VILNIUS / LONDON (IT BOLTWISE) – Das litauische Startup LITILIT bekommt von der Entwicklungsbank ILTE einen Kredit in Höhe von 8 Millionen Euro. Damit finanziert das Unternehmen das modulare Femtosekundenlaser-System FEMODA, das neue Anwendungen in der Großindustrie ermöglichen soll. Das Projektvolumen liegt bei 10 Millionen Euro, LITILIT bringt dabei 2 Millionen Euro Eigenmittel ein. Für die Kommerzialisierung ist die zweite Hälfte von 2029 geplant.

LITILIT will mit FEMODA einen konkreten Engpass in der Femtosekundenlaser-Welt aufbrechen: nicht die Laserphysik selbst, sondern die Art, wie sich solche Systeme in reale Produktionsumgebungen integrieren lassen. In der Praxis ist genau diese Hürde laut Ausgangsmaterial schwer zu überwinden, weil bestehende Femtosekundenlaser oft auf aufwendige Infrastruktur angewiesen sind. Dazu zählen Wasserkühlung mit eigenen Zirkulations- und Reinigungssystemen, sehr große optische Module auf massiven Basen sowie stabile Temperaturbedingungen. Für Industrien, die hohe Taktzahlen und wechselnde Produktlinien fahren, ist das ein strukturelles Risiko – denn jedes zusätzliche Temperaturszenario oder jeder Wartungsaufwand erhöht die Stillstandszeit.
Technisch setzt FEMODA deshalb auf eine modulare Architektur, die mehrere Bausteine so zusammenführt, dass sie als industrielle Einheit in Fabriken „einfach“ integriert werden kann. Der CEO Nikolajus Gavrilinas begründet das Ziel: „Derzeit werden Femtosekundenlaser hauptsächlich in der Fertigung hochwertiger Kleinteile eingesetzt. Unser neues Lasersystem wird neue Anwendungen in bestehenden Großindustrien eröffnen, wie die Massenproduktion von Metallwerkzeugen und die Bildung spezialisierter Beschichtungen auf großen Oberflächen, wie Flugzeug- oder Autokarosserien. Es wird auch aktuelle Femtosekundenlaser-Anwendungen beschleunigen, von Unterhaltungselektronik bis hin zu Displays und Chips.“ Der Gedanke dahinter ist, dass die extrem kurzen Pulse der Femtosekundenlaser Materialien so bearbeiten, dass die umgebende Struktur weniger Schaden nimmt – ein Effekt, der als „kalte Ablation“ bezeichnet wird und sich deshalb für sehr präzise Prozesse eignet.
Damit wird auch klar, warum LITILIT nicht nur auf ein neues Leistungsprofil setzt, sondern auf eine andere Systemlogik. Gavrilinas adressiert die Alltagsprobleme direkt: Systeme mit getrennten Komponenten seien empfindlich gegenüber Temperatur, Feuchtigkeit und Vibrationen. FEMODA soll diese Empfindlichkeit reduzieren, indem Steuerelektronik, Optik und Kühlung in einer einzigen industriellen Einheit zusammenkommen. Gleichzeitig zielt das Unternehmen auf eine Wartungsstrategie, die den Austausch einzelner Module ermöglicht: Fällt ein Teil aus, wird nicht die komplette Anlage neu qualifiziert, sondern nur das betroffene Modul. Für Produktionsleiter ist das relevant, weil der wirtschaftliche Schaden bei High-Tech-Werkzeugen nicht nur aus dem Kaufpreis entsteht, sondern aus Qualifizierungs- und Wiederanlaufzeiten.
