LONDON (IT BOLTWISE) – Ein neuer Bericht der Atlantic County Economic Alliance warnt vor massiven Jobverlusten in Atlantic City bis 2035. Trotz Rekordeinnahmen aus dem staatlichen Casino Revenue Fund sinkt die Zahl der lokalen Jobs auf 21.172 Stellen. Hintergrund ist die Verlagerung hin zu Online-Wetten und neue landbasierte Casinos in Nachbarregionen. Die Studie rechnet in einem Stress-Szenario mit dem Verlust von bis zu 8.005 Arbeitsplätzen.

Die Zahlen passen nicht zu den Schlagzeilen über Rekordeinnahmen: Während der staatliche Casino Revenue Fund im Jahr 2025 Einnahmen in Höhe von 801,5 Millionen Dollar meldet, zeigt die Beschäftigungsstatistik in Atlantic City einen gegensätzlichen Trend. Laut dem Bericht der Atlantic County Economic Alliance (ACEA) fällt die Zahl der direkt in Casino-Hotels beschäftigten Menschen im April 2026 auf einen Tiefstand von 21.172. Für die Region wirkt das wie ein wirtschaftlicher Bruch zwischen Geldfluss und Arbeitsmarkt – denn Online-Formate erzeugen zwar fiskalische Einnahmen, benötigen vor Ort aber deutlich weniger Personal als klassische Hotel-Casinos.
Besonders deutlich wird die Entkopplung, wenn man die Erlösquellen gegeneinander stellt. Das ACEA-Szenario verweist darauf, dass im Geschäftsjahr 2025 die Online-Einnahmen mit 2,91 Milliarden Dollar erstmals das klassische Geschäft der Vor-Ort-Casinos mit 2,89 Milliarden Dollar übertroffen haben. Genau daraus ergibt sich ein strukturelles Risiko: Wer vom Sofa aus spielt, verschiebt Nachfrage weg von Zimmern, Küche, Security und anderen Tätigkeiten, die zum täglichen Betrieb eines großen Standortes gehören. Damit sinkt die lokale Wertschöpfung, obwohl die Gesamtumsätze weiter steigen.
Die Warnung der ACEA zielt dabei nicht nur auf einzelne Beschäftigtengruppen, sondern auf das gesamte regionale Ökosystem. In Atlantic City hängen Einnahmen und Jobs nicht ausschließlich an den Spieltischen, sondern auch an Hotels, Gastronomie und Zulieferketten, die auf einen kontinuierlichen Gäste- und Eventbetrieb angewiesen sind. Der Bericht baut darauf, dass die Kombination aus dem Online-Boom und der geplanten Expansion landbasierter Casinos in New York City sowie im Norden von New Jersey Druck auf die stationären Standorte ausübt. Aus Sicht der Studie ist das keine kurzfristige Delle, sondern eine Entwicklung, die sich bis 2035 in Arbeitsmarkteffekten niederschlagen kann.
Für die betriebs- und finanzpolitische Diskussion sind vor allem die Szenarien entscheidend. Dr. Max Slusher rechnet bis zum Jahr 2035 verschiedene Verläufe durch, wobei das sogenannte Stress-Szenario besonders hart ausfällt: Demnach könnten bis zu 8.005 Arbeitsplätze und rund 1,805 Milliarden Dollar an regionaler Wirtschaftsleistung verloren gehen. Das entspräche etwa 44,2 Prozent der gesamten Umsatzbasis der stationären Casinos aus dem Jahr 2025. Schon in einem weniger dramatischen Verlauf sieht die ACEA 5.105 Jobs als hochgradig gefährdet – mit der erwarteten Folge, dass wirtschaftliche Belastungen überproportional in ärmeren Teilen der Region ankommen.
Die Studie verweist zudem auf eine soziale Ungleichheit innerhalb New Jerseys, die den Strukturwandel verstärken kann. Während Atlantic County bei der Kaufkraft auf Platz 19 von 21 Bezirken liegt, werden geplante Konkurrenzstandorte in wohlhabenderen Gegenden wie Bergen County verortet. Genau dort entsteht der politische Handlungsdruck: Präsidentin Lauren Moore fordert eine staatliche Strategie, um mögliche Einbußen bei der regionalen Wertschöpfung in Höhe von 1,8 Milliarden Dollar abzufedern. Der Kern des Vorschlags ist, die Abhängigkeit vom reinen Gaming zu senken und stattdessen den Tagungs- und Kongressmarkt stärker zu nutzen.
Technisch betrachtet geht es dabei weniger um eine einzelne Produktinnovation als um eine Verschiebung der Auslastungslogik. Atlantic City verfügt über mehr als 1,8 Millionen Quadratmeter Meeting-Fläche – ein Asset, das im wirtschaftlichen Wettbewerb dann besonders wertvoll wird, wenn klassische Casino-Besuche relativ weniger Personal binden. Die ACEA argumentiert, dass sich wegfallende Rollen aus dem Gaming-Bereich leichter auffangen lassen, sobald der Kalender über Messen, Konferenzen und Veranstaltungen planbarer wird. In so einem Modell entstehen andere Jobprofile: Veranstaltungsplanung, Technik, Catering, Security und Service-Teams orientieren sich stärker an Eventdichte und weniger an spontanen Spielmomenten.
Für europäische Beobachter liefert der Fall außerdem eine Spiegelung dessen, wie Regulierung Marktverschiebungen abfedern soll. In Deutschland legt der Glücksspielstaatsvertrag 2021 (GlüStV 2021) einen strengen Rahmen fest und verfolgt das Ziel, Online-Angebote mit dem Spielerschutz und den stationären Strukturen in ein ausbalanciertes Verhältnis zu bringen. Die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) arbeitet dabei mit Einzahlungs- und Einsatzlimits, etwa 1.000 Euro pro Monat, überwacht über das System LUGAS, sowie 1 Euro pro Spin an virtuellen Automaten. Die ACEA-Darstellung macht deutlich, warum solche Begrenzungen nicht nur den Spielerschutz adressieren, sondern auch verhindern sollen, dass Online-Wachstum die stationäre Infrastruktur zu schnell „kannibalisiert“ – mit genau den sozialen Effekten, die im Bericht für Atlantic City befürchtet werden.
Für lizenzierte Anbieter mit deutschen GGL-Regeln folgt daraus vor allem eine betriebliche Lehre: Umsatzwachstum im Online-Bereich ist kein Selbstzweck, wenn es lokale Beschäftigung und Infrastruktur aushöhlt. Wenn Online-Anteile steigen, müssen Betreiber die eigene Position in einem verantwortungsbewussten Unterhaltungs-Ökosystem stärker sichtbar machen und den Fokus auf Stabilität statt kurzfristige Gewinnmaximierung legen. Der Vergleich mit Atlantic City zeigt zudem, wie schnell sich aus einer Komfortbewegung („vom Sofa aus“) ein strukturelles Arbeitsplatzproblem entwickeln kann, sobald regulatorische Leitplanken fehlen oder nicht konsequent auf die Beschäftigungswirkungen ausgerichtet sind.
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