LONG ISLAND / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Bundesrichter hat entschieden, dass der ehemalige Abercrombie-&-Fitch-CEO Michael Jeffries prozessfähig ist. Die Kammer stützte sich dabei auf Zeugenaussagen, medizinische Gutachten und auf detaillierte Auswertungen von Telefonaten während seiner viermonatigen Untersuchung. Das Verfahren soll im Oktober auf Long Island vor einer Jury beginnen. Gleichzeitig bleibt die Strafsache selbst durch die Not-Guilty-Plädoyers der Beteiligten weiterhin offen.

Der Auftakt einer Strafverhandlung hängt im US-Recht nicht nur an der Frage, was jemand getan haben soll, sondern auch daran, ob die Person geistig in der Lage ist, dem Verfahren zu folgen und sich sinnvoll mit der Verteidigung abzustimmen. Genau an dieser Schwelle bleibt der Fall um den ehemaligen Abercrombie-&-Fitch-CEO Michael Jeffries nun weniger angreifbar: Eine Bundesrichterin hat Jeffries nach umfangreicher Prüfung für prozessfähig erklärt. Damit rückt ein Termin im Oktober auf Long Island näher, in dem eine Jury über die gegen ihn gerichteten Vorwürfe entscheiden soll.
In ihrer rund 157-seitigen Entscheidung prüfte die Richterin Nusrat Choudhury nach eigenen Angaben sowohl Zeugenaussagen als auch medizinische Expertenberichte. Zentral war außerdem die Auswertung von Telefonaten, die Jeffries während seines viermonatigen Aufenthalts in einem Bundeskrankenhaus führte. Wie aus dem Beschluss hervorgeht, soll der Umfang dieser Kommunikation besonders aufschlussreich gewesen sein: Insgesamt wurden 109 Gespräche als „besonders erhellend“ beschrieben. Aus dieser Perspektive ist der Kern der juristischen Argumentation weniger medizinisch-abstrakt, sondern praktisch nachvollziehbar – nämlich ob Jeffries Informationen aufnehmen, speichern und wieder abrufen kann, wenn es für ihn relevant wird.
Choudhury kommt demnach zu dem Ergebnis, dass Jeffries eine rationale und faktische Vorstellung vom Verfahren besitzt, um seine strafrechtlichen Anklagen vor einer Jury beurteilen zu lassen. In der Begründung wird zudem betont, dass er dem Verfahren ausreichend folgen und mit seinen Anwälten zusammenarbeiten kann. Die Einlassung der Verteidigung lief zuvor auf das Gegenteil hinaus: Das Team hatte geltend gemacht, Jeffries sei aufgrund Demenz und einer Form von Alzheimer im späten Beginn nicht verhandlungsfähig. Um diese Behauptung zu prüfen, ordnete die Richterin eine stationäre Begutachtung an – mit dem Effekt, dass am Ende nicht nur Gutachten auf dem Papier standen, sondern auch das tatsächliche Kommunikationsverhalten in den Telefonaten in die Entscheidung eingeflossen ist.
Besonders plastisch wird der Ansatz durch die von der Richterin herangezogenen Beispiele aus den Telefonaten. So wird in der Entscheidung ein aufgezeichneter Anruf beschrieben, in dem Jeffries offenbar äußerte, er habe Sorge vor dem Prozess; sollten die Vorwürfe zu einer Verurteilung führen, werde man ihm „all unser Geld wegnehmen“. In einem weiteren Gespräch soll er zudem gesagt haben, dass ein Verfahren für ihn und seine Umgebung in jeder Hinsicht – Zeit, Aufwand und Geld – ein Desaster sein werde. Solche Aussagen werden in Beschlüssen häufig nicht als „Geständnis“ gewertet, sondern als Indikator, dass ein Angeklagter Zusammenhänge versteht, Risiken einordnet und das Verfahren gedanklich greifbar verarbeitet.
