BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der IW-Chef will den Vertrauensverlust des Dollars aktiv für Europa nutzen und den Euro langfristig zur globalen Leitwährung ausbauen. Dafür sieht er einen breiteren, handelbaren Euro-Anleihemarkt als Voraussetzung. Gleichzeitig grenzt er Euro-Bonds klar von einer automatischen Vergemeinschaftung sämtlicher Schulden ab. Entscheidend seien aus seiner Sicht verbindliche Regeln für gemeinsame Verschuldung sowie der Gleichlauf von Verteidigungsfähigkeit und Währungspolitik.

Die internationale Währungsordnung steht nach Einschätzung des IW-Direktors Michael Hüther unter spürbarem Druck. Hintergrund ist, dass die USA laut Intervieweinordnung sowohl am Devisen- als auch am Anleihemarkt stärker eingreifen, während parallel das Vertrauen in den Dollar erodiert. Für Europa ergibt sich daraus ein strategisches Zeitfenster: Wenn eine Reservewährung an Glaubwürdigkeit verliert, müssen andere Währungen ihre Infrastruktur und Finanzmarkttiefe so weit ausbauen, dass sie diese Rolle glaubhaft übernehmen können. Hüther stellt dabei nicht nur auf Symbolik ab, sondern auf die Mechanik: Eine globale Leitwährung braucht vor allem liquide Staats- und Swap-Märkte, sichere Emissionen und ein institutionelles Umfeld, das Risikoprämien stabilisiert.
Im Zentrum seines Arguments steht deshalb der Euro-Anleihemarkt. Hüther betont, dass ein mittel- und langfristig größerer Euro-Anleihemarkt die Finanzierungskosten der gesamten Währungsunion senken könne. Der technische Hebel dahinter ist relativ klar: Wenn mehr risikoarme, ausreichend große Wertpapiere in einem einheitlichen Marktsegment handelbar sind, sinken die Friktionen bei Absicherung, Positionierung und Refinanzierung. Für Investoren wird es dann leichter, Bestände zu halten, ohne jedes Mal auf andere, weniger standardisierte Instrumente ausweichen zu müssen. Gleichzeitig erleichtert ein tieferer Markt für Emittenten die Preisbildung, weil Liquidität nicht bei wenigen Laufzeiten und Fragmenten „eingekauft“ werden muss, sondern breiter verfügbar ist.
Damit rückt das Thema gemeinsame europäische Verschuldung in den Mittelpunkt. Hüther fordert, dass Europa ein Tabu brechen müsse und spricht explizit von einer „historischen Chance“, den Euro zur globalen Leitwährung zu entwickeln. Wichtig ist ihm zugleich eine begriffliche Abgrenzung: Euro-Bonds bedeuteten nicht automatisch, dass sämtliche Schulden vollständig vergemeinschaftet werden. In dieser Differenz liegt ein politisch-technischer Kernkonflikt, den die Debatte seit Jahren prägt: Befürworter sehen in gemeinsamen Anleihen vor allem einen Stabilitätsanker und eine Skalierung der Liquidität; Skeptiker verweisen auf Anreizeffekte, Budgetdisziplin und die Gefahr, dass Risiken ohne Gegensteuerung in den gemeinsamen Topf wandern. Hüther will offenbar genau diese automatische „Vergemeinschaftung als Pauschalformel“ vermeiden, indem er Bedingungen für gemeinsame Verschuldung stärker betont.
Der Ökonom leitet daraus auch eine Warnung für die politische Kommunikation ab. Er richtet sich gegen das Aufsetzen „von Scheuklappen“, sobald der Begriff Euro-Bonds fällt, und macht damit deutlich: Die Diskussion darf nicht nur an Labels hängen bleiben. Technisch betrachtet entscheidet darüber, wie ein gemeinsames Emissions- und Garantie-Design ausgestaltet wird, ob Marktteilnehmer tatsächlich von besserer Risikostreuung profitieren oder ob sie im Gegenteil zusätzliche Unsicherheit einpreisen. Solche Designs betreffen typischerweise Fragen wie Rangfolge und Haftung, die Ausgestaltung von Tilgungsregeln, Verfahren bei Verfehlungen sowie Transparenz über die Bedeckung künftiger Zahlungsverpflichtungen. Hüthers Argument zielt damit auf ein konsistentes Gesamtpaket aus Marktaufbau und Governance, nicht auf eine kurzfristige Finanzierungsmaßnahme.
Daneben verknüpft Hüther Währungspolitik explizit mit Verteidigungsfähigkeit. Das klingt in einer klassischen Makro-Debatte zunächst ungewöhnlich, lässt sich aber aus dem heutigen geopolitischen Umfeld logisch ableiten: Strategische Investitionen und Sicherheitsrisiken wirken über mehrere Kanäle auf Risikoaufschläge, Haushaltsplanung und mittelbare Inflations- sowie Wachstumsannahmen. Wenn Europa seine Handlungsfähigkeit erhöht, kann das die Erwartung stabilisieren, dass der Kontinent langfristig fiskalisch und institutionell planbar bleibt. Umgekehrt kann ein Auseinanderfallen von sicherheitspolitischer Priorität und wirtschaftspolitischer Ausrichtung die Glaubwürdigkeit untergraben, die für eine Leitwährungsrolle ebenfalls entscheidend ist. In dieser Perspektive wird Währungspolitik nicht als isoliertes Feld behandelt, sondern als Teil einer breiteren Stabilitätsarchitektur.
Für die Umsetzung bedeutet das: Europa müsste gemeinsame Verschuldung so strukturieren, dass sie einen realen Marktimpuls auslöst, also nicht nur Emissionen erzeugt, sondern ausreichend große, standardisierte und dauerhaft handelbare Instrumente. Gleichzeitig braucht es Regeln, die Investoren Klarheit über Risikoteilung und Verantwortlichkeiten geben. Der gewünschte Effekt – niedrigere Finanzierungskosten in der Währungsunion – hängt dann daran, ob die Marktteilnehmer die Governance als belastbar bewerten. Unabhängig vom politischen Streit über Euro-Bonds bleibt damit eine technische Grundfrage: Kann Europa durch ein glaubwürdiges Anleihe-Ökosystem die Rolle ausbauen, die eine globale Leitwährung benötigt, ohne die Kontrolle über Budget- und Risikoanreize zu verlieren. Genau hier setzt Hüthers „Chance“-Rahmung an: Sie will nicht nur reagieren, sondern einen strukturellen Vorteil aufbauen, bevor andere Entscheidungen die Kursrichtung dauerhaft festlegen.
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