer „major flight to quality“ beschreibt. Die Folge sind Verdrängungs- und Verhandlungsprozesse, die sich nicht in neuen Quartieren ausspielen, sondern im bestehenden Portfolio.
Während die Gesamtentwicklung im Bau niedrig bleibt, gibt es regionale Ausnahmen: Ein Teil des laufenden Retail-Baus konzentriert sich den Angaben zufolge auf den Süden der USA, weil Bevölkerungswachstum die Nachfrage nach Einkaufsmöglichkeiten stützt. CBRE nennt Houston als stärksten Markt für Fertigstellungen im zweiten Quartal mit 606.000 Quadratfuß; danach folgen Orlando, Dallas und Phoenix. In Bundesstaaten wie Texas und Florida berichten Marktteilnehmer zudem, dass Shopping-Center häufig bereits nahezu vollständig vor der Eröffnung vermietet sind. Dieses Muster ist weniger ein „Zufall“ als ein Signal für die Art von Qualität, nach der aktuell gesucht wird: Es geht weniger darum, ob Flächen entstehen, sondern ob sich Nachfrage so weit vorab absichern lässt, dass Bau- und Vermarktungsrisiko sinken.
Für den Bestand öffnet sich dadurch ein anderes Wettbewerbsfeld. Händler und Vermieter arbeiten stärker zusammen, um Flächen schneller nutzbar zu machen, und zwar mit mehr Kreativität bei Zuschnitt und Nutzung. Ein Beispiel dafür liefert die Praxis, kleinere Footprints zu akzeptieren als noch vor etwa einem Jahrzehnt, weil die Nachfrage nach funktionierenden Lagen trotz knapper Verfügbarkeit bestehen bleibt. Gleichzeitig wird das „Backfill“ frei gewordener Flächen besonders dynamisch: Laut Cushman & Wakefield ist es derzeit extrem wettbewerbsintensiv, Standorte zu füllen, die zuvor von großen Big-Box-Händlern genutzt wurden und inzwischen renoviert oder neu entwickelt werden. Besonders serviceorientierte Mieter wie Fitnessstudios, Schulen oder Entertainment-Konzepte konkurrieren dabei teilweise direkt mit klassischen Lebensmitteleinzelhändlern oder anderen großflächigen Formaten.
Auch die Digitalisierung wirkt in dieser Phase nach, allerdings nicht als unmittelbarer Ersatz des stationären Handels, sondern als Selektionsmechanismus. Cushman & Wakefield führt aus, dass Unternehmen, die früher scheiterten, Schwierigkeiten hatten, Schritt zu halten mit der veränderten Rolle des E-Commerce. Die Händler, die die Entwicklung überlebt haben, seien finanziell stärker positioniert und würden die Bereitschaft mitbringen, wieder in stationäre Expansion zu investieren. Gleichzeitig entsteht daraus ein paradoxes Bild: Während der stationäre Markt auf der Flächenseite knappe Ressourcen vorfindet, schafft die Stärke einzelner überlebender Formate dort Nachfrage, wo die Pipeline nicht liefert.
Für die nächsten Entscheidungen im Markt ist deshalb weniger die Frage „Wie schnell baut jemand?“ entscheidend, sondern „Wie flexibel wird umgebaut?“ Entwickler und Immobilienmanager stehen vor der Aufgabe, aus begrenzten Neubauoptionen eine nutzbare Strategie zu bauen: Standortqualität, Vorvermietung, flexiblere Grundrisse und eine schnellere Umwidmung leerstehender Flächen werden damit zu zentralen Stellhebeln. Wenn die Verfügbarkeit bei 4,9 % bleibt und Fertigstellungen wie zuletzt auf 5,7 Millionen Quadratfuß sinken, verlagert sich der Wettbewerb spürbar weg vom Neuprojekt und hin zu Bestandsrotation. Genau dort entstehen für Betreiber, die schnelle Umnutzungen hinbekommen, sowie für diejenigen, die Portfolioentscheidungen datenbasiert absichern können, neue Chancen.
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