LONDON (IT BOLTWISE) – Die Bewertung von JPMorgan Chase wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich: Eine Analyse über sogenannte Excess Returns leitet ein mögliches Aufwätspotenzial von 25,8 % ab. Gleichzeitig liegt das KGV mit 15,2 nur knapp unter einem modellbasierten Fair Ratio von 15,7, was eher nach „fair“ aussieht. Entscheidend dürfte sein, ob künftige Kreditkosten und makroökonomische Risiken die erwarteten Eigenkapitalrenditen stabil halten. Genau diese Frage nimmt der Markt offenbar unterschiedlich stark in die Rechnung.

JPMorgan Chase: Unterbewertet oder fair bewertet – was die Kennzahlen wirklich sagen
JPMorgan Chase: Unterbewertet oder fair bewertet – was die Kennzahlen wirklich sagen (Foto: IT BOLTWISE)
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JPMorgan Chase wirkt an der Börse derzeit nicht wie ein klassisches Schnäppchen – zumindest dann nicht, wenn man allein auf gängige Multiples wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis schaut. In einer jüngeren Betrachtung wird für die Aktie jedoch eine zweite, fundamentalere Perspektive gegenübergestellt: das Modell der „Excess Returns“. Diese Methode untersucht, wie viel Wert ein Unternehmen über die vom Kapitalgeber geforderte Rendite hinaus erwirtschaftet. Für JPMorgan Chase ergibt sich daraus eine Schätzung, die das Papier im Vergleich zum aktuellen Kurs eher günstiger erscheinen lässt – allerdings mit einer Begründung, die weniger mit Kurstreibern als mit Annahmen zu Risiko, Kapitaleinsatz und makroökonomischen Rahmenbedingungen zu tun hat.

Die Diskrepanz startet bei den Kennzahlen, die im Modell als Eingaben verwendet werden. Genannt werden ein Buchwert von 133,01 US-Dollar pro Aktie und ein stabiles Ergebnis je Aktie (EPS) von 26,62 US-Dollar pro Aktie. Darauf aufbauend wird mit einer durchschnittlichen Eigenkapitalrendite von 17,96 % gegen Kapitalkosten von 11,88 % gerechnet. Der daraus abgeleitete Überschuss, also die „Überrendite“, entspricht im Modell 14,73 US-Dollar pro Aktie. Entscheidend ist die Interpretation: Solche Überschussrenditen stützen den inneren Wert, weil sie anzeigen, dass die Bank aus dem eingesetzten Eigenkapital mehr erwirtschaften kann als die Kapitalkosten es erfordern. Unter dieser Logik kommt das Modell auf einen inneren Wert von 489,19 US-Dollar pro Aktie – und ordnet damit ein Potenzial von 25,8 % gegenüber dem aktuellen Aktienkurs zu.

Gleichzeitig gibt es einen Grund, warum der Markt diese Aussage nicht vollständig in den Kurs übersetzt. In der Ausgangsbetrachtung wird explizit auf wiederholte Warnungen von CEO Jamie Dimon vor Verschuldung und makroökonomischen Risiken verwiesen. Das ist weniger ein Schlagwort, sondern beschreibt ein Kernrisiko für Banken: Wenn sich die wirtschaftlichen Bedingungen verschlechtern, steigen typischerweise Kreditrisiken, die Abdeckung von Ausfällen muss sich erhöhen und damit kann der Spielraum für hohe Überschussrenditen schrumpfen. Schon die Erwartung steigender Kreditkosten wirkt häufig doppelt – erstens auf das Ergebnis je Aktie, zweitens über die Risikoprämie, die Investoren für Bankbilanzen einpreisen. Genau in dieser Zone dürfte die Bewertungslücke entstehen: Ein Modell kann in seiner Basisannahme Stabilität unterstellen, während der Markt stärker auf mögliche Stressszenarien reagiert.

Beim Blick auf die Marktkennzahlen zeigt sich dann ein zweiter, nüchterneres Bild. JPMorgan Chase wird in der Analyse mit einem KGV von 15,2 gehandelt. Das liegt über dem Branchendurchschnitt der Banken von 12,1 und auch über dem Durchschnitt einer Vergleichsgruppe von 13,7. Gleichzeitig wird aber ein modellbasiertes „Fair Ratio“ für JPMorgan Chase genannt, das bei 15,7x liegt und damit sehr nahe am aktuellen Kursniveau bleibt. Die Kernaussage daraus: Die kleine Differenz zwischen KGV 15,2 und Fair Ratio 15,7 deutet darauf hin, dass die Aktie allein auf Basis der Gewinne keinen großen Abschlag oder Aufschlag einpreist. In der Zusammenschau folgt daraus die Einschätzung, dass JPMorgan Chase „im Großen und Ganzen“ angemessen bewertet ist – zumindest wenn man diese Bewertung über Gewinne statt über langfristige Überschussrenditen interpretiert.