Während die Frage der Prozessfähigkeit damit entschieden ist, bleibt der eigentliche Strafvorwurf offen. Jeffries, sein Partner Matthew Smith sowie der als Anwerber bezeichnete James Jacobson haben laut dem Text in allen Punkten „nicht schuldig“ plädiert. Die Bundesstaatsanwälten behaupten mutmaßlich, Jeffries habe über mehrere Jahre gemeinsam mit Smith und Jacobson ein globales System aus Sex-Trafficking und zwischenstaatlicher Prostitution betrieben. Dabei soll Jeffries als mächtige Person aus dem Modegeschäft – er war demnach von etwa 1992 bis 2014 Chef des Einzelhändlers – seinen Status genutzt haben, um Dutzende Männer zu sexuellen Handlungen zu drängen. Ebenso wird beschrieben, dass die Opfer mutmaßlich darauf gesetzt hätten, durch die „sex events“ Karrierechancen zu erhalten, etwa durch Modellaufträge.
Der Anklage zufolge seien solche Veranstaltungen nicht nur in den USA, sondern auch im Ausland organisiert worden – genannt werden New York City, England und Marokko. Entscheidend ist dabei, wie die Bundesregierung die Anwerbung und Kontrolle schildert: Laut Bundesanwaltschaft sollen die Betroffenen darüber getäuscht worden sein, indem ihnen in Aussicht gestellt wurde, dass die Teilnahme oder bestimmte Handlungen mit Modemöglichkeiten verbunden seien. Gleichzeitig soll mutmaßlich der Eindruck erzeugt worden sein, Nichtbefolgung könne ihrer Karriere schaden. Auch die soziale Ausgangslage wird in der Anklage konkretisiert: Viele der angesprochenen Männer sollen finanziell verwundbar gewesen sein und in einer „hart umkämpften“ Modewelt gehofft haben, den Sprung nach oben zu schaffen. Dass mindestens einer zum Zeitpunkt sehr jung gewesen sein soll, wird ebenso aufgeführt; zugleich bleibt durch die „not guilty“-Plädoyers klar, dass es sich um Vorwürfe handelt, die erst vor Gericht bewertet werden.
Für die technische und organisatorische Seite eines Strafverfahrens bedeutet die Entscheidung vor allem eines: Der Prozess wird voraussichtlich wie geplant in die Phase kommen, in der Beweise, Zeugen und Aussagen vorgetragen werden, ohne dass eine neue Runde zur Geistesverfassung die Taktung erneut verschiebt. Aus Verwaltungssicht ist dabei auffällig, wie stark die Richterin auf eine mehrmonatige Beobachtung und auf die schriftlich nachvollziehbare Auswertung von Telefonaten abgestellt hat. Das berührt indirekt auch den Umgang mit Beweismitteln im digitalen Alltag, weil Telefonkommunikation – ob aufgezeichnet oder protokolliert – häufig eine zentrale Rolle spielt. Auch wenn das Strafverfahren selbst nicht „KI-getrieben“ ist, zeigt der Beschluss dennoch einen methodischen Trend: Gerichte arbeiten zunehmend entlang nachvollziehbarer Indikatoren, die aus Kommunikationsdaten abgeleitet werden können, statt sich nur auf Momentaufnahmen aus einzelnen Gutachten zu stützen.
Für die Markt- und Reputationsdimension bleibt die Sache trotzdem hochsensibel, gerade weil der Fall über die Person hinaus eine ganze Branchen- und Machtkonstellation berührt. Wenn ein Unternehmenschef über Jahre hinweg ein Netzwerk aus Rekrutierung, Status und Zugang zu Karrierewegen aufgebaut haben soll, wird das in der öffentlichen Wahrnehmung nicht nur als individueller Prozess gelesen, sondern als Hinweis darauf, wie Rollen, Abhängigkeiten und Werthierarchien in bestimmten Milieus wirken können. Im Kern liegt jedoch weiterhin bei der Jury, ob die Anklagepunkte zutreffen. Solange keine Entscheidung in der Sache gefallen ist, bleibt die rechtliche Lage offen – aber die Hürde der Prozessfähigkeit ist nun genommen, was den Verfahrenskalender auf Long Island deutlich stabilisiert.
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