Auf der Leistungsseite nennt LITILIT eine durchschnittliche optische Leistung von bis zu 1.000 Watt, aufgeteilt auf 10 bis 20 separate Strahlkanäle. Damit kann jeder Kanal Femtosekundenpulse an unterschiedliche Verarbeitungspunkte entlang einer Produktionslinie liefern. Diese Parallelisierung ist ein typischer Hebel, um Laserbearbeitung von einem „High-End-Exotenprozess“ in eine planbare Serienfertigung zu verschieben. Laut Unternehmensangaben soll FEMODA eines der leistungsstärkeren modularen Industriesysteme dieser Klasse werden – und genau hier entsteht der Marktbezug: Wenn Femtosekundenlaser-Maschinen nicht nur präzise, sondern auch wiederholbar in bestehende Anlagenlandschaften integrierbar sind, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass Fertiger von Pilotprojekten zu skalierten Linien wechseln.
Die Finanzierung unterstreicht den Skalierungsanspruch. LITILIT erhält dafür einen Kredit über 8 Millionen Euro von der litauischen Entwicklungsbank ILTE; das Projekt hat einen Gesamtwert von 10 Millionen Euro, wovon 2 Millionen Euro aus Eigenmitteln stammen. Zusätzlich arbeitet das Startup am Produktionshochlauf: Im Juni begann der Bau einer Hochkapazitätsfabrik in Vilnius. Die Anlage soll im Herbst den Betrieb aufnehmen und auf 3.000 Femtosekundenlaser pro Jahr ausgelegt sein. Damit geht es um mehr als ein einzelnes System – das Unternehmen will die Lieferfähigkeit herstellen, die für eine industrielle Vermarktung oft die eigentliche Bremse ist.
Für die technologische Basis nennt LITILIT patentierte Erfindungen der Mitgründer Kästutis Regelskis, Nerijus Rusteika und Nikolajus Gavrilinas. Die Entwicklung soll in enger Zusammenarbeit mit dem Center for Physical Sciences and Technology (FTMC) in Vilnius stattgefunden haben. Das ist insofern ein wichtiger Kontext, als Femtosekundenlaser-Entwicklung typischerweise stark von Prozesswissen und Materialinteraktionen lebt – also von der Brücke zwischen Laborparametern und Fabrikrandbedingungen. Wenn sich die Zusammenarbeit auf mehrere „patentierte Bausteine“ verteilt, deutet das darauf hin, dass FEMODA nicht nur ein neues Gehäuse um bekannte Komponenten ist, sondern eine konsistente Weiterentwicklung in Richtung industrieller Baugruppen.
Mit Blick auf den Zeitplan plant LITILIT die Kommerzialisierung für die zweite Hälfte 2029. Bis dahin dürfte der Schwerpunkt darauf liegen, Module, Kühlung und Optik so zu stabilisieren, dass die in Aussicht gestellte Robustheit im Dauerbetrieb nachweisbar ist. In der Praxis wird sich zeigen, ob sich die versprochene geringere Empfindlichkeit gegen Temperatur, Feuchtigkeit und Vibrationen in kundenseitigen Installationen genauso reproduzierbar verhält wie im eigenen Testumfeld. Für Unternehmen, die über den Einsatz von Femtosekundenlasern nachdenken – etwa für die Massenproduktion von Metallwerkzeugen oder für Beschichtungen auf großen Oberflächen – rückt damit die konkrete Systemintegration stärker in den Vordergrund als die Frage, ob ein einzelner Laboraufbau „funktioniert“.
Interessant ist auch, wie FEMODA den typischen Nutzenkonflikt der Laserbearbeitung neu ordnet: Die Technologie ist für Anwendungen wie Augenchirurgie, Gefäßstents oder die Herstellung von Computerchips und Displays bereits seit langem bekannt; ihre Adoption scheiterte jedoch häufig an Infrastruktur-, Installations- und Wartungsanforderungen. Wenn LITILIT diese Hürde über eine modulare, austauschbare Industrielösung adressiert, verschiebt sich das Investitionsargument. Dann wird nicht nur die Prozessqualität bewertet, sondern auch die Betriebswirtschaftlichkeit über Lebenszyklus und Wartungsfenster. Genau dort entscheidet sich, ob ein Femtosekundenlaser künftig zum Werkzeug für breite industrielle Prozesse wird – oder ein Spezialfall bleibt.
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