LONDON (IT BOLTWISE) – KI verändert nach Ansicht von Marcos Fernandez von FGV Capital die Abfolge von Unternehmensaufbau und Finanzierung. Gründer gewinnen mehr Zeit, weil Entwicklung und Tests schneller vonstattengehen, und Seed-Runden wachsen dabei teils in Richtung späterer Finanzierungsstufen. Entscheidend sei vor allem die Kunden-Traction: ob die Lösung messbar spart oder Umsatz erzeugt. Für Venture Capital wird damit der Hebel größer, den Investoren über Kapital hinaus für ein Startup liefern müssen.

Wie KI-Startups die VC-Reihenfolge verändern: Traction statt großer Seed-Checks
Wie KI-Startups die VC-Reihenfolge verändern: Traction statt großer Seed-Checks (Foto: IT BOLTWISE)
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In vielen frühen Startups verlief die Gründung bislang nach einem festen Muster: Erst das Team aufbauen, dann Produkt und Engineering eng verzahnen und häufig schon vor ausreichend intensiven Kundengesprächen die erste skalierbare Version bestimmen. Marcos Fernandez, Mitgründer und Managing Partner von FGV Capital, beschreibt genau dieses Timing als etwas, das sich verschiebt. „Artificial intelligence“ nimmt Druck aus dem klassischen Taktgeber, weil sich Entwicklungsschleifen verkürzen und Gründer früher testen können, wie gut ein konkretes Problem gelöst ist. Das schlägt sich nicht nur im Produktzyklus nieder, sondern auch im Moment, an dem zusätzliches Kapital nötig wird. Wenn der Weg von einer Idee zu einer brauchbaren Anwendung teilweise „in weeks“ oder sogar über sehr kurze Zeiträume möglich ist, wird Finanzierung stärker als Folge von Traction statt als Ergebnis eines starren Planbudgets geplant.

Am Seed-Markt beobachtet Fernandez außerdem eine Mischung aus Technologiedynamik und Fund-Mechanik: Manche Fonds mit milliardenschweren Plattformen investieren mittlerweile so früh wie Seed, zugleich steigen dadurch die Ticketgrößen. Der Hintergrund ist aus der Perspektive der Fondsökonomie logisch: Wer große Summen verwaltet, kann ein Portfolio nicht über eine Folge winziger Checks durchsteuern, ohne die internen Entscheidungs- und Deployement-Schritte zu stark zu fragmentieren. Im Ergebnis entstehen in der Konkurrenz um frühe Runde Werte, die sich eher wie spätere Finanzierungen anfühlen – mit größeren Seed-Runden und entsprechend höheren Bewertungen. Gerade deshalb warnt Fernandez davor, die Finanzierungsstrategie zu stark vom ersten großen Check bestimmen zu lassen. Eine belastbare Cap-Table-Struktur und eine sinnvolle Fundraising-Taktung bleiben relevant, besonders wenn der Investor, der eine frühe Bewertung mitträgt, in späteren Runden nicht automatisch erneut an Bord kommt.

Die eigentliche Währung einer KI-Firma sieht Fernandez jedoch nicht im Runde-zu-Runde-Verhalten, sondern in dem, was Kunden wirklich tun. Traction ist für ihn die „dauerhaftere“ Kennzahl, weil sie zeigt, dass Nutzer die Software verwenden und sich damit ein Weg zu Skalierung öffnet. Die Analogie „rock stars“ für Gründer und „roadies“ für Venture Capital ist in diesem Zusammenhang nicht nur rhetorisch: In einer KI-ökonomischen Logik haben Investoren weniger automatisch den gleichen Einfluss allein durch Kapital, wenn sich Produkt und erste Kunden schneller verfügbar machen lassen. Für VCs bedeutet das, dass sie konkret vorführen müssen, welchen Beitrag sie leisten, wenn ein Startup bereits ein funktionierendes Produkt, erste Nutzung und mehrere Optionen zur Finanzierung mitbringt. Geschwindigkeit verschiebt außerdem den Wettbewerb: Je kürzer der Abstand zwischen Produkt und Iteration, desto schneller können andere ähnliche Lösungen nachbauen. Das erhöht die Bedeutung von Distribution, Daten und einem klaren „Wedge“, der die Einstiegshürde auf ein spezifisches Vertikalsegment reduziert.

