LONDON (IT BOLTWISE) – Compound Finance stellt sein Führungsteam neu auf und genehmigt ein Budget in Höhe von 52 Millionen US-Dollar. Der Protokollanbieter will damit nach einem massiven Rückgang der gesperrten Werte wieder Wachstum anstoßen. Im Mittelpunkt stehen Angebote für institutionelle Nutzer, darunter Tokenisierung realer Vermögenswerte, Partner-Integrationen und eine stärker auf klassische Finanzstandards zugeschnittene Kredit-Infrastruktur. Gleichzeitig ordnen Branchenvertreter die Schritte als Reaktion auf eine DeFi-Phase ein, in der TVL und Renditen unter Druck standen.

Compound Finance geht in die Offensive, aber nicht mit neuen Token-Tricks, sondern mit einem deutlich sichtbaren organisatorischen Kraftakt: Das DeFi-Lending-Protokoll hat laut eigener Ankündigung eine Budgetfreigabe von 52 Millionen US-Dollar beschlossen und sein Leadership-Team erneuert. Auslöser ist der konkrete Rückgang der Kennzahl, die im DeFi-Alltag oft als Gesundheitsbarometer dient: Die Summe der „Total Value Locked“ (TVL) fiel auf 1,2 Milliarden US-Dollar, nachdem sie 2021 zeitweise auf 12 Milliarden US-Dollar angestiegen war. Für viele Marktteilnehmer ist damit klar, warum eine reine Feature-Roadmap ohne neue Marktansprache nicht ausreicht.
Technisch und produktseitig beschreibt Compound den nächsten Entwicklungsschritt als Institutional-Pivot. Dazu zählt, dass das Protokoll reale Vermögenswerte (Real-World Assets, RWAs) als Angebotsbaustein stärker in den Vordergrund rückt. Gleichzeitig sollen Partner-Integrationen sowie eine Kredit-Infrastruktur entstehen, die den Anforderungen traditioneller Finanzmärkte näherkommt – also nicht nur in Richtung „Funktionalität“, sondern auch im Sinne von Compliance- und technischen Standards, wie es in der Mitteilung heißt. Wichtig ist dabei das Zusammenspiel: RWA-Angebote sind nur dann skalierbar, wenn die nachgelagerte Daten- und Abwicklungslogik zuverlässig in Prozesse passt, die für Banken und verwaltende Einheiten üblich sind.
Der personelle Umbau wirkt wie ein Signal in genau diese Richtung. Unter den neuen Verantwortlichen ist Chief Operating Officer Christopher Donovan, der zuvor in vergleichbarer Funktion bei der Near Foundation tätig war. Steven Liu wechselt als Chief Product Officer zu Compound; zuvor hatte er Maple Finance von 500 Millionen US-Dollar auf 5 Milliarden US-Dollar an Assets skaliert. Zudem wird Aaron Schnarch, der in der Vergangenheit Chief Executive bei Coinbase Custody war, als Executive Director geführt. Ergänzt wird das Team durch weitere Berufungen, unter anderem aus Anchorage Digital, HSBC, Broadridge Financial und Maple Finance. Das Muster dahinter ist aus Sicht von Produkt- und Risiko-Gremien plausibel: Institutional-Teams erwarten meist nicht nur „kompetente Köpfe“, sondern Strukturen, die Entscheidungen nachvollziehbar machen, etwa bei technischen Kontrollen, Datenflüssen und dem Umgang mit Risiken.
