LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – In einem Roundtable unter Beteiligung der London Business School und einer ESG-nahen Investment-Organisation zeigt sich ein klares Muster: Europa investiert früh in Ideen, scheitert aber beim Durchreichen in Wachstum, Deployment und Exit. Der Engpass entsteht besonders dort, wo Projekte physische Anlagen benötigen, lange Entwicklungszeiten haben und lange vor Einnahmen Kapital binden. Steigende Zinsen und zu optimistische Nachfrageannahmen drücken außerdem die Bewertungen und zwingen zu Abschreibungen. Ergebnis: Kapital bleibt in Fonds stecken, während sich Gründer zunehmend andere Branchen als Ziel setzen.

Kann Europa Nachhaltigkeit finanzieren? Wo die Finanzierungskette reißt
Kann Europa Nachhaltigkeit finanzieren? Wo die Finanzierungskette reißt (Foto: IT BOLTWISE)
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Europa hat in den vergangenen Jahren eine beeindruckend dichte politische und regulatorische Landschaft rund um Nachhaltigkeit aufgebaut: Ziele, Taxonomien und Offenlegungspflichten sind inzwischen fester Bestandteil des Finanzsystems. Entscheidend ist aber eine andere Frage, die in einem aktuellen Roundtable von der London Business School und einer Organisation zur Integration von ESG und verantwortungsvollem Investieren in Private Markets im Chatham-House-Format zentral verhandelt wurde: Reicht diese Architektur auch bis in die Finanzierungsrealität hinein? Der Tenor war nicht „zu wenig Geld“, sondern ein strukturelles Timing-Problem entlang der gesamten Finanzierungskette. Genau dort entscheidet sich, ob aus Forschung und Prototypen tragfähige Unternehmen werden, die später auch in der Breite Energie- und Industrieinfrastruktur umsetzen.

Der erste Bruch liegt aus Sicht der Teilnehmenden typischerweise zwischen früher Produktentwicklung und skalierendem Wachstum. Europa verfügt laut dem Roundtable über eine starke Forschungsbasis und aktive Seed-Investoren; ebenso gibt es immer wieder neue Wachstumsfonds. Trotzdem nimmt die Verfügbarkeit von Kapital ab, sobald Startups wachsen und damit andere Finanzierungslogiken brauchen. Viele Nachhaltigkeitsvorhaben unterscheiden sich zudem deutlich von schnell skaliierenden Softwaremodellen: Sie benötigen physische Assets, brauchen deutlich längere Entwicklungs- und Genehmigungszyklen und erfordern große Kapitalrunden, bevor überhaupt nennenswerte Umsätze fließen. In den Jahren zwischen 2020 und 2022 floss daher zwar viel Kapital in den Bereich der Green-Energy-Projekte, doch ein Teil der Investoren behandelte diese Firmen offenbar wie klassische „Growth-Software“-Wetten. Das wird in der Praxis teuer, weil sich die Kostenstruktur von Hardware- und Anlagenprojekten stärker über Zins- und Finanzierungskosten bestimmen lässt.

Als die Zinsen stiegen, wurde das Risikoprofil dieser Projekte für Investoren deutlich ungemütlicher. Der Roundtable beschreibt, dass viele Unternehmen davon ausgingen, Fremdkapital bleibe langfristig günstig; mit der Zinswende wurde die Finanzierung entsprechend teurer, was den Gesamtwert der Vorhaben belastete. Gleichzeitig blieb die Kundennachfrage für Teile der „Clean Energy“-Story – im Beispiel genannt werden Elektrofahrzeuge und Wasserstoff – hinter den Erwartungen zurück. Dadurch entstand in einzelnen Segmenten ein Ungleichgewicht aus zu viel Angebot und zu wenig Abnehmern. Die Konsequenzen trafen dann nicht nur die laufenden Budgets, sondern schlugen sich auch in Abschreibungen nieder und erzeugten eine spürbare Stigmatisierung im Sektor. Wenn es weniger Exits gibt, bleibt wiederum Kapital in Fonds gebunden; für Limited Partner bedeutet das: weniger Cash zum Re-Investieren, selbst wenn die ursprüngliche Anlageintention noch stimmig war.

Damit kollidiert ein breiteres Muster, das im Roundtable explizit benannt wurde: Europa bleibt in der Skalierung fragmentiert, Exitmärkte sind im Vergleich flacher und institutionelles Venture Capital ist insgesamt weniger „durchgängig“ als in Teilen anderer Regionen. Zusätzlich müssen europäische Fonds in derselben globalen Allokation gegen etablierte US-Manager bestehen. Auf Investorenseite konkurriert Venture zudem mit privaten Credit-Strategien, öffentlichen Aktienmärkten und mit den kraftvollen Rendite-Erzählungen rund um KI und Verteidigung. Ein weiterer Dreh- und Angelpunkt betrifft die Art des Kapitals über die Lebensdauer eines Unternehmens: Frühe Venture-Fonds suchen häufig Outperformance und glaubwürdige Exits innerhalb der begrenzten Laufzeit eines Fonds. Infrastrukturinvestoren steigen dagegen erst dann ein, wenn Technologie- und Betriebsrisiken deutlich niedriger sind. Genau diese Lücke führt in der Praxis zu Bewertungsbrüchen: Eine Hardwarefirma kann zunächst eine frühe Finanzierungsrunde mit hoher Bewertung nutzen, um ihre Technologie zu beweisen, entdeckt dann aber, dass die Bewertung in späteren Deployment-orientierten Runden deutlich anders ausfällt.

