LAWRENCE / LONDON (IT BOLTWISE) – KU Libraries eröffnet in der Watson Library die Ausstellung „Ad Astra: A Kansas Story Written in the Stars“. Im Mittelpunkt steht eine kuriose Episode der Space-Shuttle-Ära: Steve Hawley nutzte 1986 die Groucho-Brille, um den Flug zu ermöglichen. Die Schau verknüpft Shuttle-Alltagsgegenstände wie Verpflegung und Hygieneartikel mit Dokumenten aus Forschungssammlungen. Besucher können die Ausstellung im Herbstsemester kostenlos sehen und Hawley bei einer Eröffnungsfeier am 10. September persönlich erleben.

Was wie eine Anekdote klingt, wird in der Ausstellung „Ad Astra: A Kansas Story Written in the Stars“ der KU Libraries zum Einstieg in die Technik- und Menschenseite der Raumfahrt. In der Haricombe Gallery der Watson Library in Lawrence zeigt die Präsentation Realien aus mehreren KU-nahen Sammlungen und ordnet sie einem übergeordneten Leitmotiv zu: Wie entstehen Programme für bemannte Missionen eigentlich – und wie sieht der Alltag im Orbit aus? Schon die Eröffnungsstory von Steve Hawley macht deutlich, dass Raumfahrt nicht nur aus Triebwerken und Rechenmodellen besteht, sondern auch aus problemlösendem Verhalten, das sich in der Realität einer Mission bewähren muss.
Im Januar 1986 standen die Space-Shuttle-Mission STS-61C und mehrere vorangegangene Fehlstarts im Raum: Nach sechs missglückten Versuchen entschied sich der KU-Alumnus und NASA-Astronaut Steve Hawley zu einem drastischen Schritt. Er verkleidete sich als Groucho Marx – mit den typischen Gläsern, Nase und Schnurrbart – in der Hoffnung, das Orbiter-Setup endgültig so zu „überlisten“, dass die Crew fliegen konnte. Der Plan ging auf: STS-61C startete am 12. Januar 1986. In der Ausstellung wird Hawleys Verkleidung nicht als bloßer Gag gezeigt, sondern als Teil jener Kultur des Experimentierens, die Raumfahrtteams über Jahre hinweg begleitet hat.
Für die Besuchenden ist die Ausstellung dabei greifbar, weil sie die Distanz zwischen „großer Raumfahrt“ und menschlicher Praxis verkürzt. Neben Hawleys Groucho-Accessoires sind weitere Artefakte aus dem Umfeld früher bemannter Programme zu sehen – darunter Gegenstände, die an Bord genutzt wurden: vom Astronauten-Essen bis zu Hygieneartikeln. Ergänzt wird das Ganze durch ein persönliches Strahlungsdosimeter, also durch ein Instrument, das den Alltag im Orbit konkret messbar macht. Gerade diese Mischung aus „Alltagsobjekten“ und techniknahen Dokumenten zeigt, wie sehr sich Raumfahrtforschung und Sicherheitsdenken über die Jahre gegenseitig beeinflussen.
Die Kuratierung verbindet dafür mehrere Quellenstränge. Laut Ankündigung stammen die Exponate unter anderem im Leihverbund von Einrichtungen wie dem Kansas Cosmosphere and Space Museum, während parallel Dokumente und Fotografien aus dem Dole Institute of Politics sowie aus der Kenneth Spencer Research Library integriert sind. Damit entsteht eine durchgängige Erzählachse, die bis zu Clyde Tombaugh zurückreicht: Seine Entdeckung des Pluto im Jahr 1930 wird als früher Kansas-Bezug gesetzt und führt dann über den Bogen der Raumfahrtweiterentwicklung zur Konstruktion der Internationalen Raumstation. Dass im weiteren Verlauf auch KU-Alumni-Astronauten wie Ron Evans, Joe Engle und Loral O’Hara genannt werden, sowie zusätzlich ein Ausflug von Laura Stiles ins All mit Blue Origin, unterstreicht den Anspruch, nicht nur eine einzelne Mission zu würdigen, sondern die regionale Beteiligung an Raumfahrtbemühungen über Generationen hinweg sichtbar zu machen.
Politik und Infrastruktur bleiben dabei kein Hintergrundrauschen. In der Ausstellung werden Verknüpfungen zu Personen genannt, die den Raumfahrtsektor über Jahrzehnte mitgeprägt haben sollen: Der frühere US-Senator Bob Dole und der frühere US-Vertreter Larry Winn Jr. standen den Angaben zufolge in Kansas und wirkten in Ausschüssen mit, die den Raumfahrtbereich begleiteten. Auch die Erinnerung an Robert Docking, der zeitweise die Option erwogen haben soll, dass Kansas zum Start- und Landestandort für den Space Shuttle werden könnte, schlägt eine Brücke zwischen Technologie und Standortfrage. Aus technischer Sicht ist das relevant, weil Launch- und Recovery-Entscheidungen die Architektur von Missionsplanung, Logistik und Infrastruktur bestimmen – und damit direkt beeinflussen, welche Hardware-Entwürfe überhaupt sinnvoll sind.
Der Veranstaltungsrahmen macht die Schau zudem an ein literarisches Programm gekoppelt: „Ad Astra“ erscheint im Kontext von KU Reads: A Common Book Experience und der Auswahl für 2026-27, „Orbital“ von Samantha Harvey. Der Roman begleitet sechs Astronautinnen und Astronauten auf der Internationalen Raumstation, die die Erde umlaufen und über Verbindung sowie die verletzliche Schönheit des Heimatplaneten nachdenken. Die gemeinsame Klammer ist dabei weniger eine Technikbeschreibung als eine Perspektivverschiebung: Wie fühlt sich „Infrastruktur Erde“ an, wenn sie im Orbit zum Blickfeld wird – und wie prägen die Erfahrungen dort die Sicht zurück auf die Erde?
Organisatorisch ist die Ausstellung auf Kontinuität im Herbstsemester ausgelegt: Sie läuft in der Haricombe Gallery im dritten Stock der Watson Library und ist während der regulären Öffnungszeiten frei zugänglich. Steve Hawley wird am 10. September bei einer Eröffnungsfeier ab 17:30 Uhr vor Ort sein, hält um 18:00 Uhr einen Keynote-Vortrag und signiert anschließend Exemplare seines neuen Buches „Eyes to the Stars: A Memoir for the Space Shuttle Generation“. Für Technikinteressierte und Entscheider in Bildungseinrichtungen ist das besonders attraktiv, weil sich hier eine seltene Form des Wissenstransfers zeigt: nicht nur über Texte und Daten, sondern über Objekte, die die Grenzen zwischen Ingenieurslogik und menschlichem Alltag konkret machen.
Für Institutionen, die digitale Lernangebote planen, liefert „Ad Astra“ auch einen praktischen Impuls: Die Kombination aus Leihgaben, Archivmaterial und klarer Erzählstruktur eignet sich als Blaupause für spätere Formate, etwa begleitende Datenräume zu Missionen oder interaktive Modelle zu Orbiter- und Missionsabläufen. Zugleich bleibt der Fokus bewusst menschlich – von Strahlungsdosimeter bis Hygieneartikel – und damit für ein Publikum verständlich, das nicht zwingend mit Shuttle-Details vorgebildet ist. Wer die Ausstellung besucht, bekommt am Ende nicht nur Kansas als Ausgangspunkt der Raumfahrtgeschichte erzählt, sondern auch eine sehr konkrete Vorstellung davon, wie Raumfahrtteams aus Risiko, Routine und improvisierter Problembehandlung reale Missionen machen.
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