Technisch und kaufmännisch verknüpft sich diese Logik mit einer messbaren Zielgröße: FGV sucht nach Anwendungen, die gegenüber einem bestehenden Prozess eine „20 to 30X improvement“ ermöglichen. Dabei ist die Frage „will ein Kunde ein KI-Produkt?“ weniger entscheidend als die wirtschaftliche Folge, die vorher nicht oder nur schwer realisierbar war. Fernandez nennt Bereiche, in denen solche Effekte besonders sichtbar werden können, etwa Cybersecurity und Fraud, Versicherungsanwendungen sowie Healthcare. Aus der Perspektive der Geschäftsmodelle lässt sich das auf eine einfache Formel herunterbrechen: „either dollar saved or revenue generated“. Diese Klammer ist für die Praxis bedeutsam, weil sie die Brücke von Modellen zu Business Outcomes schlägt und damit den Verkaufsprozess gegenüber Unternehmen strukturiert. Wer intern bereits Software entwickeln kann, prüft dabei weniger eine Demo als vielmehr, ob das Produkt einen wirtschaftlich tragfähigen Hebel liefert – und ob dieser Hebel auch gegenüber Eigenentwicklung bestehen bleibt.

Auch die Frage, was für ein Startup „AI-native“ bedeutet, ordnet Fernandez dem unter. Er argumentiert, dass ein Einsatz von KI zum Programmieren, Testen, für Marketing-Programme und für effizienteres Betreiben zwar sinnvoll ist, aber nicht per se den Unterschied macht – „table stakes“, so seine Einordnung. Die weitergehende Bewertungslogik beginne tiefer unten: im konkreten Business-Problem und in den Ökonomien der Lösung. Diese Differenzierung ist gleichzeitig ein Marktkompass. Wenn KI die Implementierung beschleunigt, wächst die Gefahr, dass viele Unternehmen ähnliche technische Fähigkeiten zeigen, während die Differenzierung dann an Ergebnissen, Datengüte, Prozessintegration und Vertriebsfähigkeit hängt. Genau dort geraten VCs in eine neue Rolle: nicht nur Geldgeber, sondern Partner für Fähigkeiten, die mit Kapital allein schwer zu simulieren sind – etwa wenn sie ihren Zugang zu Kundenkanälen, Recruiting- und Operating-Kompetenz frühzeitig bereitstellen.

FGV beschreibt sein Investment- und Beratungsverständnis zudem als Blick „dorthin, wo Finanzaktivität hingeht“, nicht als starre Grenzziehung entlang klassischer Sektorlogik. Fernandez verweist auf grenzüberschreitende Finanzierung und Stablecoins, besonders in Märkten, in denen ineffiziente Fiat-Korridore den Bedarf an stabileren Wertdarstellungen erhöhen. Ebenso spielt agentic commerce eine Rolle, mit frühen Einsatzfällen im Reise- und Handelsumfeld. Daneben arbeitet die These mit einem Gegenbild: „dusty industries“, also etablierte Kategorien, in denen alte Prozesse nicht verschwinden, aber durch neue Softwarefunktionen präziser, günstiger oder schneller werden könnten. In der Praxis dürfte Adoption in Finanzdiensten ungleichmäßig verlaufen, weil Geld mit regulatorischen Anforderungen und Vertrauensfragen verbunden ist. In manchen Bereichen könnte KI Aufgaben teilweise delegieren; in Beziehungsgeschäften wie Wealth Management bleibt hingegen eher die menschliche Beziehung zentral, während KI bei Entscheidungen unterstützt. Für Venture Capital ähnelt der Druck dem in Startups: Wer zwischen großen Plattformfonds auf der einen Seite und spezialisierten Emerging Managers auf der anderen Seite sitzt, braucht eine konkrete Fähigkeit neben dem Kapital, sonst wird es schwierig, für passende Gründer attraktiv zu bleiben.

Für den VC-Betrieb stellt sich damit eine harte Frage nach dem „Job“ des Investors. Fernandez erwartet in den nächsten fünf Jahren, dass Investoren etwas „substantial“ und spezifisches liefern müssen – gebunden an einen Markt, einen Service oder ein konkretes Problem des Company-Building. FGV untermauert dies organisatorisch: Das Unternehmen schließt laut eigener Darstellung ein überzeichnetes Fund II über 35 Millionen US-Dollar, nachdem ursprünglich 25 Millionen US-Dollar als Ziel genannt worden waren; zugleich sei das verwaltete Gesamtvermögen auf über 60 Millionen US-Dollar gewachsen. Insgesamt investierte FGV in mehr als 40 Unternehmen über Fonds und Co-Investment-Vehikel, mit Schwerpunkten in FinTech, Healthtech und KI. Entscheidend ist aus der Argumentationslinie: „Capital’s commoditized“ – also Kapital allein ist austauschbarer geworden. Die Roadies müssen folglich mehr als nur den Scheck liefern: Sie sollen vor und nach der Investition Fähigkeiten, Netzwerk und operatives Know-how bereitstellen, damit Gründer die Traction schneller in skalierbare Ergebnisse verwandeln können.


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