BRÜSSEL / LONDON (IT BOLTWISE) – Die USA haben europäische NATO-Partner für große Fähigkeitslücken kritisiert, die in Nato-Bewertungen als „sea of red“ erscheinen. Elbridge Colby, Policy-Chef im Pentagon, will, dass Verbündete schneller in bestimmte konventionelle Waffensysteme investieren, die Washington seit Jahren bereitstellt. Im Zuge eines US-Reviews zu Truppen und Waffen in Europa, das bis Dezember abgeschlossen sein soll, könnten die Ergebnisse auch darüber entscheiden, was die USA abziehen. Gleichzeitig betont NATO-Generalsekretär Mark Rutte, der Prozess solle ein „ehrlicheres“ und „gleichberechtigteres“ Teilen von Lasten im Bündnis sichern.

Die Diskussionen in der NATO wirken diesmal weniger wie ein routinierter Abstimmungsprozess und mehr wie ein Drucktest. In Brüssel traf Elbridge Colby, Policy-Chef im Pentagon, NATO-Botschafter, um die europäische Verteidigungsplanung mit Blick auf eine Überprüfung der US-Truppen und Waffen in Europa einzuordnen, die laut dem Zeitplan der US-Seite bereits im Dezember enden soll. Der Kern der Botschaft: Die USA wollen mehr Tempo bei europäischen Investitionen und verknüpfen die Erwartung daran, wie schnell Washington seine Präsenz auf dem Kontinent anpasst.
Technisch betrachtet basiert die Bewertung auf einem farbcodierten Raster, das nationale Fähigkeitsbeiträge in einem Kompetenzmodell abbilden soll. Dabei werden geforderte Fähigkeiten als grün, amber oder rot markiert; „rot“ bedeutet in der Logik, dass die Mittel bzw. Beiträge als nicht ausreichend gelten. In der internen Darstellung gegenüber Beteiligten, die über die Gespräche berichteten, wird dieses Bild als „nicht schön“ beschrieben – sinngemäß, weil die Lücken in mehreren Bereichen sichtbar wären und sich ein „sea of red“ durch die nationalen Lagebilder zieht. Für die betroffenen Hauptstädte verschiebt das die Diskussion von abstrakten Budgetdebatten hin zu einer konkreten Frage: Welche Fähigkeitsblöcke lassen sich in der nächsten Haushalts- und Beschaffungsrunde so beschleunigen, dass ein rotes Profil zumindest teilweise in „amber“ überführt wird?
Colby verband die Kritik mit einer klaren Aufforderung zur Beschleunigung bei „kritischen konventionellen“ Waffensystemen, die aus US-Perspektive lange Zeit durch amerikanische Liefer- und Einsatzkapazitäten ergänzt wurden. Seine Argumentation zielte zudem auf ein dauerhaft tragfähiges eigenes Führungsprofil Europas: Es brauche einen NATO-Funktions- und „force model“-Ansatz, der Europa in die Lage versetzt, die eigene Verteidigung nachhaltig anzuführen. Gleichzeitig verwies er öffentlich auf konkrete Ländergruppen, darunter das Vereinigte Königreich, sowie mit Blick auf bestehende Anstrengungen auch Deutschland, Polen und die Niederlande. Genau diese Länder-Nennung macht deutlich, dass es nicht nur um eine allgemeine Aufstockung geht, sondern um einen Abgleich zwischen Bedarfslücken und dem, was in der Beschaffungspraxis tatsächlich vorankommt.
Parallel dazu stand eine Fragebogen-Komponente im Raum, die den politischen und operativen Handlungsrahmen der NATO-Partner systematisch abtasten soll. Demnach erkundigte sich Washington in schriftlicher Form bei NATO-Botschaftern, ob Regierungen US-Nutzung von Stützpunkten eingeschränkt hätten, ob sie Waffen bei US-Unternehmen einkaufen und ob sie den Kurs der US-Außenpolitik öffentlich unterstützen. Für die europäischen Hauptstädte erhöht das den Druck, weil es Beschaffung, Standortpolitik und außenpolitische Positionierung miteinander koppelt. Auch wenn daraus nicht automatisch sofort ein Automatismus folgt, verschiebt sich die Verhandlungslogik: Unternehmen und Beschaffungsstellen müssen zusätzlich zu technischen Anforderungen auch berücksichtigen, wie Beschaffungsketten und politische Signale in den US-Fragenbogen hineinwirken könnten.
Der Zeitdruck ist politisch eingebettet in eine bereits länger laufende US-Kritik an der NATO-Lastenteilung. Der US-Präsident und seine Administration haben wiederholt betont, dass Partner sich auf Schutz durch Washington stützen, aber ihre eigenen Verteidigungsbudgets nicht ausreichend erhöhen. Bereits im Juni kündigte der Verteidigungsminister Pete Hegseth eine sechsmonatige Überprüfung der US-Kräfte in Europa an, die „Freeriding“ beenden soll. Auf Bündnisebene wurde zudem eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben als Baseline vereinbart: bis 2035 auf 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, wobei 3,5 Prozent auf „core“-Elemente wie Waffen und Truppen entfallen. Nach NATO-Berechnungen sollen in diesem Jahr fünf der 32 Mitgliedstaaten die 3,5-Prozent-Anforderung voraussichtlich erreichen.
Aus Marktsicht wird damit sichtbar, warum die Gespräche nicht nur geopolitische Symbolik sind, sondern auch eine industriepolitische Wirkung entfalten können. Wenn US-Festlegungen künftig stärker an Fähigkeitslücken, Beschaffungspfad und Unterstützungsbereitschaft gekoppelt werden, geraten Beschaffungsprogramme unter Beschleunigungsdruck – etwa dort, wo europäische Streitkräfte zwar Budgetlinien besitzen, aber nicht rechtzeitig in die passenden Waffengattungen oder Systemarchitekturen investieren. Genau diese Verbindung erklärt, warum sich die Hauptstädte noch unsicher zeigen, wie der US-Review praktisch umgesetzt wird: Die Sorge lautet, dass Ergebnisse als Grundlage genutzt werden könnten, um Leistungen und Präsenz abzubauen, wenn kein sichtbarer Sprung in Ausgabeprofil und Fähigkeitsbeitrag entsteht.
Gleichzeitig betont Mark Rutte, der Generalsekretär der NATO, dass der Prozess entscheidend sei, um eine „ehrlichere“ und „gleichberechtigtere“ Aufteilung innerhalb des Bündnisses zu erreichen – eine Initiative, die in den Debatten als „NATO 3.0“ bezeichnet wird. Colby wiederum sagt, die USA blieben dem Bündnis verpflichtet, verweist aber darauf, dass Washington die strategische Einsatzstruktur der US-Kräfte in Europa auf hoher Ebene überprüfen müsse, um Prioritäten anders zu setzen. Diese Prioritätenverschiebung wird mit dem „westlichen Hemisphären“-Fokus und der „first island chain“ in Ostasien begründet. Für europäische Entscheidungsträger heißt das: Der technische Fähigkeitsabgleich, der farbcodierte Status und der politische Fragenbogen könnten zusammen den Maßstab bilden, an dem sich im Dezember entscheidet, wie groß der Anpassungsspielraum bei Waffen und Truppen tatsächlich ist.
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