HOUSTON / LONDON (IT BOLTWISE) – Im NASA Johnson Space Center belegt Starlabs großflächiges Trainingsmockup eine reale Etage in Building 9. Dort soll ein mehrstöckiger Anlagenaufbau künftig helfen, Stationsdesigns nicht nur am Bildschirm, sondern im Alltag von Astronauten zu testen. NASA beschreibt dafür konkrete Nutzungsfälle wie Crew-Training, Prozedurentwicklung und die Aufarbeitung von Anomalien. Entscheidend bleibt: Das Mockup ist kein Flugsystem, zeigt aber, ob ein künftiger Stationsentwurf für echte Abläufe taugt.

Starlabs Mockup in NASA Building 9: So wird aus ISS-Nachfolge echte Trainingspraxis
Starlabs Mockup in NASA Building 9: So wird aus ISS-Nachfolge echte Trainingspraxis (Foto: IT BOLTWISE)
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Im Johnson Space Center in Houston wirkt die ISS-Nachfolge plötzlich weniger wie ein Diagramm und mehr wie Baustahl im Raum. Starlab hat im Building 9 beziehungsweise genauer in der dortigen Space Vehicle Mockup Facility eine mehrstöckige, erdgebundene Trainingsumgebung installiert, die bereits jetzt auf derselben Trainingsfläche mit Hardware aus mehreren Programm-Epochen steht. Damit rückt ein Prozess in den Fokus, der bei Raumfahrtprojekten oft zu abstrakt bleibt: Entscheidungen über Layouts, Schnittstellen und Abläufe werden dann richtig teuer, wenn sie erst in Flughardware oder im Orbit spürbar werden. Die neue Präsenz wirkt deshalb wie ein frühes Warnsignal gegen reines „Design-by-Renderings“.

Technisch ist die Anlage bewusst als Mockup ausgelegt. Es handelt sich um einen bodenseitigen Nachbau und keine druckführende Struktur, die unter Startlasten oder über Jahre im Orbit funktionieren soll. Genau dieser Unterschied prägt auch die Aussagekraft: Das Mockup kann nicht beweisen, dass ein bestimmtes Habitat vor dem Ende der ISS-Betriebsphase einsatzbereit ist. Was es aber sichtbar macht, ist die nächste Stufe der kommerziellen Stationsplanung, in der Astronauten und Ingenieurteams nicht nur prüfen, ob ein Konzept „baubar“ ist, sondern ob es in der Praxis bedienbar bleibt – mit ermüdeter Crew, in engen Passagen und unter Zeitdruck während eines Alarms.

Das Trainings-Setup setzt dazu auf einen modular veränderbaren Aufbau mit drei Ebenen. Der Stahlrahmen trägt dabei das Layout samt Beobachtungsbereichen, Arbeitsflächen, Stauraum und Zugängen, wobei um eine Hauben-/Shell-Struktur herum Strom-, Daten-, Beleuchtungs-, Belüftungs- und Brandschutzkomponenten integriert sind. Modulare Elemente wie Böden, Wände, Decken und Ausrüstungspanels sollen sich anpassen lassen, sobald sich das Stationsdesign weiterentwickelt. In der Erprobung liegt der praktische Nutzen: Flughardware muss Startlasten überstehen, Druck halten und lange zuverlässig funktionieren. Ein Trainer hat dagegen eine andere Aufgabe – wiederholtes Testen erlauben, Fehlannahmen in Layout oder Bedienlogik finden und korrigieren, ohne jedes Mal ein neues Raumschiff auf dem Prüfstand zu bauen.

Starlab beschreibt die geplante bewohnbare Einheit öffentlich mit einer Größenordnung von rund acht Metern Durchmesser und 17 Metern Länge sowie etwa 400 Kubikmetern bewohnbarem Volumen. Für die erdgebundene Variante wird dabei mit einer Stahl-Superstruktur und Treppen gearbeitet, damit Menschen die Ebenen unter Gravitation erreichen können. Im Orbit hingegen bestimmen Orientierung und Bewegung das reale Körpergefühl in der Mikrogravitation – und genau deshalb kann das Mockup nicht alles abbilden. Es kann keinen schwebenden Körperzustand erzeugen, nicht zeigen, wie sich lose Gegenstände im schwerkraftfreien Innenraum tatsächlich verdriften, und es kann die Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf Haltung sowie Reichweiten nicht vollständig simulieren. Dennoch adressiert das Setup eine ganze Reihe von typischen „Human-Factors“-Problemen, etwa ob zwei Personen an einem Engpass gleichzeitig passieren können, ob eine Luke durch Ausrüstung blockiert wird, ob Beschriftungen in der realen Blickachse lesbar bleiben, ob Werkzeuge durch definierte Wege transportierbar sind und wie sich eine verletzte Person in einem Notfall bewegen lässt.

Genau diese Art von Fehlerbildern lässt sich nur mit einem menschlichen Maßstab testen – und NASA führt dafür als Nutzungsfelder im Kern eine ganze Kette aus „Day-in-the-life“-Szenarien und harten Notfallübungen an. In einer Tagesroutine laufen Aufgaben wie Training, Mahlzeiten, Wartung, Wissenschaftstätigkeiten, Hygiene, Konferenzen und Schlaf typischerweise zeitlich und räumlich aufeinander zu. Die Reihenfolge entlarvt Konflikte, die verschwinden, wenn jedes Subsystem isoliert betrachtet wird: Ein offenes Rack kann eine Route versperren, ein lautes Gerät kann neben einem Schlafbereich liegen, zwei Tätigkeiten benötigen denselben Arbeitsbereich, und häufig genutzte Utensilien landen aus Designsicht zwar „nahe“, erzeugen aber in der Praxis unnötige Laufwege quer über Decks. Bei Notfallproben wird das noch härter: Teams müssen Atemschutz und Brandbekämpfungsmittel schnell finden, einen vermuteten Leckagepunkt isolieren, über mehrere Ebenen hinweg kommunizieren und einen Rückkehrweg auch dann erreichen, wenn Rauch, Verwirrung oder eine teilweise Stromunterbrechung die Orientierung erschweren. Spezialisten können dabei beobachten, wo Menschen zögern – und sowohl am Innenraum als auch an den Prozeduren nachschärfen.