Das macht die Frage nach „unterbewertet oder fair“ letztlich zu einer Frage nach dem Bewertungsanker: Geht es primär um die Stabilität künftiger Gewinne und die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Ergebnis je Aktie in ähnlicher Höhe fortschreibt? Oder steht die Fähigkeit im Vordergrund, über längere Zeit zuverlässig Eigenkapitalrenditen oberhalb der Kapitalkosten zu erzielen? Das Excess-Returns-Modell stellt genau diesen Langfristfokus in den Mittelpunkt. Es erklärt zudem, warum die Aktie nach dieser Logik 25,8 % Potenzial enthalten könnte, obwohl das KGV kein offensichtliches „Discount-Badge“ ausweist. Anders gesagt: Das KGV kann „fair“ wirken, während ein Modell, das stärker auf langfristige Überrenditen abzielt, trotzdem ein Aufwärtspotenzial sieht – besonders dann, wenn der Markt zwar keine Panik einpreist, aber Risiken und mögliche Bilanzbelastungen nicht vollständig „wegmodellt“.

Für Anleger wird das dadurch praktisch: Nach einer berichteten starken Gesamtrendite von 162,4 % über fünf Jahre stellt sich jede neue Einstiegstaktik noch stärker als zuvor als Allokationsentscheidung im Grenzbereich dar. Wer bereits investiert ist oder aufstockt, muss nicht nur wissen, ob die Aktie aktuell günstig oder teuer wirkt, sondern vor allem, wie viel „Sicherheitsmarge“ im Modell noch übrig ist. In der Ausgangsbetrachtung wird zudem angedeutet, dass die Community bei JPMorgan Chase gespalten ist: Ein optimistischer Teil argumentiert mit Gebührwachstum und Technologiepotenzial, während die Gegenseite vor Kreditkosten und Margendruck warnt. Auf der Optimismus-Seite werden wiederholt Themen wie Tokenisierung, Stablecoins und Zahlungsinnovationen erwähnt – also Bereiche, in denen Banken versuchen, neue Erlösmodelle und effizientere Infrastrukturen aufzubauen. Auf der Gegenwarts-Seite steht dagegen die unmittelbare Wirkung von Risikoaufwand auf die Ergebnisrechnung, etwa über höhere Rückstellungen.

Konkreter wird das zuletzt über ein Bear-Argument: In der Analyse wird die Aufstockung der Rückstellungen für Kreditausfälle bei JPMorgan Chase auf 27,6 Milliarden US-Dollar genannt, begründet mit erhöhten Abwärtsrisiken und angepassten Prognosen zur gewichteten durchschnittlichen Arbeitslosenquote. Solche Anpassungen sind für die Bewertung relevant, weil sie die erwarteten künftigen Verluste beeinflussen und damit sowohl den Ergebnisverlauf als auch die Fähigkeit zur konstanten Generierung von Überrenditen. Damit verschiebt sich die Bewertungslücke: Das Excess-Returns-Modell kann bei zu optimistischen Annahmen über Kreditqualität zu einem inneren Wert kommen, der im echten Stressfall nicht gehalten wird. Gleichzeitig bleibt das KGV als Plausibilitätscheck, weil es die gegenwärtige Ertragskraft in den Vordergrund rückt. Das Zusammenspiel beider Ansätze macht die Bewertung so schwierig: Eine Bank kann auf Basis kurzfristiger Gewinne „fair“ wirken und dennoch in einem Szenario, in dem Risiken stärker als erwartet durchschlagen, deutlich weniger attraktiv werden.

Am Ende steht für JPMorgan Chase kein eindeutiges „Kaufen“ oder „Meiden“, sondern ein Bewertungsraum. Die Excess-Returns-Schätzung verweist auf ein Aufwätspotenzial von 25,8 %, während das KGV mit 15,2 und dem Fair Ratio von 15,7 eher nach Gleichgewicht aussieht. Diese Spannung ist häufig dann besonders groß, wenn Investoren unterschiedliche Zeithorizonte priorisieren: Das Modell belohnt langfristig überdurchschnittliche Eigenkapitalrenditen, der Markt wiederum reagiert auf die Unsicherheit rund um Kreditzyklen, Verschuldungsniveau und makroökonomische Entwicklungen. Für Unternehmen und institutionelle Investoren bedeutet das: Wer die Aktie betrachtet, sollte die zentralen Hebel prüfen, die beide Perspektiven verbinden – also ob die Bank ihre Rendite auf Eigenkapital nachhaltig oberhalb der Kapitalkosten hält und gleichzeitig verhindert, dass Kreditkosten den Vorteil aus dem Modell erodieren. Erst wenn diese beiden Stränge über mehrere Quartale gemeinsam bestätigt werden, lässt sich die Diskrepanz zwischen „innerer Wert“ und „Marktpreis“ sauber auflösen.


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