Auch Politik und Regulierung wurden im Roundtable nicht pauschal als Problem verurteilt; vielmehr stellte man fest, dass ein Teil der Energie in Labels, Templates und Offenlegungssystematik geflossen ist. Genannt wurden unter anderem Regeln wie die EU-Regelungen zur Sustainable Finance Disclosure, die Offenlegungen auf Ebene des Unternehmens und auf Ebene konkreter Produkte verlangen, sowie die britischen Sustainability Disclosure Requirements. Diese Maßnahmen holen Nachhaltigkeit zwar stärker auf die institutionelle Agenda, lösen aber nicht automatisch das zentrale Finanzierungsproblem: Investoren unterwrite(n) nicht Reporting, sondern Kunden, Cashflows und kalkulierbare Nachfrage. Wenn sich Nachfrage nicht verlässlich in die Finanzplanung übersetzen lässt, hilft auch die beste Taxonomie nur begrenzt. Daher verlagert sich die strategische Frage schnell auf die Gründerperspektive: Wenn Kapitalzuflüsse für nachhaltige Projekte an Wachstum, Deployment oder Exit scheitern, beeinflusst das, welche Industriefähigkeiten langfristig in Europa entstehen – und welche Teams in andere Sektoren abwandern.

Das Thema endet jedoch nicht bei Startups. Der Roundtable betont, dass die Nachfrage nach physischen Lösungen weiter wächst, weil physische Risiken bereits heute in Betriebskosten migrieren: Hitzeperioden, Verluste durch Waldbrände und wiederkehrende Energiepreisschocks erhöhen den Bedarf an belastbaren Infrastrukturen. Beispiele reichen von Kühlung in Krankenhäusern über verlässlichere Kaltketten im Handel bis zu besseren Wildfire-Management-Ansätzen für Versorger. Oft werden Kunden diese Lösungen nicht zwingend „wegen Klimaschutz“ kaufen, sondern als Effizienz- oder Risikomanagement. Genau daraus folgt die nächste Konsequenz: Wenn europäische Anbieter nicht bereitstehen, werden Systeme zunehmend importiert. Und auch wenn sich nicht jede Komponente einer Lieferkette lokal fertigen lassen muss, stellt Abhängigkeit im Zweifel ihre eigenen Kosten in Aussicht – besonders in Bereichen wie Automobilzulieferung, Energiesystemen und vernetzten Infrastrukturen.

Als pragmatischer Startpunkt nennt der Roundtable eine Art Arbeitsteilung zwischen privaten und öffentlichen Mitteln entlang des Entwicklungsrisikos. Kommerziell reife Technologien sollen demnach in private Portfolios, während FOAK-Projekte (first-of-a-kind) und stark kapitalintensive Hardware eher nicht-dilutive Grants, geduldiges öffentliches Kapital sowie eine „konstruierten“ Kapitalstapel-Logik benötigen. Ein solcher Capital-Stack scheitert allerdings, wenn die erwartete Nachfrage weiterhin unsicher bleibt. Regierungen sollen daher Nachfrage sichtbar machen, etwa durch die Art von langfristigen Verpflichtungen, Grants für frühe Entwicklung und vor allem durch Beschaffungsvorhaben als „public buyer of first resort“ – ein Muster, das in der Verteidigungsindustrie als Vergleich herangezogen wird. Ebenso wichtig: öffentliche Unterstützung muss das konkrete Risiko adressieren, technische und kommerzielle Fortschritte belohnen und dann stabil genug sein, damit private Investoren planen können. Außerdem bleibt nach Ansicht der Teilnehmenden Kapital, das bereits im System feststeckt, zu lange blockiert; stärker ausgeprägte Sekundärmärkte könnten Fonds vor IPOs oder Trade Sales wieder Liquidität verschaffen, auch wenn das mit ehrlichen Abschlägen verbunden ist.

Über die Liquidität hinaus geht es um die Befähigung, langfristige Asset Owner überhaupt in dieses Marktsegment zu bewegen. Selbst kleine Allokationen von Pensionsfonds können im Venture-Maßstab relevant sein, aber dafür braucht es Berater und Treuhänder, die die Assetklasse wirklich verstehen, sowie dedizierte europäische Venture-Allokationen, damit lokale Fonds nicht ständig gegen ein ausgereifteres US-Ökosystem „aufgerechnet“ werden. Öffentliche Institutionen können als Anker wirken, doch langfristig muss zusätzlich privates Kapital nachziehen. Der Kern des Fazits aus dem Roundtable ist damit weniger ein Thema von „mehr Nachhaltigkeit“ als von „besserem Transfer“: Forschung muss Kapital erreichen, Kapital muss Kunden finden, und frühe Investoren müssen über realistischere Exits wieder in den Kreislauf zurückkehren. Wenn Europa diesen Zusammenhang nicht schließt, könnten Teile der Energiewende zwar stattfinden – aber mit Technologien, Kapital und strategischen Rahmenbedingungen, die anderswo festgelegt werden.


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