Der Blick in die Geschichte macht deutlich, warum Building 9 dafür so gut passt. NASA errichtete die Anlage zwischen Dezember 1965 und März 1967; später trainierten Apollo 11-Astronauten dort 1969 Arbeiten auf der Mondoberfläche, bevor in den 1970er-Jahren Shuttle-Trainer folgten. Eine Erweiterung in den Jahren 1986 bis 1988 unterstützte Space Station Freedom, deren Arbeitsstand später in die ISS einfloss. Die Space Vehicle Mockup Facility ist damit kein „Museum“ mit einem festen Layout, sondern ein Trainingsboden, der Inhalte immer wieder getauscht hat – vom Apollo-Erbe über Shuttle und ISS-Bestandteile bis hin zu neuen Fahrzeugen in späteren Programmen. Was jetzt anders ist, betrifft die Eigentumslogik: Der nächste Low-Earth-Orbit-Ansatz soll nicht nur hardwareseitig, sondern auch organisatorisch auf kommerzielle, privat betriebene Stationen setzen, die zudem andere Kunden bedienen.

Daraus folgt auch, warum die kommerzielle Mischung auf dem Trainingsfloor für die ISS-Nachfolge so aussagekräftig ist. SpaceX ist als angekündigter Startanbieter sichtbar und transportiert bereits NASA-Crews zur ISS; Starlab wiederum positioniert seine Station als auf einen einzelnen Starship-Launch ausgerichtet. Das senkt zwar die Komplexität durch eine aktuelle Konzeptphase ohne Orbital Assembly, bindet aber die Terminkette an die Entwicklung und Zertifizierung des Startsystems. Blue Origin bringt daneben auch Programme mit Bezug zur Mondumgebung ein und plant laut NASA im Mai 2026 den Einsatz eines full-scale Blue Moon Mark 2 Crew-Cabin-Prototyps für Artemis-Training und -Tests. In der Satelliten- und Stationslandschaft gibt es außerdem Parallelen zu anderen kommerziellen Stationsteams: So wurden bei Orbital Reef Human-in-the-loop-Tests bereits auf die handhabungsnahe Komponente von Abläufen heruntergebrochen, etwa beim Öffnen von Hatch-Strukturen, beim Bewegen von Ausrüstung und beim Umgang mit handlungsunfähigen Crew-Mitgliedern. Das zeigt, dass Building 9 mehr als ein „Showroom“ ist: Es wird zu geteilter Infrastruktur, in der NASA für staatliche und kommerzielle Ziele trainieren kann, ohne so zu tun, als sei alles Teil einer einzigen Architektur.

Für Unternehmen und Projektverantwortliche steckt in dieser Installationsgeschichte eine klare Konsequenz: NASA muss später nicht nur Hardware beschaffen, sondern auch die „Betriebsrealität“ einkaufen – also Crew-Zeit, Forschungs- und Trainingskapazitäten sowie die passenden Mission-Support-Arrangements. Wenn ein Trainer-Setup wie das in Building 9 funktioniert, dann wird die abstrakte Marktplatzlogik greifbar: Räume, Decks und Arbeitsplätze werden so lange verändert, bis sie von Menschen in echten Routinen und in Notfällen praktisch beherrschbar sind. Gleichzeitig bleibt der Wettbewerb offen, weil Starlab nur ein Kandidat neben mehreren anderen Stationen und Servicepfaden ist. Selbst eine Zielmarke wie ein Starlab-Launch-Zeitpunkt im Jahr 2029 kann nur als Teilkette gelesen werden: Dazu müssen Flughabitat und Service-Modul gebaut und getestet werden, der Launcher muss rechtzeitig einsatzbereit sein, die beteiligten Sicherheitsteams müssen den relevanten Nachweis akzeptieren und die Station muss in Orbit vollständig in Betrieb gehen. Solange dieser Konvergenzpunkt nicht erreicht ist, ist das schwarze Stahlgerüst vor Ort vor allem eines: eine überprüfbare Arbeitsannahme in voller Größe. Und genau so sollten Entscheider sie auch behandeln.

Die nächsten Schritte werden zeigen, wie konsequent NASA und seine Partner die Erkenntnisse aus dem Mockup in reale Entscheidungen übersetzen. Beobachtbar sind dafür wiederholte Crew-Evaluierungen, Anpassungen am Innenleben, die industrielle Fertigung der Flugstruktur, Fortschritte beim jeweils gewählten Startsystem sowie die Vergabe von Services. Erst wenn diese Bausteine zusammenpassen, kann Building 9 im besten Fall zu jenem Ort werden, an dem Astronauten lernen, wie sich ein kommerzielles Stationsleben anfühlt – nicht in einer Simulation, sondern in einer Umgebung, die menschliche Faktoren in den Mittelpunkt rückt. Wenn die Konvergenz ausbleibt, wird sich der Trainingsboden ebenfalls wieder verändern. Building 9 hat dafür in den vergangenen Jahrzehnten bereits viele Belege geliefert.


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