LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Analyse politischer Einstellungen kommt zu dem Ergebnis, dass sich der Gender Gap auf vielen sozialen und kulturellen Themen über die letzten zwei Jahrzehnte kaum verbreitert hat. Zwar vertreten Männer und Frauen in einzelnen Bereichen unterschiedliche Schwerpunkte, doch die Veränderungen über die Zeit verlaufen oft parallel. Verantwortlich sind in den Daten vor allem Ereignisse, die alle Altersgruppen gleichzeitig erreichen. Damit rückt der Blick weg von einer dauerhaft „geschlechtsspezifischen“ Spaltung hin zu periodischen Schocks wie Rezessionen und Krisen.

Die Vorstellung, dass sich Politik und Gesellschaft entlang der Geschlechterlinie zunehmend auseinanderbewegen, wirkt in Debatten schnell plausibel. Umso interessanter ist, dass eine Auswertung von Umfragedaten das so pauschal nicht bestätigt: Der Gender Gap in den Einstellungen zu zahlreichen sozialen und kulturellen Fragen ist über rund zwei Jahrzehnte hinweg weitgehend stabil geblieben. Der Befund stammt aus einer Studie, die in Social Science Quarterly veröffentlicht wurde. Damit verschiebt sich der Fokus von einer dauerhaften „Kulturkriegs“-Erzählung hin zu der Frage, wie sich Meinungen überhaupt über die Zeit verändern und welche Dynamiken dahinterstehen.
Die Forschenden ordneten politische Einstellungen zu zehn konkreten Themen in drei inhaltliche Kategorien. In der ersten Kategorie ging es um „Care“-Themen und soziale Absicherung, unter anderem Hunger und Obdachlosigkeit, Kriminalität und Gewalt, Drogenkonsum sowie den Zugang zu Gesundheitsversorgung. Bei dieser Kategorie – ebenso wie in der zweiten, die soziale Stabilität und gesellschaftlichen Wandel abbildet (etwa Beziehungen zu ethnischen Minderheiten, illegale Einwanderung und Umweltqualität) – sollten die Teilnehmenden angeben, wie stark sie sich persönlich über das jeweilige Problem sorgen. Die dritte Kategorie adressierte Konflikte rund um Moral und Rechte, darunter Abtreibung, Waffengesetze sowie Akzeptanz von LGBTQ+; hier wurde stattdessen die Zufriedenheit mit den entsprechenden nationalen Politiken oder dem gesellschaftlichen Klima erfasst.
Methodisch trennte das Team zwei mögliche Ursachen für die Entwicklung der Meinungen: Kohorteneffekte und Periodeneffekte. Kohorteneffekte beschreiben, dass eine bestimmte Altersgruppe bereits in prägenden Lebensphasen eigene Werte und Deutungsmuster entwickelt und diese dann im Lebensverlauf mitnimmt. Periodeneffekte wirken dagegen über alle Altersgruppen hinweg, ausgelöst durch Ereignisse wie eine große Rezession oder eine globale Pandemie. Um herauszufinden, welche Kraft in den Daten dominiert, nutzten die Autorinnen und Autoren eine statistische Technik namens „cross-classified random effects modeling“. Dieses Vorgehen erlaubt, systematisch sowohl das Geburtsjahr als auch das Befragungsjahr zu berücksichtigen und so zu prüfen, ob Veränderungen eher „mit dem Jahrgang“ oder eher „mit dem Zeitpunkt“ zusammenhängen – zusätzlich kontrollierten sie demografische Faktoren wie Bildung, Einkommen, Herkunft (Race), Familienstand und politische Ideologie.
