LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Londoner Startup verbindet Selfies, reale Gegenstände und mobile Spiele zu einem sammelbaren Universum. Mit DREAMOSIS erzeugen Spieler in einer App aus Fotos und einem im Spiel entdeckten „Dreamdrop“ einen digitalen Relic, der in die persönliche Sammlung wandert. Die dazugehörige physische Sammellinie DREAMO bleibt als erkennbarer Charakter formbar und wird in unterschiedlich interpretierbaren Editionen umgesetzt. Damit zielt das Projekt auf eine Schleife zwischen digitaler Kreation und realen Sammlerstücken statt auf Einbahn-Erwartungen aus klassischem Merchandising.

Das Londoner Startup Novifolium Ltd setzt bei Sammlerstücken auf einen Perspektivwechsel: Nicht der Charakter ist der Ausgangspunkt, der später als Objekt im Regal endet, sondern der persönliche Input der Spieler soll die Welt formen. In diesem Ansatz tragen zwei eng gekoppelte Bausteine den Namen DREAMO (physisch) und DREAMOSIS (digital). Veröffentlicht wurden die beiden Konzepte laut Anbieter am 22. August als „paired physical-digital entertainment“ und beschreiben damit ein Unterhaltungsmodell, bei dem ein Sammelobjekt den Spieler nicht nur abholt, sondern seine eigene Umgebung in die Produktion der Inhalte hineinzieht.
Technisch wirkt der Kern von DREAMOSIS zunächst wie ein kreatives Fotospiel: In der App nimmt der Spieler ein Selfie auf, fotografiert beliebige Objekte aus der realen Welt und kombiniert diese Bilder mit einem im Spiel gefundenen „Dreamdrop“. Aus genau diesen drei Zutaten entsteht ein „digital Relic“, der anschließend als Teil der individuellen Sammlung gespeichert wird. Der Clou liegt dabei weniger im reinen Personalisierungsversprechen als in der Varianzlogik: Weil die Eingaben aus dem eigenen Alltag stammen, entstehen aus derselben Spielidee für zwei Personen sehr unterschiedliche Kollektionen, statt dass beide in exakt dieselbe Welt „eingeladen“ werden.
Für den Wiedererkennungswert sorgt das Konzept der Dreamdrops als verknüpfte Entdeckungen in parallel gedachten Versionen realer Orte. Im London-Setting können Dreamdrops etwa Bezüge zu Institutionen wie dem British Museum oder dem Highgate Cemetery haben, ebenso zu eher alltäglichen Spots wie Little Venice oder zur Barbican Conservatory. Ein Teil dieser Dreamdrops ist auf der Karte sichtbar, andere existieren zunächst nur als Gerüchte, bis ein Spieler sie im Spiel aufdeckt. Damit bekommt die App eine Art Sammelstruktur mit Erkundungscharakter: Man folgt nicht nur Missionen, sondern sucht nach Varianten, die an reale Orte angelehnt sind und zugleich eine „imagined“ Schicht aufspannen.
Auf der physischen Seite setzt DREAMO auf einen Charakter, der nicht statisch bleibt. Der physische Sammelcharakter soll in einer übergeordneten, wiedererkennbaren Form bestehen bleiben, während einzelne Editionen visuell stark variieren. Der Anbieter beschreibt als Beispiel eine Version im gespiegelten Silber-Look mit bernsteinfarbenen Sonnenbrillen und einem mit Farbspritzern versehenen Hut; spätere Interpretationen sollen Kleidung, Materialien und visuelle Kulturen wechseln können, ohne dass die zugrunde liegende Silhouette verschwindet. Das entlehnt Ideen aus der Designer-Toy-Welt, in der ein wiedererkennbare Grundform Kontinuität schafft, während Künstlerfarben und limitierte Material-Varianten die Identität weiterdeuten.
Historisch betrachtet ordnet sich das Projekt in eine Branche ein, die lange Zeit stark in eine Richtung funktionierte: Eine Geschichte produzierte eine Figur, die Figur wurde anschließend zur Ware. Novifolium beschreibt dagegen die Entwicklung von DREAMOSIS als kreisförmiges Modell, bei dem reale Eingaben in die digitale Welt fließen, aus denen Charaktere entstehen, die wiederum als physische Sammlerstücke zurück in die Realität gehen – und anschließend wieder die digitale Welt füttern. Damit wird das Regalerlebnis nicht als Endpunkt verstanden, sondern als Moment in einem fortlaufenden Kreislauf, in dem die Story auch nach dem Kauf weiter „lebt“. Als erster Schritt in die physische Domäne nennt der Anbieter eine Kickstarter-Kampagne für DREAMO, die laut Meldung erfolgreich finanziert wurde und frühen Unterstützern die Chance gibt, beim Launch Teil der Sammlung zu sein.
Genau hier schneidet das Projekt eine zweite Branche an: generative Technologien verändern derzeit, wie Spiele, Charaktere und digitale Welten überhaupt erstellt werden können. DREAMOSIS macht daraus jedoch kein rein technisches Buzzword, sondern verknüpft die Generierung explizit mit dem individuellen Material der Spieler – Gesicht, Besitz und erlebte Umgebung werden zu Rohstoffen. In der Praxis bedeutet das: Nicht „die“ eine Welt wird für alle gebaut, sondern im Idealfall viele Welten, die sich aus den persönlichen Zutaten ableiten. Ob diese Form der Individualisierung auch jenseits der frühen Kickstarter-Community trägt, bleibt offen, denn das Feld der Physical-Digital-Hybride ist laut allgemeiner Markterfahrung gemischt, und der Sammelmarkt ist bereits stark umkämpft.
Für Entscheider und Entwickler ist daran besonders relevant, wie konsequent Novifolium die Beziehung zwischen digitaler Kreation und physischer Knappheit neu denkt. Digitale Inhalte wirken im Markt oft beliebig replizierbar; DREAMO versucht dem mit „only select versions cross over into physical form“ entgegenzuwirken, also mit ausgewählten Editionen, die überhaupt die physische Ebene erreichen. Gleichzeitig ist das Angebot aktuell in der App-Logik verankert: DREAMOSIS ist für iOS und Android verfügbar, während für zukünftige DREAMO-Editionen noch keine Preise oder Versandzeitpläne genannt wurden. Für viele Unternehmen und Kreativteams liegt die strategische Frage damit weniger in der Existenz einer App, sondern in der Frage, wie gut sich eine Community-basierte Generierung in ein nachhaltiges Sammlermodell überführen lässt.
Unterm Strich liefert Novifolium ein klares, wiedererkennbares Narrativ: Das Sammelobjekt soll nicht nur „eine Figur“ sein, sondern eine von der eigenen Fotografie und Entdeckung getriebene Welt. Wenn das Konzept funktioniert, entsteht eine Sammlererfahrung, die sowohl die digitale Iteration als auch den physischen Besitzwert miteinander verzahnt. Für die nächsten Schritte wird entscheidend sein, ob Dreamdrops und Relics inhaltlich langfristig genug Tiefe bieten, um Wiederkehr zu fördern, und ob die physischen Editionen in einer für Sammler verständlichen Rhythmik nachziehen. Genau dieser Zusammenschluss aus generativer Personalisierung und kuratierten physischen Editions bestimmt, ob DREAMO & DREAMOSIS vom frühen Launch-Moment zu einem stabilen Ökosystem werden.
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