VIRGINIA BEACH / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Virginia Army National Guard hat „Cyber Fortress 26“ mit Übungen zu realitätsnahen Cyberangriffen auf kritische Infrastruktur durchgeführt. Im Fokus standen dieses Jahr Szenarien rund um die Energieerzeugung, konkret um die Hydroenergie. Die Veranstaltung kombinierte Active, Reserve und National Guard mit NATO-Partnern sowie Bundes- und Landesbehörden. Geübt wurde dabei unter anderem die Reaktion auf Vorfälle in der operativen Technik und die Zusammenarbeit von Blue- und Red-Teams.

Cyber Fortress 26: US-Armee übt KI-freie, praxisnahe Reaktion auf Cyberangriffe
Cyber Fortress 26: US-Armee übt KI-freie, praxisnahe Reaktion auf Cyberangriffe (Foto: IT BOLTWISE)
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„Cyber Fortress 26“ war weniger ein theoretisches Trainingsprogramm als ein koordinierter Stresstest für die Zusammenarbeit von Militär, Behörden und zivilen Sicherheitsakteuren. Ausgerichtet wurde die Übung von der Virginia Army National Guard über ihre 91st Cyber Brigade, die laut den Veranstaltungsangaben vom Fort Belvoir aus steuert. Die Laufzeit reichte vom 25. Juli bis zum 8. August 2026 am State Military Reservation in Virginia Beach. Damit steht eine eher seltene Kombi im Mittelpunkt: Zum einen Zertifizierungen und Validierungen für Cyber-Schutzteams, zum anderen eine groß angelegte Inlandsübung, die einen Cybervorfall in einem kritischen Umfeld simuliert.

Technisch verzahnt die Brigade dabei zwei zentrale Arbeitsstränge. Der erste umfasst die Rezertifizierung von zwei Cyber-Schutzteams und die Validierung eines Bataillons-Hauptquartiers. In den Angaben wird konkret genannt, dass das 125th Cyber Protection Battalion der South Carolina National Guard validiert wurde. Gleichzeitig wurden das Cyber Protection Team 171 der California National Guard sowie das Cyber Protection Team 172 der Ohio National Guard rezertifiziert. Ergänzend wird die Rolle der 91st Cyber Brigade herausgestellt: Sie sei die einzige „deployable“ Fähigkeit für Cyber Space Operations innerhalb der US-Armee, eine Formulierung, die den Anspruch auf operative Einsatzreife unterstreicht.

Der zweite Arbeitsstrang ist die eigentliche Übung „domestic operations“, die einen simulierten, realweltähnlichen Cybervorfall abarbeitet. Für die Szenarien gilt: Aktiv, Reserve und National Guard greifen zusammen; dazu kommen NATO-Partner sowie lokale, staatliche und föderale Stellen. Auch zivile Partner aus der Privatwirtschaft waren beteiligt. Dieses Jahr drehte sich das Szenario um Hydroenergie, also einen Bereich, in dem die Grenzen zwischen IT und operativer Technik besonders eng sind. Geprobt wurde deshalb nicht nur klassische Security-Arbeit, sondern auch Fähigkeiten, die in Industrial Control Systems und in Supervisory Control and Data Acquisition relevant sind.

Als Plattform für die Übungsdurchführung wird das „Persistent Cyber Training Environment“ (PCTE) genannt. PCTE soll das Training über die gesamte Übung hinweg konsistent und wiederholbar machen und damit das Risiko reduzieren, dass Teams in jedem Abschnitt auf ein anderes Setup treffen. Laut den Angaben lobte der Übungsleiter Col. David Garner insbesondere die Zuverlässigkeit der Umgebung sowie den Support des PCTE-Teams „von concept design bis range execution“. Für die Trainingsinhalte der ersten Woche wird außerdem konkret: Cyber Defense für OT, Cyber Threat Intelligence, Malware-Analyse sowie Arbeiten an elektrischen Systemen. Solche Kombinationen sind für die Praxis wichtig, weil Incident-Response bei kritischer Infrastruktur häufig parallel mehrere Spuren öffnet – vom Anzeigen- und Log-Handling über die forensische Einordnung bis hin zur technischen Bewertung, wie ein Angriff reale Prozesse beeinflussen kann.

Auch die organisatorische Verzahnung mit Behörden zeigt sich in der Zusammensetzung der Teilnehmer. In den Angaben werden unter anderem das Federal Bureau of Investigation, die Federal Energy Regulatory Commission, CISA (Cybersecurity and Infrastructure Security Agency) sowie die Cybersecurity- und Infrastruktur-Sicherheitsakteure genannt, zusätzlich Landesstellen wie die Virginia State Police, das Virginia Fusion Center und weitere Einheiten. Dazu kommen militärische Komponenten wie die Air National Guard und U.S. Marine Corps sowie Cyber-Kräfte aus Finnland und Estland. In der Darstellung wird zudem betont, dass die „fünfte Iteration“ auch genutzt wurde, um enger mit CISA zusammenzuarbeiten: CISA habe ein Tabletop-Szenario für die Cyber-Incident-Response entwickelt und moderiert, Ressourcen für Red-Team- und White-Cell-Rollen bereitgestellt und gemeinsam mit der 91st Cyber Brigade sowie dem Virginia Fusion Center gezielte „injects“ entwickelt, die die Übung um zusätzliche Realitätsnähe erweitern.

Die zweite Woche steigerte den Charakter der Übung mit einem „force-on-force“ Ansatz, der Antworten auf Cyberangriffe gezielt testet. Dabei arbeiteten die Teilnehmenden kollaborativ als integrierte „Blue“-Teams und konterten ein dediziertes „Red“-Team, das laut den Angaben mehrere Angreifergruppen in einem realistischen Enterprise-Netzwerk für kritische Infrastruktur emulierte. Inhaltlich ging es in dieser Phase um Incident-Response, Threat Analysis und defensive Cyber Operations – also um genau die Kette, in der in der Praxis häufig Zeit verloren geht: Erkennen, Einordnen, priorisieren, kommunizieren und dann die technischen Abwehrmaßnahmen so steuern, dass sie zum Betrieb der Anlage passen. Für Unternehmen und IT-Leitungen ist dabei vor allem die Methodik interessant: Selbst wenn die Übung militärisch geerdet ist, spiegeln Blue/Red-Workflows, OT-Fokus und Multi-Agency-Koordination typische organisatorische Engstellen wider, die auch in zivilen Betreiberumgebungen auftreten.

Strategisch lässt sich „Cyber Fortress“ als Signal lesen: Die US-National-Guard-Struktur wird als Trainingsplattform genutzt, um nicht nur einzelne Tool-Ketten zu üben, sondern auch die Rollenverteilung zwischen operativer Sicherheit, Bedrohungsanalyse und behördlicher Abstimmung. Das passt zu einem langfristigen Trend in der Cyber-Abwehr kritischer Infrastruktur, bei dem reine technische Detektion weniger ausreicht – stattdessen zählt, wie Teams unter Unsicherheit handeln und wie schnell sie aus einer IT-Warnung eine belastbare Lageeinschätzung für OT ableiten. Genau darin liegt auch der praktische Mehrwert für den Markt: Wer in hochverfügbaren Systemen arbeitet, findet in solchen Übungsdesigns ein nachvollziehbares Muster, um eigene Incident-Response-Prozesse zu evaluieren und Kommunikationswege über Organisationsgrenzen hinweg zu trainieren.


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