In den Ergebnissen zeigte sich über nahezu alle untersuchten Themen ein deutliches Muster: Periodeneffekte erklärten einen großen Anteil der Schwankungen in den Einstellungen. Wenn größere nationale Ereignisse auftraten, verschoben sich die Meinungen von Männern und Frauen häufig in dieselbe Richtung. Kohorteneffekte spielten hingegen eine wesentlich kleinere und weniger konsistente Rolle. Das ist besonders sichtbar bei Care- und Schutzthemen: Frauen äußerten zwar dauerhaft höhere Sorgen als Männer – etwa bei Hunger, Obdachlosigkeit oder Gesundheitsversorgung. Gleichzeitig stiegen die Sorgen in den großen Ausschlägen, die etwa in der Zeit der Rezession 2008 und während der COVID-19-Pandemie zu beobachten waren, bei beiden Geschlechtern ähnlich stark an. Nach diesen Spitzen sank die Sorge in der Regel wieder; weil beide Gruppen auf äußere Schocks weitgehend vergleichbar reagierten, blieb die Distanz zwischen ihren Positionen insgesamt nahezu gleich.
Ähnliche parallele Bewegungen zeigten sich bei Themen wie Kriminalität und Drogenkonsum. Auch hier sank die Besorgnis in der breiten Bevölkerung seit Anfang der 2000er Jahre über viele Befragungszeitpunkte hinweg – und die Richtung dieser Veränderung passt zu der dokumentierten Entwicklung der tatsächlichen Kriminalitätsraten in derselben Zeitspanne. In der zweiten Themenkategorie, zu Beziehungen zwischen gesellschaftlichen Gruppen und illegaler Einwanderung, verharrte der Gender Gap ebenfalls eher auf einem stabilen Niveau: Männer und Frauen zeigten vergleichbare Ausschläge, wenn die Wahrnehmung etwa durch kulturelle Momente verstärkt wurde, etwa durch die gesellschaftliche Aufmerksamkeit rund um „Black Lives Matter“. Bei der Umweltqualität gab es zwar einen kleineren, aber wiederkehrenden Unterschied zugunsten höherer Sorge bei Frauen; dennoch stiegen und fielen die Werte in den Folgejahren weitgehend synchron.
Auch bei Moral- und Rechtefragen zeichneten die Daten kein klares Bild einer geschlechtsspezifisch auseinanderlaufenden Meinungsbildung. Zufriedenheitswerte mit nationalen Politiken zu Abtreibung und Waffengesetzen gingen über die Zeit für beide Geschlechter tendenziell zurück. Für die Phase in den frühen 2010er Jahren wird dabei ein zeitlicher Zusammenhang mit der öffentlichen Welle nach dem Anschlag an der Sandy-Hook-Schule 2012 plausibilisiert, der sich in den Umfragemustern abbilden kann. Gleichzeitig wuchs die Zufriedenheit mit der Akzeptanz von LGBTQ+ über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg bei Männern und Frauen. Der Gesamtbefund lautet deshalb: Die Idee eines strikt nach Geschlecht gespaltenen Kulturkriegs trifft die Dynamik in den Daten nur teilweise. Viel häufiger wirken breit angelegte soziale, wirtschaftliche und politische Entwicklungen als Treiber, während geschlechtsspezifische Abweichungen eher im Hintergrund bleiben.
Die Autorinnen und Autoren begrenzen ihre Interpretation bewusst. Die Analyse startet im Jahr 2000, wodurch frühere Umbrüche in Geschlechterrollen und parteipolitischen Ausrichtungen nicht vollständig erfasst sind. Außerdem deuten die Ergebnisse darauf hin, dass beobachtbare Meinungsverschiebungen vor allem durch aktuelle Ereignisse geprägt sind; daraus folgt zugleich, dass heutige Muster nicht automatisch eine zuverlässige Prognose für kommende Jahre liefern. Ein neuer wirtschaftlicher Abschwung, eine große Entscheidung in einem Gerichtsverfahren oder eine spürbare politische Kurskorrektur könnten die Verläufe jederzeit neu anstoßen. Für Folgestudien schlagen die Forschenden zudem eine Erweiterung der Zeitachse vor sowie detailliertere Daten über das Zusammenspiel von Geschlecht mit weiteren Strukturvariablen wie Race, sozialer Lage und geografischem Kontext. So ließe sich prüfen, ob innerhalb der Geschlechtergruppen selbst relevante Unterschiede existieren, etwa zwischen verheirateten und unverheirateten Personen – und damit das Bild weiter differenzieren.
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