Wie stark der Druck aus der Marktentwicklung kommt, zeigt der Vergleich im Wettbewerb: Compound zählt zu den ältesten DeFi-Lending-Protokollen und gilt historisch als Pionier, weil es bereits seit 2018 dezentrales Ausleihen mit Rendite auf Krypto-Einlagen popularisierte – ohne klassische Intermediäre. Laut den Angaben des Protokolls wurden seit dem Start rund 480 Milliarden US-Dollar an Einlagen sowie Borrowing-Volumen verarbeitet. Dennoch verlor Compound in den letzten Jahren gegen Wettbewerber wie Aave: Aave hält demnach mehr als das Elffache von Compound, konkret mit 14,8 Milliarden US-Dollar TVL, wie Daten von DeFiLlama nahelegen. Für Compound bedeutet das: Institutionelle Kunden sitzen oft nicht nur auf dem „Wer ist älter?“-Kriterium, sondern vergleichen Netzwerk-Effizienz, Risikokosten und die Fähigkeit, in heterogene Systemlandschaften zu integrieren.
DeFi insgesamt befindet sich dabei in einer Phase, in der „mehr Vertrauen“ nicht abstrakt bleibt. Der Sektor steht laut den genannten Zahlen unter einem klaren Abwärtsdruck: Die gesamte TVL im Markt fiel in diesem Jahr um mehr als ein Drittel auf etwa 70 Milliarden US-Dollar. Als Treiber werden mehrere Faktoren genannt, darunter eine breite Korrektur im Krypto-Markt, niedrigere Renditen sowie Sicherheitsvorfälle. Als Beispiel wird der Hack gegen KelpDAO mit 292 Millionen US-Dollar im April aufgeführt. Hinzu kommt die Perspektive auf Wachstum: Für 2030 wird eine Marktgröße von 2,7 Billionen US-Dollar genannt, wobei tokenisierte reale Vermögenswerte (RWAs) als einer der am schnellsten wachsenden Segmente eingeordnet werden – eine Entwicklung, die für Compound strategisch besonders relevant ist, weil sie die Brücke zu institutionellen Use-Cases schlagen soll.
Dass Compound die Tonalität gegenüber Institutionen verändert, spiegelt auch die in der Quelle wiedergegebenen Einschätzungen wider. Gal Stern, Chief Business Development Officer bei deBridge, ordnet den Ansatz als Kombination aus struktureller Arbeit und dem Einbringen von Erfahrung aus dem institutionellen Umfeld ein, wobei vor allem die Kommunikation in Sprache und Logik der jeweiligen Risikokomitees im Mittelpunkt steht. Aaron Schnarch betont in dem Zusammenhang, dass DeFi zwar eine bemerkenswerte Innovation sei, die institutionelle Adoption bislang aber begrenzt geblieben sei; aktuelle Produkte würden die Hürden traditioneller Finanzwelt besonders bei Compliance und technischen Anforderungen noch nicht ausreichend erreichen. Ran Hammer von Orbs beschreibt wiederum, dass die Kette in der Zwischenzeit stärker als Settlement- und Ausführungsumgebung für Finanzinstitute genutzt werde – DeFi sei seit „DeFi summer“ damit eher zu einer neuen Finanzschicht geworden, bei der Führungskräfte, die diese Realität kennen, einen echten Vorteil bringen.
Für Unternehmen und Entwickler am Rand dieser Ökonomie liefert der Schritt eine pragmatische Botschaft: Wer DeFi-Lending mit institutioneller Beteiligung verbinden will, muss nicht nur Renditeversprechen formulieren, sondern auch „Unterbau“ liefern. Dazu gehören Integrationsschnittstellen für bestehende Systeme, saubere Kredit- und Risiko-Mechaniken, die in Audit- und Prüfprozesse passen, sowie eine Architektur, die nachweisbar stabil bleibt, wenn Renditen durch Marktbewegungen komprimiert werden. Mit dem größten Budget, das Compound laut der Quelle von seiner dezentralen autonomen Organisation (DAO) genehmigt bekommen hat, will das Protokoll diese Lücke gezielt schließen. Ob das reicht, hängt am Ende davon ab, wie schnell aus dem Budget messbare Produktfortschritte werden – und ob institutionelle Partner ihre internen „Underwriting Structures“ tatsächlich als interoperabel mit der DeFi-Welt akzeptieren.
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